Euro-RettungIst Deutschland schon pleite?

Manche sagen: Deutschland kann sich die Rettung anderer Länder gar nicht leisten. Richtig ist: Das kommt ganz darauf an, wie lange die Krise noch weiterschwelt. von 

Reichstag in Berlin (Archiv)

Reichstag in Berlin (Archiv)  |  © Sean Gallup/Getty Images

Wenn Wolfgang Schäuble über Deutschland in Europa spricht, dann fällt oft das Wort vom »Stabilitätsanker«. Der Haushalt solide, die Finanzen im Griff – aus Sicht der Bundesregierung ist die wirtschaftliche Lage des Landes unerschütterlich.

Aber wie lange noch, da Milliarden für das Betreuungsgeld ausgegeben werden, die Konjunktur sich abschwächt und neue Hilfszahlungen an die Griechen anstehen? Oder anders gesagt: Wie viele Schulden haben wir eigentlich?

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In normalen Zeiten ist die Antwort auf diese Frage nicht schwierig. Der Bund ist mit insgesamt 1.059 Milliarden Euro verschuldet, dazu kommen noch die Verbindlichkeiten der Länder, der Kommunen und der Sozialversicherungen. Das ergibt alles in allem nach ersten Schätzungen in diesem Jahr 2193 Milliarden. Das wären 82,7 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Prognosen entscheiden

Die Zeiten sind allerdings nicht normal – und das liegt an der Krise . Denn sobald die Rettungsgelder mit eingerechnet werden, geht es nicht mehr nur um Fakten, sondern um Prognosen und um Weltanschauungen.

Zum Beispiel im Fall der Europäischen Zentralbank (EZB) . Sie hat 1124 Milliarden Euro an die Banken in der Euro-Zone verliehen. Ein großer Teil des Geldes floss ebenfalls in die Schuldenstaaten Südeuropas. Für ein Drittel aller Ausfälle muss die Bundesbank aufkommen. Das sind bis zu 375 Milliarden Euro.

Wenn einzelne Länder die Währungsunion verlassen, steigt der maximale Verlust für Deutschland. Scheiden die Krisenländer aus – also Italien , Spanien , Griechenland , Zypern , Irland und Portugal –, liegt er bei 389 Milliarden Euro. Zerbricht der Geldclub komplett, schlagen sogar 719 Milliarden Euro zu Buche. Zudem hat die EZB für 209 Milliarden Euro Staatsanleihen aus den Krisenländern aufgekauft , auch hier trägt die Bundesbank ein Drittel aller Verluste.

Damit lägen die Staatsschulden bei bis zu 2981 Milliarden Euro.

Nach Ansicht von Bernd Raffelhüschen ist auch das noch nicht alles. Raffelhüschen ist Professor für Finanzwissenschaft in Freiburg, und er glaubt, dass die amtlichen Zahlen die Lage beschönigen. Denn der Staat habe eine Reihe von Zahlungsverpflichtungen in der Zukunft, die bei der Berechnung des Schuldenstands berücksichtigt werden müssten. Pensionen für die Beamten etwa, Renten oder Gesundheitsausgaben.

Raffelhüschen hat ausgerechnet, dass die künftigen Steuereinnahmen nicht ausreichen, um die künftigen Zahlungen zu decken. Diese impliziten Schulden taxiert er auf 3.600 Milliarden Euro. Es ist sein Thema, seit Jahren zieht er durch das Land und warnt vor den Lasten, um den Staat zum Sparen zu bringen. Lange hatte sich dafür kaum mehr jemand interessiert. Doch weil die Zeiten unsicher werden, sind seine Analysen wieder gefragt.

Macht 6.581 Milliarden Euro.

Leserkommentare
  1. Wikipedia meint eine Krise bezeichnet eine problematische, mit einem Wendepunkt verknüpfte Entscheidungssituation.

    Da steckt ein bisschen drin, dass eine Krise einen Anfang und ein Ende hat - beides kann ich nicht erkennen. Den Begriff 'Krise' zu führen ist eine Art Neusprech um die Leute in 'Hab Acht' zu halten. Es ist de facto das Bezahlen von Lebenstandard anderer, bestenfalls Entwicklungshilfe.

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    Genau! Es heißt immer „Die Krise“ oder „die Märkte“. Alles immer schön schwammig gehalten, damit nur niemand belangt werden kann. Ich frage mich auch schon seit längerer Zeit, wann diese „Krise“ endlich für beendet erklärt wird. Aber auf diese Antwort kann man wahrscheinlich genauso lange warten, wie auf eine verbindliche Auskunft darüber, wie viele Milliarden uns die Rettung eines Staates mit 11 Millionen Einwohnern (Griechenland) noch kosten wird.

  2. >> Macht 6.581 Milliarden Euro. <<

    ... hier noch den einen oder anderen Euro weltanschaulich wegdebattiert oder nicht, es bleibt dabei: wir sind blank.

    Ausgeglichener Haushalt? Selten so gelacht.

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    • Moika
    • 29. November 2012 9:54 Uhr

    Ausgeglichener Haushalt heißt ja auch nur: Es werden keine neuen Schulden aufgenommen, aber die Verzinsung der Altschulden läuft weiter.

    Das ist fast so eine Augenwischerei wie die Behauptung, Griechenland würde sich durch die Troika Vorgaben zu Tode sparen. Die traurige Wahrheit aber ist: Griechenland "spart" auch jetzt noch nicht einen einzigen Euro, sondern verlangsamt lediglich seine Netto-Neuverschuldung.

    Der Süden hat uns eben fest im Griff.

  3. Der Staat bilanziert nicht, daher können zukünftige Verpflichtungen auch nicht als Schulden erfasst werden - sie werden wie aktuelle Verpflichtungen auch aus dem laufenden Haushalt bezahlt. Die Einrechnung ist unseriös, ebenso könnte ich als Käufer einer Gebrauchtimmobilie für 1€ sagen, ich hätte jetzt Schulden in Höhe von 200.000€, da ich vorhabe, diese Immobilie im Laufe der nächsten 20 Jahre für diesen Betrag zu renovieren.
    Reale Gefahren drohen aber in der Tat von den Target-Verbindlichkeiten, die vermutlich uneinbringbar verloren sind und von den "Schattenahaushalten", die in den offiziellen Zahlen nicht auftauchen. Dort ticken die wahren Bomben.

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    • Malliki
    • 29. November 2012 9:27 Uhr

    Sie müssen schreiben: Sie haben nicht vor, sondern Sie verpflichtet Ihre Immobilie für 200.000 Euro zu renovieren.

    Letztendlich muss allerdings festgestellt werden, dass die zukünftigen Pensionszahlungen kein Resultat der "Krise" ist, sondern seit Gründung der BRD politische Absicht waren.

    „Der Staat bilanziert nicht, daher können zukünftige Verpflichtungen auch nicht als Schulden erfasst werden - sie werden wie aktuelle Verpflichtungen auch aus dem laufenden Haushalt bezahlt.“

    Nein, es spielt auch keine Rolle ob Kameralistik oder Bilanzierung angewandt wird. „Zukünftige Verpflichtungen" sind immer Schulden, seien es Zahlungen an Griechenland oder Rettungsverpflichtungen einer maroden Landesbank oder der Bilanzausgleich eines Eigenbetriebes mit Schulden.

    Ein riesiges Problem ist allerdings die Alimentierung des globalisierungsbefreiten Berufsbeamtentums. Die gesetzlichen Renten kann man beliebig absenken, bei Beamten geht das nicht. Manche Bundesländer haben trotz historisch hohen Steueraufkommens bereits die 40% Personalausgaben im Landeshaushalt überschritten, und die große Pensionierungswelle kommt noch. Der demografische Faktor gilt für die gesetzliche Rente, das Grundgesetz für die Beamten. Dies wird noch „impliziten" Ärger geben.

    Den übrigen Antworten zu Ihrem Kommentar kann ich nur beipflichten. Der Vorteil einer Bilanzierung gegenüber der bisher dominanten Kameralistik liegt eben darin, dass Schulden sichtbar werden und sämtliche Mitglieder des Gemeinwesens Kenntnisse darüber erlangen. Diese Kenntnisse können sie dann verwenden, um Wahlversprechen diverser Parteien als zu- oder abträglich fürs Gemeinwohl zu bewerten.

    Überhaupt verstehe ich den Autor des ZEIT-Artikels nicht: Er argumentiert, dass implizite Schulden an sich gar kein Problem seien, weil man ja einfach Steuern erhöhen oder Renten kürzen könnte. Mit dieser Argumentation stellt übrigens JEDE Form der Staatsverschuldung kein Problem dar, denn Einnahmen können immer erhöht oder gesenkt werden. Das Problem bleibt aber, dass nachfolgende Generationen für die konsumtiven Entscheidungen früherer darben müssen. Schießlich müssen diese höhere Steuern zahlen und/oder auf öffentliche Dienstleistungen verzichten.

  4. man kann alles hinrechnenm wie man will. Es kommt auf das Vertrauen an, welches wir (D) zzt genießen. Wenn dieses Vertrauen nicht mehr vorhanden, werden wir wieder Inflationsgrößen von 8- 12 % haben, weil der Euro dann keine Reservewährung mehr. Aber was wäre dann die Alternative ? Brasilianische Real oder Chinesische Renmimbi, mag geschehen, nur daran im Monent zu glauben, halte ich für abwegig. Wir sollten versuchen im Lande selbst erstmal das Thema Altersarmut zu bekämpfen und die gerechte Verteilung von Einkommen evtl. auch Vermögen!

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    • EU fan
    • 29. November 2012 9:22 Uhr

    'solange sie nicht eskaliert, muss sich Schäuble für seine Reden nichts Neues einfallen lassen'
    2009 hat er gesagt das Deutschland nicht für Griechische Staatsfinanzen zustaendig ist! Da hatte er Recht!
    2010 ging es um eine 'einmalige Hilfszahlung' als Kredit , den Griechenland natürlich mit Zinsen zurückzahlen würde!
    Deutsche Waehler haben sehr kurze Gedaechtnisse, aber trotzdem mag sich der eine oder andere erinnern was ihm inzwischen alles zu diesem Thema eingefallen ist ....

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    • Psy03
    • 29. November 2012 9:42 Uhr

    Schäuble 2012 wörtlich zur Weltpresse zu Griechenland:

    "There will be no Staatsbankrott!"

    Schauen wir mal was draus wird, bei dem durch Sparen verursachten, massivem Abbau der Wirtschaftsleistung.

    • Malliki
    • 29. November 2012 9:27 Uhr

    Sie müssen schreiben: Sie haben nicht vor, sondern Sie verpflichtet Ihre Immobilie für 200.000 Euro zu renovieren.

    Letztendlich muss allerdings festgestellt werden, dass die zukünftigen Pensionszahlungen kein Resultat der "Krise" ist, sondern seit Gründung der BRD politische Absicht waren.

    7 Leserempfehlungen
    • genius1
    • 29. November 2012 9:29 Uhr

    Wenn alle ihre Schulden zurückzahlen gibt es keine Probleme?

    Ein Staat kann natürlich nicht Pleite gehen. Er muss nur die Guthaben der Gläubiger auflösen, um Schuldenfrei zu werden. Uninteressant ob dabei auch Ausländische Schuldner sind.

    Praktisch und Theoretisch Machbar.

    Schlecht nur, wenn ein Staat über zu wenig Rohstoffe (Energie usw.) verfügt, und dieser Staat durch Streichung von Schulden, nicht mehr am internationalen Warentausch teilnehmen kann / darf!?

    Schuldenfrei geht nur, wenn die Staaten die Geldschöpfung, neben den Banken, in eigene Hände nehmen! Dieses Vollgeld ohne Zinsbelastung, wie von mir beschrieben, in den Wirtschaftskreislauf einschleusen.

    Jetzt Bitte erst die Links in Kommentar 156, Anhören / Nachlesen:

    http://www.zeit.de/wirtsc...

    Dann nochmal sein Gehirn einschalten. Kurz Überlegen und Wissen, das Alles jetzige existierende Geld nur als Kredit vorhanden ist. Und Kreditgeld als weiterer Kredit an Staaten und anderen Vergeben worden ist.

    Viel Spaß bei der Rückabwicklung, von Staatsschulden, was nur Verstanden werden kann, wer auch die Links verstanden hat.

    Aber sie Wissen ja. Im Moment "Sparen wir uns Gesund", bis die Menschen von der immer grösser werdenden Armut, die Schnauze voll haben.

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    Ein Staat kann sehr wohl pleitegehen!

    jos

  5. 8. PLEITE

    Ein Staat ist dann pleite, wenn eine Bedingung erfuellt ist:

    Hat ein Staat Schulden, tritt der Staatsbankrott in endlicher Zeit ein, sobald die Zinsen und der Nettodefizitzuwachs groesser sind als das Wirtschaftswachstum!

    Abzuleiten gilt:

    Will man den Untergang eines bereits verschuldeten Staates verhindern, so muss der Zuwachs der Staatsschuld per se und nicht der Zuwachs des Nettodefizits unter Kontrolle gebracht werden.

    Diese beiden Axiome sind nachgewiesen!

    josefine

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    "in endlicher Zeit ein, sobald " setzt einen Zeitraum = einem Zeitpunkt
    oder
    das sobald bezeichnet eine Bedingung, der zwangsläufig dann irgendwann ein bestimmtes resultat folgt?
    andererseits ist der Staat dann pleite
    Ist er nun pleite, sobald die bedingung erfüllt oder wenn die endliche Zeit verstrichen ist?

    Welches ist also die eine Bedingung?
    Welches sind die zwei Axiome?
    Leitet man das zweite Axiom aus dem ersten ab?
    Leitet man Axiome überhaupt ab?
    Was sind Axiome?

    Den Beitrag - Zitat aus PCM/Lueftl "die Pleite" und "die Formeln fuer den Staatsbankrott"

    wurde wissenschaftlich - also historisch und volkswirtschaftlich - belegt bzw. bewiesen.

    Ein Axiom ist eine wahre Aussage, die nicht innerhalb des Zusammenhangs, in dem es angewandt wird, als wahr bewiesen werden kann, sondern von aussen herangetragen wird.

    Es ist ganz einfach:

    Jeder Staat kann pleitegehen und wird es ganz bestimmt, sofern der zweite Satz zutrifft. Punkt!

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