"Weihnachtsmann"So weit der Schlitten fährt

Der Weihnachtsmann ist nicht vom Himmel gefallen. Thomas Hauschild hat seine Herkunft gründlich erforscht. von 

Nun ist der Weihnachtsmann, bei Lichte besehen, eine überaus unwahrscheinliche Figur. Niemand zieht recht Nutzen aus ihm, außer natürlich die Kinder, die von ihm beschenkt werden. Der wahre Spender der Gaben aber, die Eltern und Großeltern, werden verheimlicht, das Schenken wird an einen Dritten delegiert, der vom Nordpol mit seinem Schlitten und seiner ulkigen Entourage aus Rentieren im wahrsten Sinne des Wortes hereinschneit. Der Maskenmann, der die Kinder blendet, durchbricht das ökonomische Spiel des Gebens und Nehmens, er sabotiert das ansonsten bisweilen eitle Gebaren des Schenkens, das dem Schenker einen moralischen Vorteil gegenüber dem Beschenkten verschafft, der ja immer Schuld auf sich lädt, indem er das Geschenk annimmt und sich zur Gegengabe genötigt sieht.

Der Weihnachtsmann zerstört den »Zwangscharakter« (Marcel Mauss) der Gabenökonomie. Das Geschenk des Weihnachtsmanns ist in seinem Kern unökonomisch, weshalb es dem Ethnologen Thomas Hauschild, der sich in seinem neuen Buch dieser Figur annimmt, für unplausibel, zumindest für arg verkürzt erscheint, den alten, aber überaus vitalen Alten mit seinen Geschenken als Inbegriff des globalisierten Konsumrauschs zu geißeln. Die Geschenke des Weihnachtsmanns entspringen ja nicht dem Kaufhaus, sondern einer geheimnisvollen Fabrik am Nordpol, die keine Rendite erwirtschaften muss.

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Dem widerspricht nicht, dass Santa Claus als Werbefigur – zuerst von der Limofirma Coca-Cola – eingesetzt wurde. Und dem widerspricht nicht, dass die immer noch schwelende Propaganda gegen den Weihnachtsmann ihn als unchristliche Erfindung zu entlarven sucht. Die Geschenke, heißt es, bringe doch das Christkind und kein dicker Mann mit Bart, bestenfalls noch Sankt Nikolaus, aber dessen Gedenktag ist ja bereits am 6. Dezember, er kommt als Schenker am Weihnachtsabend eigentlich nicht infrage.

Sankt Nikolaus nachempfunden

Und doch steht für Thomas Hauschild außer Zweifel, dass der moderne Weihnachtsmann Sankt Nikolaus nachempfunden ist. Nikolaus von Myra, geboren etwa 100 Kilometer südwestlich des heutigen Antalyas, war im 4. Jahrhundert Bischof. Es sind zwar kaum historisch belegte Spuren von ihm dokumentierbar, aber allerhand Legenden, die bereits auf den Weihnachtsmann verweisen. Auch er ist ein Schenker, der aus dem Schenken keinen ökonomisch verwertbaren Nutzen zieht. Er befreit unschuldig Verurteilte aus den Fängen der Staatsmacht und rettet in Seenot geratene Schiffsleute. In Kirchen sieht man ihn oft mit drei goldenen Kugeln oder Äpfeln abgebildet: Nikolaus soll einem verarmten Mann, der eine seiner Töchter zur Prostituierten machen wollte, da er sie nicht standesgemäß verheiraten konnte, an drei aufeinanderfolgenden Nächten einen Goldklumpen ins Haus geworfen haben, um den Verkauf der Tochter zu verhindern. In manchen Abbildungen, etwa in Sebastian Daygs Gemälde der Jungfrauenlegende, schwebt er zum Fenster der verarmten Familie. Er fliegt durch die Luft wie später der Weihnachtsmann mit seinem Schlitten. Beide sind Einbrecher, die nichts stehlen, sondern geben.

Thomas Hauschild zeichnet die weitverzweigte Legendenbildung und die Riten um Sankt Nikolaus mit Akribie nach: Der Bischof von Myra wird zunehmend zu einer – beinahe schon karnevalesken – Figur des Volkes, die sich gegen die politisch-soziale Wirklichkeit auflehnt. Er rettet Kinder vor Prügelstrafen und der Willkür des Staatsapparats, er rettet Leben und verschenkt milde Gaben, er vermag Ermordete wieder zum Leben zu erwecken. Manchmal straft er auch, ihm wird im Spätmittelalter Knecht Ruprecht und dessen Rute hinzugedichtet. Seine disziplinierende Funktion schwingt noch heute in den mahnenden Fragen des Weihnachtsmanns mit, ob die Kinder das Jahr über auch brav gewesen seien. Natürlich kriegt dann doch jeder sein Geschenk.

Shou Xing in China

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