Rot ist gemeinhin eine Farbe, die niemand tragen kann. Sie ist ein solch kompromissloses Versprechen von Erotik, dass man es als normaler Mensch kaum einhalten kann. Man sieht in der Farbe wie eine Karikatur aus.

Allerdings ist Rot nicht Rot. So gibt es das Rot mit dem leicht dunkelvioletten Einschlag, das Burgunderrot oder Weinrot. Es lässt sich leichter tragen, denn es hat wegen seiner Verwandtschaft mit dem Purpur etwas Königliches . Und nun ist Weinrot wieder da. Man hat sogar schon lange nicht mehr so viel Weinrot gesehen: Seidenröcke bei Chloé, Kleidchen bei Isabel Marant. Acne verkauft in diesem Herbst weinrote taillierte Mäntel, Miuccia Prada will bei Miu Miu die Frau von oben bis unten in einen weinroten Anzug kleiden. Es geht offenbar alles in Burgunder. Vor allem die Lippen. Das tiefromantische Rot ist eine der beliebtesten Farben auf Blitzlichtevents aller Art. Zuletzt wurden so viele Frauen in Dunkelrot gesehen, dass die New York Post schon über "Burgundy Babes" spottete.

Da mag man sich fragen: Warum war das Burgunderrot eigentlich so lange nicht zu sehen? Vielleicht lag es daran, dass es in den achtziger Jahren schon einmal eine Zeit mit viel Burgunder in der Kleidung und auf den Lippen gab. Unvergessen die Szene im Film Moonstruck, als Cher mit tiefroten Lippen und rabenschwarzen Haaren aus dem Taxi steigt, um ihr Date vor der Oper zu treffen. Leider sprach es sich aber schnell herum, dass jeder Weinrot gut tragen kann. Und dann trugen es auch alle. Weinrot wurde zur Farbe derer, die demonstrativ etwas Farbe wagen wollten, um sich progressiv zu gerieren. Das weinrote Jackett wurde zur Uniform der Sozialdemokraten. Weinrot wurde zum Signal der Verklemmtheit. In den neunziger Jahren zeigte sich die Gothic-Bewegung dann mit weinroten Lippen und trug die Farbe damit zu Grabe.

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Beides, Sozialdemokratie wie Grabmode, musste erst mehr oder weniger verblühen, bis das Burgunderrot modisch auferstehen durfte. Man sollte sich schnell damit ausstaffieren, bevor Peer Steinbrück sich ein weinrotes Jackett kauft. Damit wird er den erneuten Niedergang der Farbe einläuten, und die Menschen werden wieder jenes schreiende Rot tragen, das ihnen überhaupt nicht steht. Vielleicht ist das der Lauf der Dinge.