Kinder sind unbeschwert. Das dachte Regina K. immer. Worüber soll sich denn ein siebenjähriger Knirps auch groß Sorgen machen? Ob er am Abend länger aufbleiben darf? Oder ob er zum Geburtstag das ersehnte Spielzeugauto geschenkt bekommt?

Müde lächelt die Büroangestellte, wenn sie ihren 13-jährigen Sohn Martin ansieht. Martin wollte nie Autos zum Geburtstag. Er wünschte sich immer nur Puppen. Zum Fasching wollte er sich auch nie als Batman oder Cowboy verkleiden, sondern nur als Prinzessin und Schmetterling. Als kleines Kind bastelte er sich aus Papierschnipsel lange Haare, die er sich auf den Kopf klebte. Manchmal zerriss er T-Shirts und wickelte sich die Stofffetzen wie ein Bikinioberteil um den Brustkorb. Eines Tages durchschnitt Martin seine neue Hose im Schritt. Seine Eltern hatten sie ihm zum ersten Tag in der Volksschule geschenkt. »Ich muss mit einem Rock in die Schule gehen, sonst glaubt mir keiner, dass ich ein Mädchen bin«, erklärte er anschließend.

Heute sieht seine Mutter, eine zierliche Frau mit langen rötlichen Haaren, abgekämpft aus. Die vergangenen Jahre waren geprägt von Schreiduellen und hysterischen Anfällen. Längst spricht die 39-Jährige nicht mehr von Martin, ihrem Sohn, sondern von Anna, ihrer Tochter. An das Personalpronomen »sie« mussten sich Regina K. und ihr Ehemann lange gewöhnen. Auch an den Fachbegriff, mit dem Therapeuten ihre Tochter diagnostizierten: transsexuell.

Martin ist als Junge zur Welt gekommen, fühlt sich aber als Mädchen. Die Weltgesundheitsorganisation stuft Transsexualität als Geschlechtsidentitätsstörung ein. Mit der sexuellen Orientierung der Betroffenen hat das nichts zu tun. Auch sind sie keine Zwitter, die nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden können. Biologisch gesehen, sind Transsexuelle eindeutig Mann oder Frau. Nur stimmt die biologische nicht mit der subjektiven Identität überein. Woher diese Diskrepanz rührt, ist von Fall zu Fall verschieden.

Von Störung wollen Ärzte und Therapeuten nicht sprechen, eher von »Identitätssuche«. Kamen früher nur Erwachsene mit diesem Problem in die Ordination, so sind es heute immer häufiger Kinder, die sich im falschen Geschlecht eingesperrt fühlen. Seit einigen Jahren haben Ärzte eine spezielle Lösung für sie gefunden: Pubertätsblocker. Diese Hormonpräparate hemmen so lange die Pubertät, bis die Jugendlichen sicher sind, in welchem Geschlecht sie sich tatsächlich zu Hause fühlen. In Österreich ist diese Behandlungsmethode allerdings vorläufig noch verboten. Derzeit wird im Gesundheitsministerium darüber debattiert, den Einsatz doch noch zuzulassen.

»Ich bin keine Bio-Frau, sondern eine andere Frau«

Seit fünf Jahren betreut der Psychotherapeut Hans-Peter Bangerl transsexuelle Kinder und Jugendliche. 14 Mädchen und Burschen sind zu ihm in die Sprechstunde gekommen. Seine jüngsten Patienten sind acht Jahre alt. Oft werden sie von verzweifelten Lehrern geschickt, die nicht wissen, was sie mit dem Jungen mit den lackierten Fingernägeln in der Klasse anfangen sollen. Das Gros seiner Patienten sind Buben. »Die Mädchen, die Burschen sein wollen, schaffen es leichter in der Gesellschaft unterzutauchen«, sagt er. Kurze Haare und weite Hosen fallen bei einem Mädchen nicht so stark auf wie ein Glitzerkleid bei einem Jungen. Vor allem, wenn dieser Junge auf dem Land lebt, wo die Uhren noch anders ticken. Manchmal kommen Lehrer zu Bangerl mit der Befürchtung, dass sich die anderen Burschen in der Klasse »anstecken« könnten. »Wir hatten in unserem Dorf noch nie eine Schwuchtel«, heißt es dann gelegentlich.

Regina K. hatte immer Angst davor, was die Leute über ihren Sohn Martin denken würden. Vor zehn Jahren ist sie mit ihrem Mann in eine kleine Gemeinde im Weinviertel, Niederösterreich, gezogen. Dort feiern die Nachbarn gemeinsam das Kürbisfest im Herbst und begleiten am Sonntag nach Ostern stolz ihre Kinder zur Erstkommunion. In dieser Welt tanzt niemand aus der Reihe. Buben sind Buben, und Mädchen sind Mädchen. Alles andere ist Fernsehen.

Spätestens als ihr Sohn eines Tages am Fensterbrett seines Zimmers stand und drohte, aus dem ersten Stockwerk zu springen, wusste Regina K., dass ihr Martin nicht nur eine Irritationsphase durchlebte. »Vielleicht, wenn ich wiedergeboren werde, werde ich ein richtiges Mädchen sein«, habe er gesagt. Damals war er acht Jahre alt. Martin schaut verschämt auf den Küchenfußboden, während seine Mutter diese Geschichte erzählt. Die langen braunen Haare verdecken sein rundliches Gesicht. Er trägt ein lilafarbenes Top, dazu figurbetonte Jeans. Wer ihn heute sieht, erblickt nur mehr das schüchterne Mädchen Anna. Stück für Stück hat sich Martin das Mädchensein erkämpft. Mit dem Rock, den er das erste Mal in der Öffentlichkeit bei einem Schulfest tragen durfte, als er neun Jahre alt war. Mit dem stolzen Gang zum Mädchenklo, das er nun in der Hauptschule ganz offiziell benutzen darf. Und dem Sportunterricht, wo er mit den Mädchen mitturnen darf. Als eine von ihnen.

»Die Transidentität ist heute viel mehr enttabuisiert als früher«, meint Johannes Wahala. Der Psychotherapeut ist Leiter der Sexualberatungsstelle Courage. Seit 2010 bietet die Praxis im sechsten Wiener Gemeindebezirk Gruppentherapien für transsexuelle Jugendliche zwischen 14 und 25 Jahren an. 50 Mädchen und Burschen aus ganz Österreich haben bereits an den monatlichen Sitzungen teilgenommen.