Spionage : Die Verschwörung gegen Brandt
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Bis in die 1980er Jahre geht die Spionage weiter

Stauffenbergs Informanten orakeln, was Brandt und Breschnew besprochen haben könnten. Einer der Zuträger spricht von "geheimen Konzessionen". Wieder einmal sucht ein Vertrauensmann des Dienstes Kissinger zu einem privaten Gespräch auf. Anders als sonst entschließt sich Stauffenberg, den anschließenden Bericht komplett abzudrucken. Er mahnt jedoch die Empfänger: "Die naheliegende Enttarnung des Informanten legt eine entsprechend vorsichtige Verwendung dieser Information dringend nahe." Der Zuträger wird mit Genugtuung die Skepsis seines Gesprächspartners notiert haben. Er fragt den amerikanischen Sicherheitsberater, was er von Brandts Besuch auf der Krim halte. Kissinger soll geantwortet haben: "Wir haben von ihm einen Bericht darüber bekommen, aber wie viel gesagt wurde und was verborgen blieb, werden erst Zeit und weitere Informationen erweisen. Natürlich haben wir all das nicht gerne gehabt, und der Präsident hat nicht gezögert, die Deutschen davon in Kenntnis zu setzen." Dann folgt die schärfste Rüge. Der Informant schreibt, Kissinger habe ihm zum Alleingang Brandts gesagt: "Daß Deutschlands neue SPD-Führer das Gefühl haben, es sei für sie an der Zeit, wie Erwachsene zu handeln, das verstehen wir und glauben auch, daß West-Deutschland wie ein Erwachsener handeln sollte. Aber manchmal machen auch Erwachsene Fehler, törichte Fehler, und handeln dumm."

All dies deutet an, dass die Zeiten für die sozialliberale Regierung schwieriger werden. Im Frühjahr 1972 verlassen wieder drei Abgeordnete die SPD/FDP-Fraktion. Zeitungen drucken aus dem Zusammenhang gerissene und wohl auch gefälschte Auszüge aus den Gesprächsaufzeichnungen von Bahr in Moskau. Oppositionsführer Barzel wagt ein Misstrauensvotum gegen den Kanzler und scheitert knapp.

In der folgenden Parlamentsabstimmung über den Bundeshaushalt verpasst Brandt die Mehrheit, seine Regierung hat keinen Rückhalt mehr. Der Kanzler berät sich mit seinem Herausforderer Barzel, wie es weitergehen soll. Sie beschließen, die Ostverträge passieren zu lassen und den Weg für Neuwahlen frei zu machen.

Die Lösung sieht so aus, dass die Mitglieder der Unionsparteien sich der Stimme enthalten sollen. Ein Zuträger des Stauffenberg-Dienstes schickt am 13. Mai 1972 die Kurzmeldung, der Direktor des amerikanischen Geheimdienstes CIA, Richard Helms, habe auf diese Konzessionsbereitschaft der Opposition erbost reagiert. Seine Worte sollen gewesen sein: "Die sind komplett verrückt geworden; aber das wird Barzel teuer zu stehen kommen, der wird nie Bundeskanzler werden."

Einer, der sich nicht an die Empfehlung seiner Fraktion halten wird, ist Guttenberg. Da er schon im Februar aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr an den Parlamentsdebatten teilnehmen konnte, warnte er den Kanzler per Brief: "Die erste deutsche Demokratie ging zugrunde, weil die Demokraten der Mitte und der Rechten die Gefahr des braunen Faschismus nicht sahen oder nicht sehen wollten. Die zweite deutsche Demokratie, unsere Bundesrepublik, ist heute in ihrem Selbstverständnis und damit in ihrer Existenz gefährdet, weil nun die Demokraten der Linken die Gefahr des roten Faschismus verharmlosen." Er wird im Rollstuhl zur Wahlurne gefahren, auf dem Stimmzettel hat er "Nein" angekreuzt.

In seinen letzten Wochen kann er sich bei völliger geistiger Klarheit nur noch mit Handzeichen verständlich machen. Am 4. Oktober 1972 stirbt Guttenberg. Die Anhänger des Dienstes verlieren nicht nur den politischen Kampf im Parlament, sondern auch ihren wichtigsten Unterstützer.

Stauffenberg hält jedoch an seinem Informationsdienst fest. Er erschließt neue Quellen für den Dienst, löst sich bald vom Thema der Ostpolitik. Ein Insider attestiert seinem Netzwerk Anfang der achtziger Jahre, hochprofessionell zu arbeiten.

Mit der abgeschirmten Tätigkeit ist es erst im Frühjahr 1982 vorbei. Journalisten des linken Magazins konkret verfassen eine Artikelserie und ein Buch mit dem Titel Operation Eva . Ihr Hauptinformant soll Langemann gewesen sein, der in den Veröffentlichungen über seine Erfahrungen im BND erzählt, dazu druckt der Verlag die zugehörigen Geheimdienstberichte ab. Nach den Olympischen Spielen ist der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter ins bayerische Innenministerium gewechselt und dort zum obersten Staatsschützer befördert worden. Er beliefert Stauffenberg weiterhin mit Berichten seiner Quellen. Bald ermittelt der Generalbundesanwalt wegen des Verdachts, Langemann habe den Journalisten Staatsgeheimnisse verraten. Umso länger die Artikelserie dauert, desto mehr rückt auch der Stauffenberg-Dienst in den Blick der Öffentlichkeit. Erst recht, als ein Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtags klären will, wie es zu den Veröffentlichungen kam. Die Abgeordneten wollen wissen, ob Langemann sein Amt für konspirative Zwecke missbraucht hat. Stauffenberg muss als Zeuge unangenehme Fragen beantworten. Langemann hat zwischen 1976 und 1981 Landesgelder des Innenministeriums in Höhe von 95.500 Mark an den Arbeitskreis für das Studium internationaler Fragen überwiesen. Stauffenberg wiederum zahlte Langemann für dessen Informanten zwischen 1977 und 1982 insgesamt über 300000 Mark. Demnach profitierte Langemann mehr von Stauffenberg als umgekehrt. Das wollen die Abgeordneten genauer wissen. Stauffenberg bemüht sich um Schadensbegrenzung, gibt nur das preis, was bereits erwiesen ist: dass der Staatsschützer für ihn Informationen beschafft hat. Wie der das gemacht habe, wisse er nicht.

Nicht nur die Indiskretionen stellen Stauffenbergs Dienst infrage. Helmut Kohl wird im Oktober 1982 Kanzler; aus der Opposition ist wieder die Regierung geworden. Damit fällt die alte Legitimation des Dienstes weg. Langemann wird wegen Verletzung von Dienstgeheimnissen zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Am 15. Juli 1986 tagt die Mitgliederversammlung des Arbeitskreises für das Studium internationaler Fragen zum letzten Mal. Der Verein löst sich auf. Das Abenteuer Nachrichtendienst ist zu Ende.

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Kommentare

65 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Flattr oder Bezahlbutton

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"... besser man zahlt DIREKT für einen Artikel der einem gefällt. Auf daß die Redaktion viele weitere solche bringt! ..."

Sie können das System auch einfach so lassen wie's heute ist, und jeweils eine Anzeigenfläche kaufen neben den Artikeln die Sie gut finden.

Damit bezahlen Sie wie die anderen Interessentengruppen mehr oder weniger direkt für den Content.

Journalismus ist das dann aber halt irgendwann mal keiner mehr, sondern das ganze verkommt zum Contentmanagement.

Daher die -meines Erachtens völlig richtige- Anregung eines Flattr-Bezahlbuttons oder dergleichen, (den ich in diesem Fall auch betätigt hätte), weil die Einzelüberweisung in den Beträgen der Communitystiftung nur die Bänker mästet und nicht die Redaktion unterstützt oder gar die Redakteure.

Mit Flattr im Gegensatz zu direktüberweisungen bezahlt nämlich die Masse der Community und nicht der einzelne Interessenvertreter.

Seit dem Nachmittag online und nur ein Kommentar?

Was ist denn hier los? Brenzliger Stoff und keiner liest?

Sonst: Globke, Kiesinger, zu Guttenberg und Strauß und Gehlen. Das hätte man sich doch nur in seinen wildesten Verschwörungstheorien ausgemalt! Echt grandios. :D

Weiterhin erfüllt es mich mit einiger Freunde, am selben Tag gleich zwei sehr gute Artikel lesen dürfen (diesen und jenen über die PR der sog. Klimaskeptiker). Ich kann dem ersten Kommentator nur zustimmen und ergänzen, dass solche Artikel in der Tat einen Anreiz für ein Abonnement darstellen. Liebe Zeit, keine Angst vor umfänglichen und komplexen Themen. Wir können damit umgehen und zahlen dafür dann auch gern.

Wo die echten Verfassungsfeinde zu finden sind!

Jahrzehnte lang wird die Gefahr vor der Linken in Deutschland beschworen. Und wo waren/sind die echten Verfassungsfeinde? In der CDU/CSU, ein Sammelbecken für NSDAP-Mitglieder und -anhänger.
Vor solchen "Freunden" der demokratischen Grundordnung kann einem nur bange sein.