AusstellungIm Dirndl für den Führer

Wie die Nazis alpines Brauchtum für ihre Zwecke benutzten, will niemand so genau wissen – zu groß war die Kontinuität. Nun nimmt sich eine Ausstellung des Themas an. von 

Für Maria Stocker, Musiklehrerin aus Stams, bricht eine Welt zusammen. Fassungslos steht sie in der Ausstellung Tiroler Musikleben in der NS-Zeit im Innsbrucker Landesmuseum vor einem Organigramm des Gaues Tirol und Vorarlberg. 16 Namen stehen darauf, führende Tiroler Nationalsozialisten, die das kulturelle Leben des Landes von 1938 bis 1945 prägten. »Fünf davon kannte ich persönlich«, ruft die Pädagogin schockiert. »Sie wurden uns noch vor gar nicht so langer Zeit als Granden der Volksmusik empfohlen. Die haben auf Singwochen vorgetragen, und ich habe sie zu unseren Veranstaltungen eingeladen.« Volksmusik war immer Teil des Lebens der 59-Jährigen. Der Vater spielte in der Blasmusik, die Töchter auch, sie selbst singt in Chören und spielt in Hackbrettgruppen. Nun, 67 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, erfährt sie zum ersten Mal, welch maßgebliche Rolle ihre Helden von gestern für die Nazipropaganda gespielt haben.

Brauchtum soll Heimat vermitteln, ein bodenständiges Österreich-Bild prägen. Es ist das Selbstverständnis, das die Zweite Republik dominierte: ein auf Traditionen ruhendes, unbeflecktes Alpenidyll. Tausende Fernsehstunden wurden gefüllt mit den Klischees von Naturverbundenheit, mit Trachtenromantik und adretter Dirndlmode. Bis heute wird die Brauchtumspflege überall im politischen Alltag instrumentalisiert. Kein Nationalfeiertag vergeht ohne Schützenaufmarsch, kaum ein Wahlkampfauftritt kommt ohne Blasmusik aus. Von Heimatstolz und Vaterlandsliebe ist es allerdings nicht weit zu Blut und Boden. Daher waren auch für die Nationalsozialisten Brauchtumsveranstaltungen ein willkommenes Mittel der Propaganda. Die Leitmotive ließen sich einfach umfunktionieren: An die Stelle von Gott trat der Führer, und statt Steirer- oder Tirolertum wurden die arischen Tugenden beschworen.

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Die Rolle des Brauchtums und die Umdeutung der Tradition im Sinne des NS-Staates sind nur wenig erforscht. Viele der führenden Protagonisten von damals wirkten noch lange nach 1945 weiter. Einige wurden zu Doyens ihres Faches, und ihr Ruhm strahlt bis heute. »In der Volkskultur gab es nie einen Bruch«, sagt Franz Gratl, Musikwissenschaftler im Tiroler Landesmuseum und einer der Ausstellungsmacher: »Die führenden Repräsentanten der NS-Zeit werden bis heute wie Säulenheilige verehrt.«

In ganz Österreich stellten sich Volkskünstler willfährig in den Dienst Hitlers. Das gut organisierte Schützenwesen – seit den Zeiten Kaiser Maximilians I. Rückgrat der Tiroler Landesverteidigung – und die Blasmusikkapellen boten dafür einen fruchtbaren Nährboden. Mit ihrer Hilfe wollte Gauleiter Franz Hofer aus Tirol und Vorarlberg den Vorzeigegau formen, den er Adolf Hitler versprochen hatte.

Zur zentralen Stelle für die Gleichschaltung des Kulturlebens wurde der neu geschaffene Standschützenverband. Alle Brauchtumsvereine hatten sich ihm unterzuordnen, und Franz Hofer setzte sich als Landesschützenmeister selbst an die Spitze. Vormals kirchliche Bräuche sollten verweltlicht und der NS-Ideologie untergeordnet werden: Neue Psalmen baten Gott um die Vernichtung der Juden, Kantaten beschworen den germanischen Kern in der alpinen Kultur und katholische Veranstaltungen wie der Brixentaler Flurritt wurden von der Partei umfunktioniert. »Priester hatten dabei nichts mehr verloren und wurden durch Parteikader ersetzt«, sagt Thomas Nußbaumer vom Abteilungsbereich für Musikalische Volkskunde des Salzburger Mozarteums. Schon im September 1938 fanden am Reichsparteitag in Nürnberg Tiroler Brauchtumsvorführungen statt.

Zu den Aufgaben des Standschützenverbandes gehörte es, in den Gemeinden für eine einheitliche Trachtenuniformierung zu sorgen. »Gab es keine Tracht, so sollte eine alte rekonstruiert, oder wenn keine zu eruieren war, eine neue entworfen werden«, sagt Kurt Drexel vom Institut für Musikwissenschaft in Innsbruck, einer der Ausstellungsmacher.

Besondere Bedeutung bekam dabei die Mittelstelle Deutsche Tracht. Sie wurde in Innsbruck eingerichtet, war, von der Kaufmannstochter Gertrud Pesendorfer geleitet, für das gesamte Reich zuständig. Die Innsbruckerin schuf willkürlich Trachtenregionen, definierte das klassische Dirndl neu und lud es ideologisch auf. Aus dem Feiertagsgewand wurde ein Propagandakleid. »Das neue Bauerngeschlecht«, schrieb sie, solle sich frei bewegen können. »Schnürleiber, tieffaltige, zentnerschwere Röcke, Ungetüme von Hauben werden unsere Bäuerinnen nicht mehr belasten.« Pesendorfers Bücher, etwa Lebendige Tracht, sind noch immer Standardwerke. Dirndln in der heutigen Erscheinungsform mit weißer Bluse und Betonung der Taille gelten als Erfindung dieser »Reichsbeauftragten für das deutsche Trachtenwesen«.

Alljährlicher Höhepunkt des Brauchtums im nationalsozialistischen Sinn war das Landesschießen. Tausende Schützen und Musikanten marschierten durch Innsbruck und huldigten Gauleiter Hofer so wie vormals beim Kaiserschießen Franz Joseph I. Schuhplattler- und Volkstanzgruppen traten auf, und die HJ zeigte ihre Treffsicherheit. Volkstum und Nationalsozialismus waren sich nie näher als bei dieser Veranstaltung. Wären auf den zeitgenössischen Bildern keine Hakenkreuze und zum Hitlergruß erhobene Hände zu sehen, es ließe sich kein Unterschied zu heute bemerken.

Paradeformation bei den Aufmärschen war die Gaukapelle, die der SA untergeordnet war. Sie spielte auch beim Zusammentreffen Adolf Hitlers mit Benito Mussolini am 18. März 1940 am Brenner den Badenweiler Marsch – das Stück, das nur in Gegenwart des Führers aufgeführt werden durfte.

Geleitet wurde die Kapelle, die vor und nach dem Krieg die Innsbrucker Stadtmusikkapelle Wilten war, von Sepp Tanzer, ebenfalls Leiter des Referats Volksmusik in der Reichsmusikkammer. Die Kompositionen des 1983 Verstorbenen gelten bis heute als Maßstäbe, sein Tiroler Standschützenmarsch ist Teil des Repertoires der meisten Musikkapellen. Ursprünglich hieß das Stück Standschützenmarsch und war dem Gauleiter »in Dankbarkeit« gewidmet. Nach 1945 wurde es lediglich umbenannt und in neuen Ausgaben verbreitet.

Bis 1977 leitete Tanzer die »Wiltener« als Kapellmeister, 2008 wurde eine Musikschule im Tiroler Unterland nach ihm benannt. Über seine Funktion und Tätigkeit während der NS-Zeit steht auf der Homepage der Musikkapelle nichts. Wer sich damit beschäftigte, bekam ernste Probleme mit dem Tiroler Blasmusikverband, der sogar die Zusammenarbeit mit einem Kapellmeister kündigte, der sich Ende der neunziger Jahre kritisch dazu äußerte.

Viele der willfährigen Musikanten waren mehr als gewöhnliche Mitläufer. Ihre Propaganda endete nicht mit der Niederlage Nazideutschlands, sie wurde lediglich subtiler. Josef Eduard Ploner, der persönliche Musikreferent des Gauleiters, der noch im Herbst 1944 das hetzerische und antisemitische Stück Der Volkssturm komponiert hatte, stellte 1952 die Symphonie in ES-Dur vor. Den ersten Satz nannte er Ahnenerbe – das SS-Ahnenerbe sollte die Theorie von der arischen Herrenrasse wissenschaftlich untermauern. In zwei Sätzen wird zudem die Melodie von Wach auf du deutsches Land zitiert, einem Kernlied der NS-Propaganda. Für die Uraufführung 1956 wurde das Stück von Sepp Tanzer arrangiert. Nach wie vor sei die Symphonie bei vielen Bewerben Pflichtstück, erzählt der Musikwissenschaftler Franz Gratl.

Bis heute wird die Musik Ploners gepflegt. Im vergangenen Jahr erschien eine CD mit Stücken des fragwürdigen Komponisten. Seine Musik sei »im Tirolischen verwurzelt und von seiner Liebe zu Volk und Heimat geprägt«, steht im begleitenden Booklet über den »klassisch idealtypischen Tiroler«. Erst in einer zweiten Auflage wird kurz auf die NS-Vergangenheit des Komponisten eingegangen. Herausgeber der Edition war der Verein Institut für Tiroler Musikforschung, der 2011 vom Land Tirol 190.000 Euro an Fördergeldern erhielt.

Vor 1938 war die Volkskultur keine Domäne des konservativen Lagers, wie die in Wien lebende Südtiroler Volkskundlerin und Philosophin Elsbeth Wallnöfer sagt: »Jüdinnen und Arbeiterinnen trugen ebenso Dirndl. Erst die Inbesitznahme durch die Nationalsozialisten hat es konservativ besetzt. Die Affinität der konservativen bis rechten Parteien dazu ist bis heute aufrecht geblieben.«

Die Ausstellung

Die Ausstellung Tiroler Musikleben in der NS-Zeit läuft bis 7. Dezember im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck.

So ähnlich, wie die Formationen vor Hitler und Mussolini am Brenner angetreten waren, marschieren beim Tiroler »landesüblichen Empfang« noch immer Schützen und Musikkapellen auf. Landeshauptmann Günther Platter etwa zeigt sich gerne in Trachtenjacke, ist Präsident des Tiroler Blasmusikverbandes, und sein oberösterreichischer Amtskollege Josef Pühringer steht dem Österreichischen Volksliedwerk als Präsident vor. 2011 bekamen die österreichweit über 2.000 Musikkapellen und Musikvereine 12 Millionen Euro an öffentlichen Förderungen.

Die Vergangenheit aufarbeiten wollen aber nur wenige. Auf den Homepages der Blasmusikverbände steht nichts zur eigenen Geschichte zwischen 1938 und 1945. Zu viel steht auf dem Spiel, zu viele Helden könnten fallen. »Für was ist das gut?«, fragte ein Vertreter des Tiroler Blasmusikverbandes bei der Tagung zur NS-Musik in Tirol, die der Ausstellung voranging.

Das Weltbild der Musiklehrerin Maria Stocker hat sich gründlich verschoben. Sie will nun Kollegen sensibilisieren und die Brauchtumsverbände wachrütteln. »Uns wurde gesagt, diese Herren hätten nach den Schrecken und Wirren des Krieges endlich wieder ein Heimatgefühl vermittelt«, sagt sie empört. »Wir dachten, in eine heile Welt einzutauchen, und dabei waren sie Teil des Nazisystems.«

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