Ernst Ludwig KirchnerNackt in der Natur

Die Hannoveraner Galerie Koch verkauft ein Skizzenbuch von Ernst Ludwig Kirchner – in seinen Einzelteilen. von Stefan Koldehoff

Tanzende Akte im Atelier, ein Blumenstillleben mit Holzplastik, zwei nackte Frauen mit Grammofon, Figuren an einem Teich und immer wieder Akte in der Natur – es sind die Grundthemen der einstigen Künstlergemeinschaft Brücke, die Ernst Ludwig Kirchner in seinem großen schwarzen Skizzenbuch noch einmal aufgreift. Spät tut er das: Auf 1929 datiert Gerd Presler, Autor des Werkverzeichnisses der Skizzenbücher Kirchners, die ersten Zeichnungen in dem in schwarzes Wachstuch gebundenen Exemplar. Die spätesten stammen wohl von 1938 – aus jenem schicksalhaften Jahr, in dem sich Kirchner, morphiumsüchtig und tief verzweifelt über die Verfemung seiner Werke in Deutschland, am 15. Juni das Leben nehmen wird.

»Der Verbleib ist nicht bekannt«, musste Gerd Presler noch 1996 in seinen Catalogue raisonné schreiben, in dem er dem dicken Heft mit den roten Blattkanten die Nummer 159 gab. Zwar wusste man, dass es einmal im Besitz von Lise Gujer war. Mit der Weberin, die nahe dem Wohnhaus von Kirchner auf dem Wildboden bei Davos lebte, hatte der Maler seit 1921 zusammengearbeitet, sie webte nach seinen Entwürfen Wandteppiche. Als dann aber ein Jahr nach Gujers Tod mit deren Nachlass auch das Skizzenbuch versteigert wurde, verlor sich seine Spur für Jahrzehnte.

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Vier Jahrzehnte lang hat dieses Buch in einem Safe gelegen

Auf immerhin 8.000 Schweizer Franken waren die 96 enthaltenen Skizzen im Juni 1968 im Berner Auktionshaus Kornfeld und Klipstein geschätzt – auch wenn Kirchners Skizzenbücher damals noch kaum jemanden interessierten. Umso erstaunlichere 14.000 Franken zahlte schließlich ein Unbekannter. Gerd Presler vermutet dahinter die Londoner Galerie Marlborough Fine Art. In einem ihrer Kataloge tauchte das Skizzenbuch nämlich 1969 noch ein letztes Mal auf. Danach verschwand es für 43 Jahre aus der Öffentlichkeit.

»Kirchners Skizzenbuch Nummer 159 hat vier Jahrzehnte in einem Safe gelegen«, ist alles, was man dem Hannoveraner Galeristen Ole-Christian Koch über die Quelle entlocken kann, aus der das Zeichnungskonvolut schließlich in seine Hände kam.

Auf der Kunstmesse Cologne Fine Art & Antiques in Köln war es in der vergangenen Woche zum ersten Mal wieder öffentlich zu sehen – nicht mehr als Skizzenbuch allerdings, sondern als 83 einzelne gerahmte Zeichnungen in Tinte, Tusche, Bleistift und Kreide (einige wenige enthalten Skizzen auf Vorder- und Rückseite). Natürlich gibt Koch nicht preis, woher er seine Trouvaille hat. Dafür erzählt er, dass das Skizzenbuch weder dem Kirchner-Nachlass, den die Wichtracher Galerie Henze & Ketterer betreut, noch dem Kirchner-Museum in Davos angeboten worden sei: »Von den 181 erhaltenen Skizzenbüchern Kirchners befinden sich dank den Nachlassverwaltern 165 in Davos. Ich glaube nicht, dass man sich da auch noch für ein 166. hätte engagieren wollen.«

Zeitzeugen berichteten, dass Kirchner kaum einen Tag ohne Zeichenmaterial und eins jener Hefte gewesen sei, die er bei 13 verschiedenen Händlern an seinen verschiedenen Wohnorten kaufte. »Ich zeichnete oft an einem Tag 50 Blätter voll«, beschrieb er selbst seine Arbeitsweise. »Es vergeht auch heute noch kein Tag, ohne dass nicht einmal der Zeichenstift in Tätigkeit käme.« 1943, fünf Jahre nach seinem Tod, entschloss sich Kirchners Lebensgefährtin Erna Schilling, das Wildbodenhaus neu einzurichten. Als sie sich deshalb von vielem trennte, übernahm auch Lise Gujer zahlreiche Einzelblätter und Konvolute. In den internationalen Kunsthandel fanden sie erst viel später – wie auch andere Teile des Kirchner-Nachlasses.

Weil Ernst Ludwig Kirchner kinderlos blieb, erbte der Bruder des Malers, der Diplomingenieur Walter Kirchner in Biberach. Rund 30.000 Arbeiten, Gemälde, Zeichnungen und Plastiken, schuf der Expressionist, so die Schätzung. Tausende davon lagerten in Davos, wo Kirchner seit 1917 gelebt hatte. Nach dem Krieg aber galten die Gemälde und Radierungen, Skizzen, Möbel und Skulpturen als »Feindvermögen« – denn Kirchner hatte die deutsche Staatsangehörigkeit behalten. 1945 wurde sein Nachlass deshalb zunächst ins Kunstmuseum Basel gebracht, dort inventarisiert und mit einem offiziellen Nachlass-Stempel markiert. Erst Mitte der fünfziger Jahre begann die Schweiz, die Arbeiten nach und nach freizugeben: allein 1955 etwa rund 340 Gemälde, 9.000 Handzeichnungen und eine große Anzahl von Druckgrafiken.

Zwischen 2.800 und 20.000 Euro kostet ein einzelnes Blatt

Walter Kirchner beauftragte zunächst den New Yorker Galeristen Curt Valentin mit Verkäufen. Als der auf dem noch sehr expressionismusskeptischen US-Markt aber eher bescheidene Preise erzielte, kam die Chance seines deutschen Selfmade-Kollegen Roman Norbert Ketterer aus Stuttgart. Er ließ sich von den Erben des Bruders als Nachlassverwalter einsetzen und lagerte Kirchners Arbeiten im Felsenkeller des Alten Schlosses in Stuttgart ein. »Die Erben hatten nur eine vage Vorstellung von der Vielzahl der Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Lithographien, Druckstöcke und Holzschnitzereien, die ihr Onkel in der Schweiz zurückgelassen hatte, als er 1938 den Revolver an die Schläfe setzte«, schrieb damals der Spiegel. Ketterers Tochter Ingeborg gründete später gemeinsam mit ihrem Bruder Günther und ihrem Ehemann Wolfgang Henze die Galerie Henze & Ketterer in Wichtrach bei Bern, die nach wie vor auch den Kirchner-Nachlass verwaltet, aufarbeitet und das Werkverzeichnis führt.

Zwischen 2.800 und 20.000 Euro kosten nun die 83 einzelnen Blätter, die die Galerie Koch aus dem ungewöhnlich großformatigen Skizzenbuch Nummer 159 anbietet. Zu den niedriger bewerteten Blättern gehören unter anderem spätere Darstellungen von Eishockeyspielern, die auch das Motiv für Gemälde abgaben, oder rasche Skizzen von tanzenden Frauenakten. Für 12.800 Euro wird die blattfüllende Federzeichnung einer Tänzerin angeboten, die sehr genau mit einem von Kirchner aufgenommenen Aktfoto von circa 1929 korrespondiert. 13.500 Euro kosten die beiden in schwarzer Kreide festgehaltenen Frauen mit Grammofon. Erst jetzt im Herbst 2012 sei die Entscheidung gefallen, das Skizzenbuch nicht als Ganzes, sondern als Einzelblätter zu verkaufen, bestätigt Gerd Presler. Sieben Seiten seien ohnehin schon vorher herausgerissen worden – vielleicht von Kirchner, vielleicht von anderen: »Zwischen 1968 und heute durchlief das Skizzenbuchschaffen von Ernst Ludwig Kirchner einen Wandel von fast völliger Nichtbeachtung zu hoher Wertschätzung.« Das jetzt angebotene Exemplar sei nicht nur deshalb besonders interessant, weil es mit 295 mal 205 Millimetern doppelt so groß wie die Mehrzahl der anderen Skizzenbücher Kirchners ist, sondern auch wegen der für ihn so zentralen Motive.

Sicher steckt hinter dem Verkauf der einzelnen Blätter also berechtigtes kommerzielles Kalkül. Die Nachlassverwaltung nämlich war und ist durchaus bemüht, noch auftauchende und für echt befundene Skizzenbücher dauerhaft vollständig zu erhalten. Unter anderem deshalb wurde das Kirchner-Museum in Davos in seiner heutigen Form 1992 auch als Forschungsstätte gegründet. Als zuletzt im Mai 2008 bei Lempertz in Köln ein komplettes Skizzenbuch mit 95 Skizzen aus den Jahren 1921 bis 1925 aus französischem Privatbesitz versteigert wurde, war es Wolfgang Henze, der dafür erfolgreich 85.000 Euro bot – es war dann 2010 in der großen Kirchner-Retrospektive im Frankfurter Städel zu sehen.

Als Einheit bleibt das Skizzenbuch Nummer 159 nun immerhin im aufwendigen Faksimilekatalog erhalten, der mit schwarzem Cover und abgerundeten Ecken wie das Original wirkt und ab 1. Dezember auch in der Galerie Koch für 15 Euro erhältlich ist: Dann werden in Hannover jene Blätter gezeigt, die jetzt in Köln nicht schon verkauft wurden.

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Leserkommentare
  1. 1. wobei

    sich mir die frage auftut wer dieses gekritzel das echt jeder schüler so zeichnen könnte als kunst deklariert?

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    Es handelt sich hier um ein Skizzenbuch, da wird eben auch mal gekritzelt - Vorbereitung zur "Kunst" (oder zu dem, was immer auch jeder darunter verstehen mag...).

  2. Es handelt sich hier um ein Skizzenbuch, da wird eben auch mal gekritzelt - Vorbereitung zur "Kunst" (oder zu dem, was immer auch jeder darunter verstehen mag...).

    Antwort auf "wobei"

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