AusstellungIm Dirndl für den Führer
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Nach der Niederlage wurde die Propaganda subtiler

Alljährlicher Höhepunkt des Brauchtums im nationalsozialistischen Sinn war das Landesschießen. Tausende Schützen und Musikanten marschierten durch Innsbruck und huldigten Gauleiter Hofer so wie vormals beim Kaiserschießen Franz Joseph I. Schuhplattler- und Volkstanzgruppen traten auf, und die HJ zeigte ihre Treffsicherheit. Volkstum und Nationalsozialismus waren sich nie näher als bei dieser Veranstaltung. Wären auf den zeitgenössischen Bildern keine Hakenkreuze und zum Hitlergruß erhobene Hände zu sehen, es ließe sich kein Unterschied zu heute bemerken.

Paradeformation bei den Aufmärschen war die Gaukapelle, die der SA untergeordnet war. Sie spielte auch beim Zusammentreffen Adolf Hitlers mit Benito Mussolini am 18. März 1940 am Brenner den Badenweiler Marsch – das Stück, das nur in Gegenwart des Führers aufgeführt werden durfte.

Geleitet wurde die Kapelle, die vor und nach dem Krieg die Innsbrucker Stadtmusikkapelle Wilten war, von Sepp Tanzer, ebenfalls Leiter des Referats Volksmusik in der Reichsmusikkammer. Die Kompositionen des 1983 Verstorbenen gelten bis heute als Maßstäbe, sein Tiroler Standschützenmarsch ist Teil des Repertoires der meisten Musikkapellen. Ursprünglich hieß das Stück Standschützenmarsch und war dem Gauleiter »in Dankbarkeit« gewidmet. Nach 1945 wurde es lediglich umbenannt und in neuen Ausgaben verbreitet.

Bis 1977 leitete Tanzer die »Wiltener« als Kapellmeister, 2008 wurde eine Musikschule im Tiroler Unterland nach ihm benannt. Über seine Funktion und Tätigkeit während der NS-Zeit steht auf der Homepage der Musikkapelle nichts. Wer sich damit beschäftigte, bekam ernste Probleme mit dem Tiroler Blasmusikverband, der sogar die Zusammenarbeit mit einem Kapellmeister kündigte, der sich Ende der neunziger Jahre kritisch dazu äußerte.

Viele der willfährigen Musikanten waren mehr als gewöhnliche Mitläufer. Ihre Propaganda endete nicht mit der Niederlage Nazideutschlands, sie wurde lediglich subtiler. Josef Eduard Ploner, der persönliche Musikreferent des Gauleiters, der noch im Herbst 1944 das hetzerische und antisemitische Stück Der Volkssturm komponiert hatte, stellte 1952 die Symphonie in ES-Dur vor. Den ersten Satz nannte er Ahnenerbe – das SS-Ahnenerbe sollte die Theorie von der arischen Herrenrasse wissenschaftlich untermauern. In zwei Sätzen wird zudem die Melodie von Wach auf du deutsches Land zitiert, einem Kernlied der NS-Propaganda. Für die Uraufführung 1956 wurde das Stück von Sepp Tanzer arrangiert. Nach wie vor sei die Symphonie bei vielen Bewerben Pflichtstück, erzählt der Musikwissenschaftler Franz Gratl.

Bis heute wird die Musik Ploners gepflegt. Im vergangenen Jahr erschien eine CD mit Stücken des fragwürdigen Komponisten. Seine Musik sei »im Tirolischen verwurzelt und von seiner Liebe zu Volk und Heimat geprägt«, steht im begleitenden Booklet über den »klassisch idealtypischen Tiroler«. Erst in einer zweiten Auflage wird kurz auf die NS-Vergangenheit des Komponisten eingegangen. Herausgeber der Edition war der Verein Institut für Tiroler Musikforschung, der 2011 vom Land Tirol 190.000 Euro an Fördergeldern erhielt.

Vor 1938 war die Volkskultur keine Domäne des konservativen Lagers, wie die in Wien lebende Südtiroler Volkskundlerin und Philosophin Elsbeth Wallnöfer sagt: »Jüdinnen und Arbeiterinnen trugen ebenso Dirndl. Erst die Inbesitznahme durch die Nationalsozialisten hat es konservativ besetzt. Die Affinität der konservativen bis rechten Parteien dazu ist bis heute aufrecht geblieben.«

Die Ausstellung

Die Ausstellung Tiroler Musikleben in der NS-Zeit läuft bis 7. Dezember im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck.

So ähnlich, wie die Formationen vor Hitler und Mussolini am Brenner angetreten waren, marschieren beim Tiroler »landesüblichen Empfang« noch immer Schützen und Musikkapellen auf. Landeshauptmann Günther Platter etwa zeigt sich gerne in Trachtenjacke, ist Präsident des Tiroler Blasmusikverbandes, und sein oberösterreichischer Amtskollege Josef Pühringer steht dem Österreichischen Volksliedwerk als Präsident vor. 2011 bekamen die österreichweit über 2.000 Musikkapellen und Musikvereine 12 Millionen Euro an öffentlichen Förderungen.

Die Vergangenheit aufarbeiten wollen aber nur wenige. Auf den Homepages der Blasmusikverbände steht nichts zur eigenen Geschichte zwischen 1938 und 1945. Zu viel steht auf dem Spiel, zu viele Helden könnten fallen. »Für was ist das gut?«, fragte ein Vertreter des Tiroler Blasmusikverbandes bei der Tagung zur NS-Musik in Tirol, die der Ausstellung voranging.

Das Weltbild der Musiklehrerin Maria Stocker hat sich gründlich verschoben. Sie will nun Kollegen sensibilisieren und die Brauchtumsverbände wachrütteln. »Uns wurde gesagt, diese Herren hätten nach den Schrecken und Wirren des Krieges endlich wieder ein Heimatgefühl vermittelt«, sagt sie empört. »Wir dachten, in eine heile Welt einzutauchen, und dabei waren sie Teil des Nazisystems.«

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