Religion und StaatOhne Glauben ist kein Staat zu machen

Wolfgang Thierse ist überzeugt: Eine Demokratie kann auf Religion als Wertereservoir nicht verzichten. Ein Streitgespräch mit dem Bundestagsvizepräsidenten

ZEIT ONLINE: Herr Thierse, eine Machtfrage. Nächste Woche besucht der Bundespräsident den Papst. Darf das Staatsoberhaupt vorm Oberhaupt der Katholiken das Knie beugen? Und sollte der protestantische Pastor Gauck den Papstring küssen?

Wolfgang Thierse: Ich selbst habe als Katholik weder vor dem Papst das Knie gebeugt noch seinen Ring geküsst. Warum sollte ausgerechnet Pastor Gauck es tun? Als Christ, auch als Katholik, beugt man sein Knie nur vor Gott, vor sonst niemandem!

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ZEIT ONLINE: Wann haben Sie sich zuletzt über zu viel Religion in der Politik geärgert?

Wolfgang Thierse

ist Vizepräsident des Deutschen Bundestages. Der katholische SPD-Politiker, 69, schrieb ein Buch Religion ist keine Privatsache.

Thierse: (nach langer Pause) Ärgern ist das falsche Wort. Ich habe mich wieder gewundert, welch riesige Rolle religiöse Bekenntnisse im amerikanischen Wahlkampf spielen. Das ist bei uns in Europa nicht üblich. Man versteckt seine Religion bei uns nicht, aber trägt sie auch nicht demonstrativ vor sich her.

ZEIT ONLINE: Warum? Aus Angst, bei den Atheisten anzuecken?

Thierse: Kann sein. Das aufgeklärte Europa denkt, der Prozess der Moderne sei ein Prozess unausweichlicher Säkularisierung. Doch Europa ist die Ausnahme und nicht die Regel. Sowohl in Nord- und Südamerika wie in Afrika und Asien spielt Religion im öffentlichen Leben eine außerordentliche Rolle. Daran müssen sich die Europäer gewöhnen, Religion verliert nicht an Bedeutung. Sie führt keine bloße Restexistenz im privaten Raum.

ZEIT ONLINE: Freut Sie das?

Thierse: Ich staune darüber. Religion ist heute vitaler, als die Religionskritiker vorhergesehen haben.

ZEIT ONLINE: Und der weltweit erstarkende religiöse Fundamentalismus beunruhigt Sie nicht?

Thierse: Wenn Religion von Islamisten missbraucht wird zur Begründung von Gewalt – dann bin ich empört. Dagegen müssen sich alle Religionsgemeinschaften gemeinsam wehren. Es gibt aber nicht nur Fundamentalismus im Islam oder bei den Evangelikalen, es gibt auch eine Art atheistischen Fundamentalismus. Der gegenwärtige Streit über die Beschneidung bringt jedenfalls eine beträchtliche antireligiöse Militanz an den Tag.

ZEIT ONLINE: Militant sind die Beschneidungsgegner eigentlich nicht. Manche sind vielleicht ignorant.

Thierse: Es mehren sich aber die Stimmen derer, die aus dem weltanschaulich neutralen Staat einen parteiischen Staat der Religionslosen und der Laizisten machen wollen. Das halte ich für falsch. Da bin ich überempfindlich, denn das habe ich alles schon erlebt. In der DDR gab es keinen Religionsunterricht an den Schulen, keine Militärseelsorge, keine öffentlichen Bekenntnisse. Und siehe da, das Ding ging unter! Tatsache ist, Religionslosigkeit kann gefährlich sein. Denken Sie nur an die schlimmsten religionslosen Verbrecher des 20. Jahrhunderts: Stalin, Hitler, Mao Zedong, Pol Pot.

Leserkommentare
  1. "So wie ich Atheismus verstehe, geht es um das Nicht-Wollen Gottes, da er selbst ethisch schlechte Normen verkörpert - als Wesen also "schlechter" ist als der Mensch - was daher unbefriedigend ist für unsere Erlösung"

    Zum einen ist die Gottesvorstellung als "Wesen" fraglich. So eine Vorstellung lehne ich auch ab, würde mich allerdings nie als Atheisten bezeichnen. Wenn Gott ein Wesen wäre, wäre er ja innerhalb der Natur, was ich bezweifle.

    Zweitens kennen wir die "Normen" eines möglichen Gottes gar nicht. Damit können wir sie uns nicht vorstellen und schon gar nicht bewerten.

    Drittens gibt es in der Ethik keine Wertung von gut oder schlecht. Als Wissenschaft der Moral macht sie keine Wertung. Das macht erst die Moral selbst. Auch ist nichts an sich gut oder schlecht, unser Denken macht es erst dazu.
    Ob Gott überhaupt denkt, wissen wir auch nicht...

    • Wyrd
    • 30.11.2012 um 12:51 Uhr

    Und viel zu kurz gedacht: Denn wüssten Sie etwas über Empirik wüssten Sie, dass man durch die Spuren im Schnee auf den Menschen schließen kann, der sie erzeugt hat und dadurch Aussagen über diesen Treffen und ihn und seine Eigesnchaften wissenschaftlich erfassen und verstehen kann.

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    Antwort auf "zu 329"
  2. Sie argumentieren psychologisch: "Da das Wort Atheismus sprachlich gesehen ein Negativum ist, wird im Denken unbewusst eine Vorstellung von Gott verneint, damit ist allerdings eine Vorstellung von Gott vorhanden."

    Bitte hier nicht psychologisch und philosophisch verwechseln. Die Psychologie beschäftigt sich mit der Psyche und die Philosophie mit dem Geist. Diese Argumentation ist ganz klar im Denken - also im Geist - anzusiedeln. Das können Sie auch schön bei Hegel nachlesen.

  3. Jetzt wollte ich gerade ihre haltosen Vorwürfe und Behautpungen eins nach dem anderen wiederlegen.
    Aber dann wurde mir klar, daß es sich nur um den Kommentar eines Trolls handeln kann:
    Zuwenig Angriffspunkte für Logik und Ratio konnte ich finden.

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  4. 317. 5char

    @Spinndoktor
    Meine Erfahrung lehrt mich etwas anderes. Als Einwandererkind, dessen Eltern es von Armut zu bescheidenem Wohlstand gebracht haben, habe ich unterschiedliche Lebensumstände und soziale Milieus kennengelernt. Dabei habe ich festgestellt, dass Hilfsbereitschaft und Vermögen tendenziell eher gegenläufig sind (das können Sie jetzt interpretieren wie Sie möchten) und dass zwischen humanem und steinzeitlichem Verhalten häufig eher die Angst vor Konsequenzen als ethische Überlegung steht (unabhängig von Wohlstand und Bildung).
    Und ich denke, diese Einsicht hat vor zweitausend und vor fünfhundert Jahren auch schon jemand gehabt.

  5. "Der Kapitalismus idealisiert auch nicht den Menschen, er nimmt ihn ganz bewusst so, wie er ist."

    Ist das nicht eine Idealisierung?

    Woher wollen wir wissen, dass der Mensch nicht auch ganz anders sein kann. Das derzeitige Menschenbild ist eines aus unendlichen Möglichkeiten, als die sich der Mensch als sehr flexibles Wesen in der Natur - als etwas, das Wesen empfangen kann - ausbilden kann. Damit idealisieren Sie das derzeitige Menschenbild und folglich die derzeit herrschende Philosohie.

    Antwort auf "@204 Einspruch"
  6. 319. ganz toll

    den schlächter der spätantike schlechthinn als rechtsquelle "christlichen rechts" nicht verschämt zu verbergen sondern zu präsentieren lässt sich eigentlich nur mit einem ironischen bis ablehnenden zugang zur religion erklähren

    Antwort auf "Kaiser Justinian"
    • TDU
    • 30.11.2012 um 13:21 Uhr

    "Aber wie sollte man die 10 Gebote logisch herleiten? Schadet z.B. Ehebruch dem Gemeinwesen? Nö, er verletzt nur ein "Sakrament" der Kirche, ist für Gemeinwohl unerheblich."

    Das kann man nur Folgern, wenn man dieses Gebot im Hinblick auf die Gemeinschaftswirkung auf das "mein Deutschland aus der eigenen Sichtweise" überträgt.

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