SpionageDie Verschwörung gegen Brandt
Seite 4/6:

Bei CDU/CSU hieß es, der Sachverhalt sei unbekannt. Kein Kommentar

Kissinger und Bahr hatten im Oktober 1969 verabredet, einen back channel einzurichten, einen direkten Kontakt an der Bürokratie vorbei – der sollte jedoch absolut geheim bleiben und Vertrauen herstellen. Auf US-Seite sollte nur noch Kissingers Mitarbeiter Helmut Sonnenfeldt etwas wissen, auf deutscher Willy Brandt und Kanzleramtschef Horst Ehmke. Wer die Kissinger-Meldung des Informanten noch erhielt, ist nicht überliefert. Sie trägt die Nummer 58, kommt am 10. März 1970 aus Washington und umfasst drei knappe, mit Schreibmaschine verfasste Absätze. Bahr, nach dem Dokument befragt, bemerkt: "Es erinnert an eine typische BND-Meldung aus Presseberichten und Vermutungen." 

Der Stoff hat das Zeug zum Spionageroman. Und die Konstruktion dieses Nachrichtendienstes an jeder parlamentarischen Kontrolle vorbei trägt einen politischen Skandal in sich. Was wissen CDU und CSU heute darüber? Wie beurteilen sie die Schaffung dieses Dienstes? Wie wurden die Gelder verbucht? Was für eine Rolle spielte Prinz zu Sayn-Wittgenstein, immerhin der Mann, der mitverantwortlich war für einen der größten Politikskandale der Bundesrepublik? All das haben wir die Unionsparteien gefragt. Für die Antworten ließen sich beide Parteizentralen eine Woche Zeit. Dann hieß es, der Sachverhalt sei unbekannt. Kein Kommentar.

Im Sommer 1970 übernimmt Hans Christoph von Stauffenberg die Führung der nachrichtendienstlichen Gruppe. Er hat die Zusage, mit seiner Sekretärin in die bayerische Staatskanzlei zu wechseln. In seinem Kündigungsschreiben an den BND führt Stauffenberg aus, er wolle sich nicht "zum Handlanger einer Politik machen", die er "für das Volk für abträglich, zumindest für sehr gefährlich" halte. Seinen neuen Arbeitsplatz nennt Stauffenberg "Zuflucht". Mit dem 1. August 1970 muss sich der ehemalige Geheimdienstler offiziell in einen Redenschreiber für Grußworte verwandeln, alles nur, damit er seine Mission des Informationsdienstes in die Tat umsetzen kann. Seinen neuen Kollegen erzählt Stauffenberg die Legende, er komme von der Bundesvermögensverwaltung. Das Synonym für Bundesnachrichtendienst kennt längst jeder. So geht bei seiner Ankunft, wie er selbst schreibt, "ein Raunen durchs Haus". Doch Stauffenberg verschwindet schnell aus ihrem Blickfeld. Sein Dienstherr hat ihn in einem abgelegenen Nebenhaus untergebracht. Arbeit ist Mangelware. Und wenn einmal etwas anfällt, bleiben für den Neuling die Randthemen übrig, wie die Rede zum 150. Geburtstag von Pfarrer Sebastian Kneipp oder ein Grußtelegramm für das Raumausstatter-Handwerk.

Die eigentliche Arbeit beginnt nach Dienstschluss. Mit seinem ehemaligen Chef und neuen Partner Langkau stattet er eine seiner Münchner Wohnungen zu einem "bescheidenen Büro" für den Dienst um. Die Möbel stammen aus der CSU-Landesleitung. Die Lage ist – anders als die Ausstattung – exklusiv, die Ottostraße verläuft parallel zum Maximiliansplatz. Guttenberg gratuliert Stauffenberg aus der Kur in Bad Neustadt: "Ich freue mich, daß im Übrigen nun doch endlich gelungen scheint, was wir monatelang betrieben haben, und daß Du nun anscheinend vernünftig arbeiten kannst."

Langkau und Stauffenberg beginnen sofort mit der Arbeit. Egon Bahr hat in Moskau bereits mit dem Außenminister Andrej Gromyko eine gemeinsame Linie gefunden. Am 12. August 1970 werden Brandt und Außenminister Walter Scheel sowie Gromyko und der sowjetische Ministerpräsident Alexej Kossygin feierlich den Moskauer Vertrag unterzeichnen.

Die Meldungen der Informanten gehen aus Brüssel, Paris und Washington ein, fast nie aus dem Inland. Mithilfe dieser Texte verfassen die ehemaligen BND-Mitarbeiter Berichte, nicht nur zur neuen Ostpolitik, sondern auch über die innenpolitische Entwicklung Chinas oder Spannungen im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Klassische Agentenberichte sind es nicht, hier wird niemand beschattet, telefonisch abgehört oder verdeckt fotografiert. Wobei einige Informanten ihre vertraulich-privaten Unterredungen mit ihren Gesprächspartnern offensichtlich mitschneiden. Im Laufe der Jahre wird Stauffenberg laut den Berichten über einige gut platzierte Quellen verfügen. Selbst mit dem Staatspräsidenten Rumäniens, Nicolae Ceauşescu, und dem Jugoslawiens, Josip Broz Tito, kommen die Vertrauensmänner ins Gespräch. Bei Ceauşescu ist es die Quelle "Petrus", bei Tito ist es "ein progressiver Politiker eines blockfreien Landes".

Welche Identitäten hinter den Zuträgern stecken, lässt sich nur teilweise belegen. In den heute vorliegenden Listen und Berichten tauchen sie mit ihren Decknamen auf. Langkau und Stauffenberg waren geschulte Geheimdienst-Mitarbeiter. Sie hätten niemals die wahren Namen ihrer Vertrauensmänner aufgelistet und die Zahlungsbelege angeheftet. Bekannt sind die Einsatzgebiete der Informanten: "Dut" kümmert sich um die USA, Frankreich und Italien, "Grete" um Straßburg und "Petrus" um Osteuropa und den Nahen Osten. Die drei Informanten "Chris", "Norbert" und "Hervier" berichten aus den USA. Österreich nimmt sich "Hiking" vor. In Fernost arbeitet "Xaver". "Urbino" und "Kolb" decken die Kirchen ab. Im Laufe der Jahre kommen neue Zuträger hinzu. Sie berichten aus den USA ebenso wie aus Kuba oder Taiwan.

Wann immer die Berichte darauf hindeuten, wer die Information geliefert haben könnte, gehen sie nur an den engsten Verteiler. Stets schreibt der Bearbeiter, meist wohl Stauffenberg, dann hinzu: "Wegen Quellengefährdung wird um besonders vertrauliche Behandlung gebeten." Die Empfänger sollen trotzdem ahnen, wie außerordentlich das Ganze ist: Aus den Hauptstädten der Welt berichtet daher mal "ein Vertrauensmann von Henry Kissinger", ein "hoher rumänischer Parteifunktionär" oder "ein sehr gut unterrichteter UN-Diplomat".

Zu Beginn erreichen die besonders exklusiven Berichte die CDU über den Fraktionsmitarbeiter Hans Neusel, der im Jahr 1979 Staatssekretär und Chef des Bundespräsidialamtes wird. Das bestätigt dieser auf Anfrage.

Friedrich Voß, Büroleiter von Franz Josef Strauß, erhält die Ausfertigungen für seinen Chef. So sind die Parteispitzen informiert. Später werden die CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Karl Carstens und Helmut Kohl unterrichtet.

Leserkommentare
  1. Diesen tollen Artikel würde ich jetzt gerne direkt bezahlen. Wirklich wahr, denn genau solchen Journalismus brauchen wir. Warum nur ist hier nirgends ein "KAUF MICH" Knopf integriert? Warum jammern die Verlage so laut über Geld, das Google ihnen angeblich klaut, anstatt das Netz endlich mal zu nutzen, um Geld zu VERDIENEN?

    Alleine dieser Artikel wäre mir jetzt gerade den Preis einer Ausgabe der ZEIT wert gewesen. Vielleicht gehe ich morgen zum Kiosk und kaufe mir einfach eine ZEIT, aber schön wäre es doch gewesen, wenn es jetzt hier einen kleinen, EINFACHEN Bezahlmechanismus gäbe (nicht so ein langwieriger Anmeldeprozess wie man ihn durchlaufen muss wenn man nur einen enzelnen Kommentar loswerden will :( ), mit dem ich Ihnen einen Obulus zukommen lassen könnte.

    Naja. Trotzdem ein erschütternder Artikel. Wenn man so etwas liest, fragt man sich, warum so viele Medien Verschwörungstheorien als Blödsinn abtun. Was muss denn noch alles aufgedeckt werden, damit auch unsere 4. Gewalt mal zu dem Schluss kommt, dass unser gesamtes System bis zum Kinn in einem tiefen Morast steckt? Nur darf man so etwas ja inzwischen gar nicht mehr aussprechen, ohne gleich für geistig umnachtet erklärt zu werden.

    Leider fürchte ich, dass dieser Kommentar die Moderation nicht übersteht, also raubmordkopiere ich ihn mir direkt in mein Blog. Aber keine Angst, ich werde kein Geld dafür verlangen, dass Sie meine geistige Leistung auf Ihrer Website veröffentlichen.

    Mit frdl. Grüßen, ein Zahlungswilliger

    35 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wenn Sie bedauern, dass der Artikel keinen "Bezahl-Button" hat:
    Sie koennen gerne einfach einen, Ihrer Meinung nach, angemessenen Betrag online, oder via Bank, an den Herausgeber senden- Man nennt dies eine Ueberweisung, und sie benoetigt in der Regel weniger als 239 Woerter.

    Schoenen Advent.

    • skjoell
    • 02. Dezember 2012 14:06 Uhr

    ich würds generell begrüßen, Artikel bestimmter Autoren kostenpflichtig abonnieren zu können, so dass diese mir ohne weiteres Zutun zugeschickt werden. Die komplette "Zeit" möchte ich nämlich nicht mehr abonnieren; nicht, wenn ich daran denke, welche Texte ich dadurch mitfinanziere. Deutlicher werde ich wohl besser nicht. ;)

    • unico
    • 02. Dezember 2012 14:47 Uhr

    Den Artikel finden sie im aktuellen ZEITmagazin, nicht der ZEIT.
    Im Übrigen fand ich ihn auch äußerst spannend und die Reaktion der CDU/CSU ("Keine Ahnung", "Kein Kommentar") bezeichnend und beschämend.

    LG

    • AndreD
    • 03. Dezember 2012 15:37 Uhr

    meldet sich heute Frank Rieger vom CCC.

    http://www.faz.net/aktuel...

    Ein sehr kluger Artikel. :-)

    Ja, ich würde auch Geld für den Artikel bezahlen, aber leider ist die ZEIT unfähiger als die taz, die immerhin Flattr und andere Bezahlmöglichkeiten integriert hat.

  2. Was ist denn hier los? Brenzliger Stoff und keiner liest?

    Sonst: Globke, Kiesinger, zu Guttenberg und Strauß und Gehlen. Das hätte man sich doch nur in seinen wildesten Verschwörungstheorien ausgemalt! Echt grandios. :D

    Weiterhin erfüllt es mich mit einiger Freunde, am selben Tag gleich zwei sehr gute Artikel lesen dürfen (diesen und jenen über die PR der sog. Klimaskeptiker). Ich kann dem ersten Kommentator nur zustimmen und ergänzen, dass solche Artikel in der Tat einen Anreiz für ein Abonnement darstellen. Liebe Zeit, keine Angst vor umfänglichen und komplexen Themen. Wir können damit umgehen und zahlen dafür dann auch gern.

    18 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wäre vielleicht ein besserer Titel gewesen. Die Bezugnahme auf Brandt suggeriert "alte kamellen, natürlich gab es da eine Verschwörung" und weckt dadurch wenig Interesse.

    Ob dieser Geheimdient je ein Ende fand bleibt eine spannende Frage.

  3. 3. Danke!

    Danke frau Waske für ihren Artikel. Ich hoffe, man liest noch mehr von ihnen.

    15 Leserempfehlungen
    • Gallier
    • 30. November 2012 16:15 Uhr

    Jahrzehnte lang wird die Gefahr vor der Linken in Deutschland beschworen. Und wo waren/sind die echten Verfassungsfeinde? In der CDU/CSU, ein Sammelbecken für NSDAP-Mitglieder und -anhänger.
    Vor solchen "Freunden" der demokratischen Grundordnung kann einem nur bange sein.

    33 Leserempfehlungen
  4. Starker Artikel ... und natürlich starker Stoff.

    Noch etwas sprachlos, auch ein Danke von mir.

    9 Leserempfehlungen
  5. Kein wunder, dass sich kaum jemand dafür interessiert, neu ist die Geschichte nämlich nicht.

    So oder so ähnlich wurde es bereits hier beschrieben:

    Gegen Freund und Feind. Der BND: Geheime Politik und schmutzige Geschäfte, Peter F. Müller (Autor), Michael Mueller (Autor), Erich Schmidt-Eenboom (Autor), 2002

    http://www.amazon.de/Gege...

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • hairy
    • 02. Dezember 2012 10:31 Uhr

    wusste das nicht... und glaube doch, dass viele von solchen zuständen auch nichts wussten. trotz vielleicht schon eher publizierter bücher...

  6. ich "Osrbüro" aufgebaut hatte, dessen Aktenbstände dann auch einem unerwarteten Brand zum Opfer gefallen sind?

    MfG KM

    Eine Leserempfehlung
  7. hat sich bis heute nicht viel geändeert. Da werden Linke vom BND beobachtet während Rechte jahrelang morden können.
    Eine soveräne Staatsenscheidung gibt es ach bis heute nicht ohne das OK der USA.
    Als Schröder den Irak- Krieg ablehnte mußte er abtreten. Frau Merkel, die damals zu Bush reiste versicherte, daß das nicht die entscheidung des deutschen Volkes sei und damit log wurde danach Kanzlerin.
    Die Absage der Teilnahme an völkerrechtswidriger Krieg der USA wurde von der CDU- CSU als Anlaß genommen Schröder für den Bruch der amerikanisch - deutschen Freundschaft verantwortlich zu machen.
    Guaqntanamo etc. stören die Freundschaft nicht. Das ist keine Freundschaft das ist vasallenhaft. Noch heute.
    Traurig aber wahr, Deutschland ist das einzige Land was unter Besatzung glücklich und zufrieden scheint.

    13 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service