Tenor Rolando VillazónFröschchen im Hals

Seine Karriere war schon fast zu Ende, nun kehrt Rolando Villazón mit Verdi-Arien zurück. Was er an Timbre eingebüßt hat, macht er mit Einfühlung wett. von Christine Lemke-Matwey

Rolando Villazón

Rolando Villazón  |  © Pamela Springsteen/Virgin Classics

Das Sängerleben als Zitterpartie: Wo immer Rolando Villazón auftaucht – in Puccinis La Bohème in London, mit dem Verdi-Requiem in der New Yorker Carnegie Hall oder zwischen Braunschweig und Menorca Kanzonen singend –, stets schwappt ihm das gleiche Misstrauen entgegen. Jene seit dem großen Krisenjahr 2009 hartnäckig sich haltende Mischung aus Mitleid mit einem viel geliebten Star und unverhohlener Sensationslüsternheit: Kommt er überhaupt, kann er es noch, hält die Stimme? Sein »waidwunder Tenor«, schrieb unlängst die Wiener Presse, sei »stumpf und schmal« geworden. Das mag wenig zimperlich sein, den Kern aber trifft es. Man klicke sich durch die Videoschnipsel auf der Homepage des Mexikaners und höre ihn reden: wie sandpapieren, ja heiser das mitunter klingt, aller kämpferisch guten Laune zum Trotz.

Die Emphase ist Villazóns Fluch und Chance. Seiner zügellosen Begeisterung für die Musik hat er alle Blessuren an Leib und Seele zu verdanken – und sie ist es auch, die ihn weiterkämpfen, weitersingen lässt. Zu Giuseppe Verdis 200. Geburtstag im kommenden Jahr präsentiert Villazón nun ein Verdi-Album. Mit den Turiner Opernmusikern unter Gianandrea Noseda kam man überein, dass sich darauf auch Hits wie das Trinklied aus La Traviata oder La donna è mobile aus Rigoletto finden sollen, aber eben nicht nur. Anderen würde man dies schrankenlos zugutehalten; bei Villazón hingegen beginnt gleich wieder das Mutmaßen: Muss er seine stimmlichen Defizite hinter unbekannten Frühwerken wie Oberto verstecken, ist er auf Verdi-Lieder wie In solitaria stanza angewiesen (in der Orchestrierung von Luciano Berio), um die CD zu füllen?

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Mitnichten. Verdi zeigt, dass es an der Zeit ist, die Ohren wieder aufzusperren. An Süße, Schmelz und Luxus, an überschäumenden Kräften hat Villazóns Tenor zweifellos eingebüßt, auch lässt sich im Aufnahmestudio so einiges aufhübschen. Wie er allerdings vom frühen zum späten Verdi sein Timbre mehr und mehr eindunkelt, wie er die Depressionen und Melancholien des Meisters in die der Figuren und des Interpreten umzumünzen versteht, das hat enorme, berührend osmotische Qualitäten. Die Musikwelt möge sich überlegen, was ihr lieber ist: Tenöre mit pumperlgesunden Stimmbändern und weniger Seele gibt es genug.

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    • Schlagworte Sänger | Klassik | Rolando Villazon | Giuseppe Verdi
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