SpionageDie Verschwörung gegen Brandt
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Die erste Aufgabe: Personal für das Nachrichtennetz zu finden

Die erste drängende Frage: Woher sollen CDU und CSU das Personal nehmen? Ohne Hauptamtliche kann es aus Sicht der Politiker keinen Informationsdienst geben. Sie beschließen, ihnen nahestehende BND-Mitarbeiter abzuwerben. Als Ersten nehmen sie Hans Langemann in den Blick, damals für den BND in Rom. Er leitet die dortige Residentur, das sind die "Botschaften" des Dienstes im Ausland. Doch die CDU- und CSU-Bundespolitiker kommen zu spät: Der bayerische Kultusminister Ludwig Huber bemüht sich bereits um Langemann und will ihn als auslandsnachrichtendienstlichen Berater der Olympischen Spiele 1972 gewinnen.

Die andere Option: Hans Christoph von Stauffenberg, ein weiterer ehemaliger Mitarbeiter Langkaus. Er arbeitet in einer verdeckten Münchner BND-Außenstelle. Von seinem kleinen Büro geben die Mitarbeiter Hinweise an die Zentrale in Pullach, welche Informationen die Agenten beschaffen sollen. Im Jargon des Dienstes heißt das Steuerungshinweis – die Hauptaufgabe des damals 58-Jährigen. Er wertet Meldungen und Nachrichten aus, führt somit keine Agenten. Auf Fotos wirkt der Baron eher wie ein Künstler, Schauspieler oder Intellektueller: schmal, mittelgroß, stets korrekt und geschmackvoll gekleidet mit Jackett und Krawatte. 

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Stauffenberg – bei diesem Namen denkt wohl jeder zuerst an Claus von Stauffenberg, den Offizier der deutschen Wehrmacht, der am 20. Juli 1944 Hitler töten wollte. Anders als der spätere Attentäter machte Hans Christoph von Stauffenberg keine militärische Karriere, eine Krankheit verhinderte den Fronteinsatz. Stattdessen befragte er Kriegsgefangene in einem Lager bei Oberursel. Als Student war er 1933 in die NSDAP eingetreten, hielt sich jedoch bald von der Partei fern. Am Tag des Attentats auf Hitler saß Stauffenberg mit seiner Frau Camilla in der Oper in Bad Homburg und sah sich die Hochzeit des Figaro an. Die Gestapo nahm das Ehepaar, wie fast alle Stauffenbergs, wenige Tage danach in Sippenhaft.

In Hans Christoph von Stauffenberg finden die Eingeweihten aus CDU und CSU einen Leiter für ihren Dienst. Es taucht nur das Problem auf, dass der nach 12 Jahren im BND nicht seine Ansprüche aus dem öffentlichen Dienst verlieren soll. Außerdem sieht der Plan vor, noch eine Übersetzerin und seine Sekretärin zu übernehmen. Es entsteht die Idee, sie gemeinsam in der bayerischen Staatskanzlei unterzubringen.

Damit das gelingt, muss Guttenberg für seinen Freund und Verwandten Stauffenberg bei seinen Kollegen im bayerischen Kabinett werben. Inzwischen bemüht sich Stauffenberg um die Unterstützung seines langjährigen Freundes Casimir Prinz zu Sayn-Wittgenstein. 1969 ist dieser noch nicht Schatzmeister der hessischen CDU, was ihn Jahrzehnte später zu einer der Schlüsselfiguren der CDU-Parteispendenaffäre werden ließ. Sayn-Wittgenstein war es, der rund 20 Millionen Mark auf ein CDU-Konto in der Schweiz gebracht hatte und deren Herkunft als "jüdische Vermächtnisse" zu deklarieren versuchte. Er wurde wegen Untreue angeklagt, das Verfahren wurde allerdings wegen seines schlechten Gesundheitszustandes 2005 eingestellt.

Die Freunde Sayn-Wittgenstein und Stauffenberg verbindet ein dramatisches Ereignis zur Zeit des Nationalsozialismus. Sayn-Wittgensteins Mutter hatte in zweiter Ehe den jüdischen Unternehmer Richard Merton geheiratet. Dem Paar war in letzter Minute die Ausreise ins britische Exil geglückt, Casimir und sein Bruder August Richard zu Sayn-Wittgenstein blieben und versuchten 1939, mit der Gestapo über das beschlagnahmte Familienvermögen zu verhandeln. Das kostete August Richard das Leben. Casimir fand ihn sterbend in einem Berliner Hotel. Stauffenberg kam noch mit einem Arzt dorthin, doch es war zu spät. Offizielle Todesursache: Selbstmord.

1969 zieht es Sayn-Wittgenstein in die Politik, auch bei ihm dient als Begründung die Ablehnung der neuen Ostpolitik. Er hat sich bisher auf seine Karriere im Familienunternehmen, der Frankfurter Metallgesellschaft AG, konzentriert. Seine Wirtschaftskontakte, so Stauffenbergs Hoffnung, könnten dem Dienst sehr helfen. Bald wird sich Sayn-Wittgenstein als Spendensammler bewähren müssen. Eine Aufzeichnung Guttenbergs, wahrscheinlich aus dem Jahr 1970, offenbart, dass fast die Hälfte der Kosten für den Nachrichtendienst durch Spenden hereinkommen soll: Darin heißt es, die Wirtschaft Nordrhein-Westfalens habe 100000 Mark zugesagt. Die CDU wolle prüfen, ob sie ebenfalls 100000 Mark zahlen könne. 50000 Mark stelle die CSU in Aussicht. Von der süddeutschen Industrie erhoffe man sich 100000 Mark.

Stauffenbergs pensionierter Chef Langkau beginnt bereits im Frühjahr 1970 mit einer kleinen privaten Gruppe in München. Er nimmt Kontakt zu seinen ehemaligen Quellen auf, bittet sie um ihre Mitarbeit. Eine von ihnen führt das oben erwähnte Gespräch mit Kissinger im März 1970 in Washington. Langkau erreicht danach die Meldung, der Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten habe erwähnt, Bahr lasse dem Weißen Haus auf Umwegen Berichte über seine Gespräche in Moskau zukommen. Kissinger vermute jedoch, so der Informant, dass der Unterhändler der Bonner Regierung nicht alles sage, was sich zwischen ihm und den Sowjets abspiele.

Leserkommentare
  1. Diesen tollen Artikel würde ich jetzt gerne direkt bezahlen. Wirklich wahr, denn genau solchen Journalismus brauchen wir. Warum nur ist hier nirgends ein "KAUF MICH" Knopf integriert? Warum jammern die Verlage so laut über Geld, das Google ihnen angeblich klaut, anstatt das Netz endlich mal zu nutzen, um Geld zu VERDIENEN?

    Alleine dieser Artikel wäre mir jetzt gerade den Preis einer Ausgabe der ZEIT wert gewesen. Vielleicht gehe ich morgen zum Kiosk und kaufe mir einfach eine ZEIT, aber schön wäre es doch gewesen, wenn es jetzt hier einen kleinen, EINFACHEN Bezahlmechanismus gäbe (nicht so ein langwieriger Anmeldeprozess wie man ihn durchlaufen muss wenn man nur einen enzelnen Kommentar loswerden will :( ), mit dem ich Ihnen einen Obulus zukommen lassen könnte.

    Naja. Trotzdem ein erschütternder Artikel. Wenn man so etwas liest, fragt man sich, warum so viele Medien Verschwörungstheorien als Blödsinn abtun. Was muss denn noch alles aufgedeckt werden, damit auch unsere 4. Gewalt mal zu dem Schluss kommt, dass unser gesamtes System bis zum Kinn in einem tiefen Morast steckt? Nur darf man so etwas ja inzwischen gar nicht mehr aussprechen, ohne gleich für geistig umnachtet erklärt zu werden.

    Leider fürchte ich, dass dieser Kommentar die Moderation nicht übersteht, also raubmordkopiere ich ihn mir direkt in mein Blog. Aber keine Angst, ich werde kein Geld dafür verlangen, dass Sie meine geistige Leistung auf Ihrer Website veröffentlichen.

    Mit frdl. Grüßen, ein Zahlungswilliger

    2 Leserempfehlungen
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    wenn Sie bedauern, dass der Artikel keinen "Bezahl-Button" hat:
    Sie koennen gerne einfach einen, Ihrer Meinung nach, angemessenen Betrag online, oder via Bank, an den Herausgeber senden- Man nennt dies eine Ueberweisung, und sie benoetigt in der Regel weniger als 239 Woerter.

    Schoenen Advent.

    • skjoell
    • 02. Dezember 2012 14:06 Uhr

    ich würds generell begrüßen, Artikel bestimmter Autoren kostenpflichtig abonnieren zu können, so dass diese mir ohne weiteres Zutun zugeschickt werden. Die komplette "Zeit" möchte ich nämlich nicht mehr abonnieren; nicht, wenn ich daran denke, welche Texte ich dadurch mitfinanziere. Deutlicher werde ich wohl besser nicht. ;)

    • unico
    • 02. Dezember 2012 14:47 Uhr

    Den Artikel finden sie im aktuellen ZEITmagazin, nicht der ZEIT.
    Im Übrigen fand ich ihn auch äußerst spannend und die Reaktion der CDU/CSU ("Keine Ahnung", "Kein Kommentar") bezeichnend und beschämend.

    LG

    • AndreD
    • 03. Dezember 2012 15:37 Uhr

    meldet sich heute Frank Rieger vom CCC.

    http://www.faz.net/aktuel...

    Ein sehr kluger Artikel. :-)

    Ja, ich würde auch Geld für den Artikel bezahlen, aber leider ist die ZEIT unfähiger als die taz, die immerhin Flattr und andere Bezahlmöglichkeiten integriert hat.

  2. Was ist denn hier los? Brenzliger Stoff und keiner liest?

    Sonst: Globke, Kiesinger, zu Guttenberg und Strauß und Gehlen. Das hätte man sich doch nur in seinen wildesten Verschwörungstheorien ausgemalt! Echt grandios. :D

    Weiterhin erfüllt es mich mit einiger Freunde, am selben Tag gleich zwei sehr gute Artikel lesen dürfen (diesen und jenen über die PR der sog. Klimaskeptiker). Ich kann dem ersten Kommentator nur zustimmen und ergänzen, dass solche Artikel in der Tat einen Anreiz für ein Abonnement darstellen. Liebe Zeit, keine Angst vor umfänglichen und komplexen Themen. Wir können damit umgehen und zahlen dafür dann auch gern.

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    wäre vielleicht ein besserer Titel gewesen. Die Bezugnahme auf Brandt suggeriert "alte kamellen, natürlich gab es da eine Verschwörung" und weckt dadurch wenig Interesse.

    Ob dieser Geheimdient je ein Ende fand bleibt eine spannende Frage.

  3. 3. Danke!

    Danke frau Waske für ihren Artikel. Ich hoffe, man liest noch mehr von ihnen.

    • Gallier
    • 30. November 2012 16:15 Uhr

    Jahrzehnte lang wird die Gefahr vor der Linken in Deutschland beschworen. Und wo waren/sind die echten Verfassungsfeinde? In der CDU/CSU, ein Sammelbecken für NSDAP-Mitglieder und -anhänger.
    Vor solchen "Freunden" der demokratischen Grundordnung kann einem nur bange sein.

  4. Starker Artikel ... und natürlich starker Stoff.

    Noch etwas sprachlos, auch ein Danke von mir.

  5. Kein wunder, dass sich kaum jemand dafür interessiert, neu ist die Geschichte nämlich nicht.

    So oder so ähnlich wurde es bereits hier beschrieben:

    Gegen Freund und Feind. Der BND: Geheime Politik und schmutzige Geschäfte, Peter F. Müller (Autor), Michael Mueller (Autor), Erich Schmidt-Eenboom (Autor), 2002

    http://www.amazon.de/Gege...

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    • hairy
    • 02. Dezember 2012 10:31 Uhr

    wusste das nicht... und glaube doch, dass viele von solchen zuständen auch nichts wussten. trotz vielleicht schon eher publizierter bücher...

  6. ich "Osrbüro" aufgebaut hatte, dessen Aktenbstände dann auch einem unerwarteten Brand zum Opfer gefallen sind?

    MfG KM

  7. hat sich bis heute nicht viel geändeert. Da werden Linke vom BND beobachtet während Rechte jahrelang morden können.
    Eine soveräne Staatsenscheidung gibt es ach bis heute nicht ohne das OK der USA.
    Als Schröder den Irak- Krieg ablehnte mußte er abtreten. Frau Merkel, die damals zu Bush reiste versicherte, daß das nicht die entscheidung des deutschen Volkes sei und damit log wurde danach Kanzlerin.
    Die Absage der Teilnahme an völkerrechtswidriger Krieg der USA wurde von der CDU- CSU als Anlaß genommen Schröder für den Bruch der amerikanisch - deutschen Freundschaft verantwortlich zu machen.
    Guaqntanamo etc. stören die Freundschaft nicht. Das ist keine Freundschaft das ist vasallenhaft. Noch heute.
    Traurig aber wahr, Deutschland ist das einzige Land was unter Besatzung glücklich und zufrieden scheint.

    Eine Leserempfehlung

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