ZEIT ONLINE: Man könnte also sagen, das Grundgesetz formuliert die Regeln unseres Zusammenlebens aus einer aufgeklärten Perspektive, die von sich selber absehen kann?

Thierse: Nein, von sich selber kann man doch nicht absehen! Was verlangen Sie? Ich habe ja gerade gesagt, dass das, was aus der eigenen Glaubensüberzeugung kommt, so formuliert werden muss, dass es anschließbar ist für Menschen, die diese Überzeugung nicht teilen. Aber damit sind doch die Prämissen nicht entschwunden! Wenn ich als Christ sage, alle Menschen sind Kinder Gottes und haben genau darum die gleiche Würde – dann können Andersgläubige, zum Beispiel Atheisten, diese Prämisse nicht teilen, aber die Konsequenz daraus schon: dass Menschenwürde für alle Menschen gilt.

ZEIT ONLINE: Die Menschenrechte wurden gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen erstritten.

Thierse: Ich gebe es ja zu. Aber Aufklärung war nun mal ein mühseliger Prozess der Mäßigung von Religion und der Entwicklung ihrer Toleranzfähigkeit.

ZEIT ONLINE: Sie haben den Auftritt des Papstes im Bundestag verteidigt, obwohl er einige Positionen vertritt, die grundgesetzwidrig sind.

Thierse: Das glaube ich nicht.

ZEIT ONLINE: Der Vatikan lehnt die Gleichbehandlung von Homosexuellen ab, er beharrt auf der strukturellen Ungleichbehandlung von Frauen...

Thierse: Unser Grundgesetz verlangt nicht, dass man sich weltanschaulich zu ihm bekennt, sondern nur, dass man sich denselben Regeln, Rechten und Gesetzen unterwirft.

ZEIT ONLINE: Die evangelischen Altbischöfe erklärten noch vor nicht allzu langer Zeit, Homosexualität sei widernatürlich.

Thierse: Das Grundgesetz garantiert den Bürgern, ihre Weltanschauung öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Aber es vertritt selber keine weltanschauliche Doktrin. Es verlangt nicht die Nivellierung von Meinungsverschiedenheiten. Es erlaubt sogar die Meinung, dass Homosexualität widernatürlich sei, was ausdrücklich nicht meine Meinung ist. So eine Äußerung wird nicht verboten, aber es ist ausdrücklich erlaubt, darüber zu streiten. Ich gebe zu, das ist ein strapaziöser Vorgang. Zumal wenn es um eine fremde religiöse Praxis wie die Beschneidung geht, die der Mehrheit in diesem Lande unvertraut ist. Aber das ist noch kein Grund, Beschneidung zu verbieten. Wollen wir, dass der Staat entscheidet, was zur Identität einer Religionsgemeinschaft gehört und was nicht?

ZEIT ONLINE: Aber der Staat entscheidet jetzt schon, welche Religion anerkennenswert ist und wer zum Beispiel bekenntnisorientierten Religionsunterricht an Schulen geben darf. Warum übernimmt der Staat nicht einfach den Religionsunterricht?

Thierse: Weil er eben keine Weltanschauung zu vertreten und zu verkünden hat.

ZEIT ONLINE: Das muss er ja nicht tun. Er muss keinen bekenntnisorientierten Unterricht geben.

Thierse: Aber religiöser Glauben ist so wenig neutral wie atheistischer Glauben. Es gibt keine bekenntnisfreie Religion.

ZEIT ONLINE: Bekenntnisfreies Reden über Religion gibt es schon.

Thierse: Ja, aber doch nicht als Religionsunterricht!

ZEIT ONLINE: Doch, als Unterricht über Religion.

Thierse: Das wäre Religionswissenschaft. Das würde die Religionsgemeinschaften eher schwächen, die so unendlich viel für unsere Gesellschaft leisten, was der Staat nicht leisten kann. Wenn er alle Werte selber formulierte, würde er ein allmächtiger, allzuständiger, totalitärer Staat. Den missglückten Versuch habe ich in der DDR erlebt.

ZEIT ONLINE: Warum haben wir eigentlich keinen bekenntnishaften Demokratieunterricht?

Thierse: Demokratie ist ein Regelwerk, das man mit Leben füllen muss. Der säkulare Staat braucht etwas Weiteres, was ihn ideell und moralisch trägt. Habermas hat mal gesagt, die Solidarität ist eine knappe Ressource, die wird ständig verbraucht. Wer sorgt eigentlich dafür, dass sie nachwächst? Da bin ich wieder beim entscheidenden Punkt. Gerade der säkulare Staat muss ein vitales Lebensinteresse daran haben, dass die religiösen Werte weitergetragen werden, die den natürlichen Egoismus des Einzelnen übersteigen.

ZEIT ONLINE: Die Kanzlerin kommt aus einem Pfarrhaus, der Bundespräsident war selber Pfarrer, die Grünen-Frontfrau Katrin Göring-Eckardt hat mal Theologie studiert. Sie selber sind bekennender Katholik. Wieso kommen Sie alle im säkularen Staat trotzdem so gut an?

Thierse: Was heißt trotzdem? Wahrscheinlich deswegen! Ich glaube, es gibt ein Bedürfnis gerade in der pluralistischen Gesellschaft nach Menschen mit deutlicher Prägung und mit Charakter. Ich selber habe immer gesagt, ich möchte erkennbar sein.

ZEIT ONLINE: Viele halten Sie für einen Protestanten.

Thierse: Ja, das erheitert mich, dass ich nach 23 Jahren öffentlicher Existenz immer noch als evangelischer Pastor gelte. Ich sage dann: Pastor ist ein ehrenwerter Beruf, aber ich bin keiner. Dann mache ich eine Pause und sage, ich bin noch nicht einmal evangelisch. Und dann mache ich eine noch größere Pause und sage, ich bin katholisch. Helles Entsetzen! Aus der DDR, Sozialdemokrat und katholisch – das gibt es doch gar nicht! Doch, sage ich, ich bin die Ausnahme von der Regel. Selbst Helmut Schmidt fragt mich: Was, du bist nicht Pastor?

ZEIT ONLINE:Helmut Schmidt hat mit Religion nicht allzu viel am Hut.

Thierse: Aber er ist selber ein Pastor. Er ist unser größter zivilreligiöser "Guru" gegenwärtig.

ZEIT ONLINE: Mehr Pastoren an die Macht?

Thierse: Nein. Ich habe nichts dagegen, wenn Pastoren in der Politik sind, aber ich hätte etwas dagegen, wenn sie die Politik bestimmen.

Soll Religion Privatsache sein? Mehr zu dieser Debatte finden Sie auch in der Titelgeschichte der aktuellen Ausgabe der ZEIT: "Wo Gott nichts zu suchen hat"