Musiker Scott Walker : Krieg dem Kanon

"The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore"? Das war einmal. Heute singt Scott Walker von Pest, Paranoia, Tod und Leere.
Scott Walker: früher blondes Teenie-Idol der Beat-Ära, heute finsterer Klangvisionär © Cecil Beaton

In Scott Walkers Klangraum herrscht Krieg. Gleich zu Beginn das unheilvolle Brummen von Blechbläsern, Steel-Gitarren ziehen wie Drohnen über das Poltern des Schlagzeugs, unterbrochen von kalten Fanfaren, die nächste Attacke kommt bestimmt. Die Bilder, die der Künstler uns im zehnminütigen Video zum Song Epizootics! reicht, sehen nach Wissenschaftsdoku aus: Zeitlupenstudien von Mensch und Natur, Szenen eines Stillstands. Und Epizootics! war nur die Vorhut, morgen erscheint mit dem Album Bish Bosch Walkers jüngster konzertierter Angriff auf unsere Hör- und Rezeptionsgewohnheiten.

Ein richtiger Brocken war zu erwarten gewesen. Walker, inzwischen 69, hat sich den Ruf eines schwer dechiffrierbaren Künstlers erworben, der sich an einer schwer dechiffrierbaren Welt abarbeitet. Im Mittelpunkt: das beistandslose Individuum, umzingelt von den Schrecken der Zivilisation. Barbarei und Leiden sprechen aus seinen verzwirbelten Wortreihen, Pest, Paranoia, Tod und Leere. Wohlkalkulierte Zumutungen, die dem studierten Bassisten und Sänger als Selbsttherapie dienen mögen. Scott Walker befindet sich auf einer langen Abschiedstour: Es gilt, eine Vergangenheit zurückzulassen, in der er die Zumutungen des Showbusiness kennenlernen musste.

Seit über einem Vierteljahrhundert probt der einst gülden gelockte Sänger der Walker Brothers nicht nur eine akribische Grenzziehung zum Popbetrieb, er distanziert sich auch zunehmend von sich selbst: Kein Popstar der fetten Jahre hat sich weiter von seinen Ursprüngen entfernt. Aus dem Teenager-Idol der Beat-Ära ist ein kantiger Klangvisionär und mit allen Wassern der Kryptik gewaschener Zeichensetzer der Post-Punk-Zeitrechnung geworden. Ein Mann der musikalischen Gewaltakte auch, der sich nur alle Jubeljahre aus seiner Eremitage meldet, in einer immer spitzer werdenden Auseinandersetzung mit der herrschenden Ordnung der Töne.

Es gibt keinen Halt mehr in der apokalyptischen Klangwelt von Bish Bosch: Walkers einst strahlender Bariton ist zum Kunstheulen geworden, das sich über vermintem Gelände erhebt. Was ist die angemessene Rezeptionshaltung angesichts detonierender Beats, verzerrter Industrial-Music-Gitarren und orchestrierter Geräusche, mittendrin die Stille, die einem Schuss folgt? Ist das noch U oder schon E? Neue Musik, für die es noch keinen besseren Namen gibt? Das Rätsel Scott Walker hat einen Verein britischer Spitzenkritiker auf den Plan gerufen, die sich in dem Essayband No Regrets um Erklärung bemühen – und stattdessen neue Fragen finden.

Ist dieser Scott Walker vielleicht ein moderner Todesbote, dem ähnliche Beachtung zu schenken wäre wie Beckett oder Joyce in ihren späten Werken? Oder ein genialer Komponist des Unbewussten? Vielleicht stimmt es ja, dass in seinen Arbeiten die Idee einer sonic fiction Realität wird. Das wäre der Versuch, diese Experimente als eine zeitgemäße Form der Geschichtsschreibung zu interpretieren, die aus der Kraft der Geräusche erwächst, befreit von Strophe, Refrain und dem Regelwerk traditionellen Erzählens. Vielleicht handelt es sich aber auch einfach um eine Kriegserklärung an jenen Pop-Kanon, den er selber mit seinen Aufnahmen in den Sechzigern bereicherte.

Die Walker Brothers waren damals ein Sensationserfolg – gerade noch rechtzeitig am Start, um dem britischen Beat-Hype eine attraktive amerikanische Variante folgen zu lassen. Die dreiköpfige US-Delegation stritt zwei Spielzeiten lang mit John, Paul, George und Ringo um den höchsten Hysteriepegel und die schönsten Frisuren im Pop, mit überragenden Gesangsharmonien ausgestattete Bilderbuchjungs, die irgendwo vom Himmel auf die Erde runterjubelten: The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore.

Seiner Musik soll man sich nähern wie einem Bild von Hieronymus Bosch

Mitte der Sechziger, als die Bühnenbrüder von ihrem Management nach England geschickt wurden, um dem Vietnamkrieg zu entkommen, pflegte die Musikindustrie ihre Stars als bessere Fließbandarbeiter zu beschäftigen – oft wurden sie gänzlich ohne Proben auf Tournee geschickt, für Fremdkompositionen ins Studio bestellt und nur mäßig entlohnt. Für Scott Walker, den ambitioniertesten Sänger des Trios, eine traumatische Erfahrung, die seine spätere Abneigung gegenüber Auftritten und Interviews begründen sollte. Als er aus der Hit-Truppe ausstieg, hatte er sich bereits in ein Kloster zurückgezogen, um gregorianische Chormusik zu studieren.

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Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

... Psychotiker? ...

Ich hab mir das Album runtergeladen.
Nach ein, zwei Titeln aufgehört, weiter zu hören.
Mich wundert, dass ein Label sowas überhaupt...
Aber es gibt ja für jeden Schwachfug Liebhaber. Auch Dixieland hören manche noch. Oder Free Jazz. Oder alte deutsche Schlager. Sollen sie. Mögen sie damit glücklich werden.
Musik nenn' ich dies Album nicht. Der Mann (Scott W.) hat ganz offensichtlich Probleme und wenn er die mit Hilfe anderer Spinner (seinen paar Käufer) kurieren kann: bitte sehr.
Es gibt zum Glück reichlich anderes und besseres, man muss sich damit nicht aufhalten; mein Exemplar ist im Mülleimer gelandet. Die Musikgeschichte ist lang & Umfangreich und als download oder etwas teurere CD schnell und preiswert zu haben...