Niko PaechAufklärung 2.0

Der Oldenburger Ökonom Niko Paech ist ein radikaler Wachstumskritiker. Und er lebt vor, was er predigt. von 

Wachstumskritiker Niko Paech

Wachstumskritiker Niko Paech  |  © Dennis Williamson

Der Hörsaal ist rappelvoll mit jungen und alten Menschen. Sie füllen den Raum in der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Eichstätt-Ingolstadt. Am Eingang hat der örtliche Zeittausch-Ring einen Stand aufgebaut. »Tausche Reifenwechsel gegen Hochzeitstorte« steht auf einem gelben Faltblatt. Der Referent auf dem Podium müht sich mit dem Mikrofon ab. »Keine sehr fortschrittliche Technik«, witzelt er. Der 51-jährige Wissenschaftler aus Oldenburg wurde zuvor als »bekanntester Postwachstumsökonom Deutschlands« vorgestellt. »Wenn man das Wort bei Google eingibt, ist Niko Paech der erste Treffer«, sagt eine junge Frau von der Organisation sneep, dem »studentischen Netzwerk für Wirtschafts- und Unternehmensethik«, die den Norddeutschen eingeladen hat.

Dann legt Paech los. Was er zu sagen hat, ist eine Generalabrechnung mit dem herrschenden, auf stetigem Wachstum basierenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, mit dem globalen Wohlstandsmodell, mit dem alltäglichen Leben in Deutschland. Es sei ein System, das nur auf einer Plünderung der Natur beruhe und mit der sich abzeichnenden Verknappung wichtiger Ressourcen an sein Ende komme. Befreiung vom Überfluss heißt ein Büchlein, in dem er seine provokanten Thesen komprimiert hat.

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Paech ist einer der wenigen seiner Zunft, die es wagen, Wachstum prinzipiell infrage zu stellen, und auch an der allseits gepriesenen green economy und dem von den Grünen propagierten green new deal lässt er kein gutes Haar. Paech geißelt »Effizienzmythen« ebenso wie die Idee, mehr Bildung sei eine Chance für »gutes Wachstum«. »Auch Bildung führt zu neuen Produkten, die das Leben vollrümpeln und die Umwelt zerstören.«

Es ist Paechs zweiter Auftritt in Ingolstadt. Viele Leute hätten beim ersten Mal keinen Platz mehr gefunden und den Veranstalter beschimpft. Deswegen sei er noch einmal gekommen, sagt er. Der Mann ist gefragt. »Ich habe vergangenes Jahr rund 80 Vorträge gehalten. Das ist aber nur ein Viertel oder ein Fünftel der Anfragen.« Auf Honorare verzichtet er in der Regel. »Ich lasse mir nur die Kosten erstatten.«

Mit seinen Thesen trifft Paech einen Nerv der Zeit. Wachstumskritik ist seit Ausbruch der Finanzkrise en vogue , obwohl viele Regierungen zugleich nach Ideen für noch mehr Wachstum suchen. Paech beklagt denn auch eine zunehmende Perspektivlosigkeit in der Ökonomie. »Die Kontroverse zwischen angebots- und nachfrageorientierter Makroökonomik bringt gar nichts«, sagt Paech. »Sie streiten nur über den Weg. Doch die Grundlinie, weiteres Wachstum zu induzieren und das überkommene, auf Expansion und Entgrenzung basierende Fortschrittsmodell aufrechtzuerhalten, stellt keine der beiden Schulen infrage.«

Unter Ökonomen, die oft trocken daherkommen, ist Paech eine echte Rampensau. Er hat als Moderator des Oldenburger Lokalfernsehens und Saxophonist zweier Rockbands Erfahrung gesammelt. Paechs Erfolgsgeheimnis ist nicht nur seine Fähigkeit, wirtschaftliche Zusammenhänge verständlich und witzig aufzubereiten, sondern auch seine persönliche Glaubwürdigkeit. Wenn er in seinen Vorträgen die Notwendigkeit betont, weniger zu konsumieren, kommt er gerne auf sein Sakko zu sprechen. »Das habe ich auf dem Flohmarkt gekauft und von einer Änderungsschneiderei anpassen lassen.« So kann er die Entrümpelung des Lebens vom »Wohlstandsschrott« glaubwürdig als ultimativen Freiheitsgewinn anpreisen.

Paech hat noch nie in einem Flugzeug gesessen, besitzt weder Handy noch Auto noch Eigenheim, ernährt sich vegetarisch. Auf dem Oldenburger Verschenkmarkt, den er als früherer Agenda-21-Beauftragter der Stadt mit gegründet hat, tauscht er gerne Alt gegen Alt. Sein Laptop gehört der Uni, sein letzter, privates Laptop war ein zehn Jahre altes Exemplar. »Ich konnte es nicht mehr unterwegs benutzen, weil der Batterieanschluss kaputt war«, sagt Paech. Inzwischen hat er ihn an die Freundin, eine Ökoköchin, weitergegeben. »Er macht Ernst mit dem Konsumverzicht, ohne dabei verbiestert zu wirken«, sagt Angelika Zahrnt, Ehrenvorsitzende des Bundes für Umwelt- und Naturschutz. Das komme bei jungen Leuten gut an.

Der Mann hätte das Zeug zu einer Kultfigur, zum Öko-Guru. »Das wäre ihm aber wohl zu unhinterfragt«, meint Philip Nehl, einer seiner Oldenburger Studenten. »Doch viele Studis bewundern seine Konsequenz.« Nehl macht gerade seinen Master in Sustainability Economics und Management. Ein Modul dieses Studiengangs über nachhaltiges Wirtschaften wird von Paech betreut. »Da geht es dezidiert um Wachstumskritik, wer da reingeht, kriegt wirklich eine Dusche«, erläutert Paech. Ansonsten hält sich der Ökonom an die Usancen seines Fachs. »Ich muss schon die klassische Theorie darlegen und will die Leute nicht indoktrinieren.« Allerdings weise er »aus Gründen wissenschaftlicher Akribie« auch auf »zwiespältige Sachverhalte« hin, etwa die Tatsache, dass lange Wertschöpfungsketten nur deshalb funktionieren könnten, weil Energie so billig sei.

Leserkommentare
  1. Die Moderne mit fehlendem Wachstum ist ja in ihren Anfängen überall sichtbar. Es wird wohl darauf ankommen sich darin zurecht zu finden. Paech ist schon ein spannender Ökonom. In seinen Arbeiten bereitet er hoffnungsvolle Anworten auf die aktuellen Fragen unserer Gesellschaften vor. In Zeiten galoppierdender Banken-, Realwirtschfts- und am Ende Volkswirtschtskriesen tut eine Aufklärung 2.0 Not. Wie wohl Helmut Schmidt und Peer Steinbrück auf Paech reagieren würden?

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    • akomado
    • 11. Dezember 2012 20:47 Uhr

    jedenfalls würde mich das Gegenteil überraschen. Die SPD ist als Wachstumskritikerin bisher nicht aufgefallen (von Einzelpositionen abgesehen). Ihr - mittlerweile kaum mehr eingelöstes - Konzept der Umverteilung setzt Wirtschaftswachstum voraus.
    Meiner Ansicht nach hat Niko Paech recht. Die Absurdität unseres Wirtschaftens besteht doch schon sehr lange darin, nicht etwa Bedürfnisse zu befriedigen, sondern ständig neue schaffen. Scheinbedürfnisse, wohlgemerkt. Vor zehn Jahren gab's noch keine iPhones - trotzdem waren die Leute nicht weniger glücklich oder unglücklich, als heute. Viele Produkte erziehen uns unter dem Deckmantel von "Erleichterungen" wichtige Fähigkeiten ab, auf jeden Fall stehlen sie uns die Zeit, die wir mit anderen Menschen - oder auch mit uns selbst verbringen könnten. Macht man sich das klar, bedeutete eine Ökonomie und Gesellschaft, wie Paech sie anregen möchte, nicht "Verzicht", sondern "Gewinn" - nämlich von Freiheit.
    Ich befürchte aber, daß die andere Seite, die ja nun mal am Konsumwahn verdient, Gegenmaßnahmen treffen würde, sollte die Anti-Wachstums-Idee signifikante Größenordnungen von Menschen ergreifen. Insofern kann, wer vom Wachstum redet, vom Kapitalismus nicht schweigen.

    ##Wie wohl Helmut Schmidt und Peer Steinbrück auf Paech reagieren würden?##

    Kennen Sie nicht das berühmte Schmidt-Zitat: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen"?
    Die SPD ist die denkbar ungeeignetste Anlaufstelle für alles was gedanklich auch nur einen halben Meter über das hier und jetzt hinausragt.

    Allerdings geht Paech auch den m.E. zum Scheitern verurteilten Weg des System-Reformismus, und möchte sich von Kapitalismus und Waren(!)wirtschaft nicht wirklich trennen.

    Ein wesentlich radikaleres und m.E. interessanteres Konzept ist dieses hier:
    http://wiki.eoslife.eu/index.php/Main_Page

  2. Auch Wasser trinkt. Es wird niemand daran gehindert, seinem Beispiel zu folgen. Allerdings werden wir nur allzu oft bedrängt, solch ein Leben zu führen. Mögen seine Vorträge auch voll sein und viele von ihm begeistert sein, nur wieviele werden seinem Beispiel folgen. Langfristig wird sich eben doch Bequemlichkeit und Wohlstandsdenken durchsetzen.

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    neue Ansätze verfolgt z.B. P:M: in diversen schweizer Projekten:
    Inhalt

    Während schon fast ein Konsens darüber besteht, dass wir aus dem gegenwärtigen Wirtschaftssystem heraus müssen, ist noch nicht klar, wie das geschehen soll. Der Kapitalismus kann nicht einfach durch ein anderes System, eine Alternativökonomie, ersetzt werden, denn einer seiner Fehler ist ja gerade, dass er ein einheitliches System ist, das sich über alle natürlichen und menschlichen Besonderheiten hinwegsetzt und alles über denselben Kamm schert.

    Der Autor plädiert statt dessen für ein Besinnen auf die Gemeinschaften: Leben kann nur gemeinsam gestaltet werden. Die Zukunft liegt in den Commons, also in Arrangements zur Herstellung und Erhaltung von gemeinsam genutzten Ressourcen. P.M. zeigt sehr konkret und detailliert, wie der Kapitalismus abgelöst werden kann, wie Gemeinschaften Märkte ersetzen können: eine Gebrauchsanweisung für das Gemeinglück.

    »Solch ein kultureller Pluralismus wird unsere Überlebenschancen drastisch erhöhen und ganz nebenbei viel mehr Freude in unser Leben bringen. Die nötigen Investitionen sind minimal: Es kostet uns nur den Verzicht auf simple Weltbilder und lieb gewonnene Überzeugungen.« P.M.
    http://www.edition-nautilus.de/programm/politik/buch-978-3-89401-767-5.html
    http://www.neustartschweiz.ch/

    Langfristig werden sich Mangel und Armut durchsetzen, wenn wir so weitermachen. Und wir werden so weitermachen.

    • akomado
    • 11. Dezember 2012 20:47 Uhr

    jedenfalls würde mich das Gegenteil überraschen. Die SPD ist als Wachstumskritikerin bisher nicht aufgefallen (von Einzelpositionen abgesehen). Ihr - mittlerweile kaum mehr eingelöstes - Konzept der Umverteilung setzt Wirtschaftswachstum voraus.
    Meiner Ansicht nach hat Niko Paech recht. Die Absurdität unseres Wirtschaftens besteht doch schon sehr lange darin, nicht etwa Bedürfnisse zu befriedigen, sondern ständig neue schaffen. Scheinbedürfnisse, wohlgemerkt. Vor zehn Jahren gab's noch keine iPhones - trotzdem waren die Leute nicht weniger glücklich oder unglücklich, als heute. Viele Produkte erziehen uns unter dem Deckmantel von "Erleichterungen" wichtige Fähigkeiten ab, auf jeden Fall stehlen sie uns die Zeit, die wir mit anderen Menschen - oder auch mit uns selbst verbringen könnten. Macht man sich das klar, bedeutete eine Ökonomie und Gesellschaft, wie Paech sie anregen möchte, nicht "Verzicht", sondern "Gewinn" - nämlich von Freiheit.
    Ich befürchte aber, daß die andere Seite, die ja nun mal am Konsumwahn verdient, Gegenmaßnahmen treffen würde, sollte die Anti-Wachstums-Idee signifikante Größenordnungen von Menschen ergreifen. Insofern kann, wer vom Wachstum redet, vom Kapitalismus nicht schweigen.

  3. Diese Ansätze von Herrn Paech mögen für einen gebildeten urbanen Menschen auf den ersten Blick sympathisch anmuten - sind aber ebenso grundfalsch wie kompatibel mit dem Weltbild der Anhänger des bedingungslosen Grundeinkommens:

    Der Glaube, individuelles Streben nach Gewinn, Wachstum und Wohlstand in unserer Kultur komplett transformieren oder gar abschaffen zu können, ist naiv und gar brandgefährlich; die Ideen kommen im Gewand der Aufklärung (z.B. "Nachhaltigkeit" - ein Schlagwort, was bei Anhängern dieser Ansätze allzu häufig missbraucht wird) daher, aber verheißen bei näherer Betrachtung nichts Gutes:
    konsequent zu Ende gedacht hieße das beispielsweise, kranke Leute nicht mehr adäquat behandeln zu können, da diese ja mehr "Eigenleistung in regionaler Nähe" aufbringen müssen. Es ließen sich noch viele weitere Beispiele anführen...

    Kulturelle und soziale Errungenschaften, die im weitesten Sinne mit Annehmlichkeiten
    verbunden sind oder gar moralisch-ethischer Standard geworden sind (Schwächere brauchen die Hilfe der Gemeinschaft etc.), würden faktisch abgeschafft...
    Wer das als Fortschritt und für einen "mutigen" Paradigmenwechsel hält, der täuscht.

    Bestenfalls ist dieser Blick sozialromantisch - übrig bliebe eher ein in der Tat konservatives,gar reaktionäres Weltbild mit sozialdarwinistischen Zügen, mit dem der Herr Pasch dann ganz gewiss nicht mehr vor einer Horde "biodeutscher" Studierender kokettieren würde. Oder ist dies vielleicht doch die richtige Zielgruppe?

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    Herr Paech ist einer der ganz wenigen Ökonomen denen
    in ganzer Bandbreite bewußt ist, dass es hier nicht um einen moralischen Imperativ geht oder dass es dabei um Sozialromantik geht, sondern der voll und ganz erkannt hat, dass unser Wohlstandsmodell vollständig und unabdingbar auf zwei Stützen aufgebaut ist.

    Nr1. Globale Wertschöpfungsketten und Spezialisierung, und
    Nr2. wichtiger noch der Verfügbarkeit billiger Energie.

    Herr Peach hat erkannt, dass unser Wohlstand und unsere Globalen Wertschöpfungen ohne Billige Energie und vor allem billigem Öl nie das hätte werden können was es heute ist.

    Wir sind nur aus einem Grund 7 milliarden Menschen geworden. Weil wir die unvorstellbaren Energiemengen des Öls für uns zu nutzen gelernt haben. Und Herr Paech weis sehr gut, dass dieser einmalige und unumkehrbare Lottogewinn sich nun dem Ende Zuneigt.

    Es geht nicht um Romantik, sondern um die schlichte Notwendigkeit. Unterschiedlichste Studien warnen seit langem davor, dass wir unter umständen schon bis 2030 nur noch 50% der Netto energie haben werden. In Europa sogar noch weit weniger. Doch ohne Energie kein Wachstum, keine Globalisierung.

    Herr Paechs Ideen sind ein Notfallprogramm, das , was uns rechtzeitig umgesetzt vielleicht die Landung die hart sein wird erträglicher werden lassen könnte.

    Doch immer noch zu viele glauben, dass technik uns retten wird. Doch dieses mal nicht. Energie haben wir nie erfunden, sondern nur gefunden. Da liegt das Problem

    Romantisieren Sie da nicht ein wenig unseren (!)Grad an Zivilisation? Wir leisten es uns, Totkranke mit teueresten "Behandlungsmethoden" ein paarweitere Wochen oder Monate am Leben zu erhalten, waehrend - wuerde man dieses Geld in Moskitonetze oder die Gewinnung von sauberem Trinkwasser investieren, Abertausende von Menschen ueberleben koennten.

    • ABCesar
    • 12. Dezember 2012 9:40 Uhr

    Ob uns das gefällt, oder nicht: eine wesentliche Aufgabe der Menschheit in diesem Jahrtausend wird es sein, ihre eigene Zahl im Zaum zu halten. Denn Menschen (ver)brauchen Ressourcen, auch wenn man so nachhaltig lebt wie Herr Paech. Und Ressourcen werden einfach umso weniger, je mehr Menschen da sind. Eine simple und für jeden transparente Rechnung. Niemand redet davon die Kranken und Alten im Stich zu lassen, im Gegenteil: niemand sollte im Stich gelassen werden. Das gilt aber auch für die Gesunden, die Jungen, die Kinder, die, da muss ich TinaKaren einfach zustimmen, in anderen Teilen der Welt in viel erschreckenderem Maße und aus haarsträubend einfachen Gründen krepieren. Was das für eine Zivilisation sein soll, für die Sie hier eine Lanze brechen, lieber Berlinkenner, dat weeß ick nu wirklich nich!

    Kurzum: die beste Nachhaltigkeit (und für mich gehört das, was Herr Paech hier vertritt, zum besten was ich bislang zum Thema gehört und gelesen habe) nützt uns langfristig gar nichts, wenn wir unsere Population nicht begrenzen. Freiwillig begrenzen, so wie Herr Paech seinen Konsum begrenzt. Die Freiheit, Gesetzen zu folgen, die sich der vernunftbegabte Mensch selbst gegeben hat. War das nicht Kant?

    Ich bin erfreut über die Aufklärung 2.0

    .... hilft nicht weiter.

    Eine Gesellschaft muss extrem produktiv sein, um so etwas wie Umverteilung von begehrten Ressourcen auf hohem Niveau möglich zu machen (dazu gehört nicht nur Luxus, sondern auch gerade hochkomplexe Produkte und Dienstleistungen, die eben Menschen brauchen, um in unserem Verständnis menschenwürdig leben zu können. Wollen Sie etwa Behinderten verwehren, dass Rolltreppen an U-Bahn-Stationen weiter ausgebaut werden?)

    Produktivität heißt leider ein Stück weit Wirtschaftswachstum. Das müssen die Kritiker des Wachstums ein Stück weit anerkennen.

    Umwelt - und Klimaprobleme werden sich langfristig nur durch bahnbrechende Technologien lösen lassen und nicht über eine utopisch anmutende Verzichtsideologie, die in Demokratien (in denen wir alle sicher leben wollen) wohl auch kaum durchsetzbar sein dürfte….

    Was hier so individuell und freigeistig im Sinne des Herrn Paschs und Welzers klingt (letztere aber noch der sympathischere und auch realistischer von beiden sein dürfte…), ist nur dann effektiv, wenn es alle machen und es eben keiner individuellen Entscheidungsdimension mehr entspricht - das aber nur um Preisgabe von demokratischen Freiheitsrechten. Es liefe auf eine Öko-Diktatur hinaus oder aber: um eine Randerscheinung im jetzigen bestehenden System.

    Es ist schön, dass Behinderte über Rolltreppen zum U-Bahnsteig kommen können. Unser Energiehunger führt systematisch dazu, dass andere Menschen nicht in unserem Verständnis menschenwürdig leben können. Ein Beispiel unter Vielen: Menschen wird das sie ernährende Land weggenommen, um Pflanzen für europäischen Biosprit anzubauen. Bitte keine Diskussion über dieses einzelne Beispiel, das ist austauschbar. Wollen Sie etwa solchen Menschen verwehren, dass sie sich ernähren können? Humanismus ist leider keine Leistung der 'hochentwickelten' Nationen, nur weil uns die positiven Effekte unserer Entwicklung öfter begegnen als die negativen. Und nur weil im Grundgesetz steht, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, heißt das nicht, dass es auch wirklich Programm ist.

    Umwelt- und Klimaprobleme wurden durch bahnbrechende Technologien verursacht. Natürlich können "bestimmte Technologien den Schaden anderer Technologien abschwächen". Den Glauben, dass unterm Strich Technologie Lösung dieser Probleme sein kann, halte ich aber für ungerechtfertigt.

    Zur Ressourcenverknappung sagen Sie gar nichts. Genau die wird aber aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwann die Öko-Diktatorin werden. Also warum nicht gleich schaun, was geht. Sie könnten auch Teil dieser Randerscheinung im jetzigen System werden. Was spricht dagegen?

    • spacko
    • 11. Dezember 2012 21:25 Uhr

    dann brauchen wir natürlich Verzicht und Schrumpfung. Schluss mit dem ganzen Industriequatsch! Aufklärung 1.0 führte aus dem Mittelalter raus, Zweinull führt wieder rein. Charmante Lösung zur Überbevölkerung: Lebenserwartung halbieren, Kindersterblichkeit rauf! Dann ist auch genug da für den Rest, wer sein Fahrrad nicht selbst heil bekommt, der läuft, wer das nicht kann, der hat halt Pech. So Typen sind echt die Richtigen. Eine Idee mit weltweiter Strahlkraft! Der goldene Westen kapituliert freiwillig und im vorraus.
    Der Herr Paech möge mal einem Land mit Bevölkerungswachstum und Youth Bulge erklären, dass es nicht weiter wachsen soll. Ein paar Lacher wird er ja bekommen, aber sonst?

    Freiwillige Selbstbeschränkung wird global nie funktionieren (sieht man ja schon an den Klimagipfelchen). Wer's lokal versucht, der wird hinweggefegt.

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    Ich hab mich verklickt und Ihren Kommentar empfohlen.

    Empfehlen wollte ich etwas anderes . Und zwar Ihnen. Beschäftigen Sie sich umfangreich mit der Verfügbarkeit billigen Öls. Dann fragen Sie sich, welche der sie gerade umgebenden Güter existieren würden wenn wir kein Öl hätten. Selbst das Glas wasser neben Ihnen hatte in seinem Produktions und Transportprozess "Öl" eingebunden. Genaugenommen sind es die 5 Kubikkilometer Öl die wir Jährlich verbrauchen und deren Energiegehalt einem Einem Äquivalent von im Schnitt 60 Sklaven für jeden Menschen des Planeten vom Greis bis zum Säugling entsprechen , die für unseren Wohlstand verantwortlich sind.

    Erinnern Sie sich an die Ölkrise ? Da fehlten am Weltmarkt nur 4% des Öls. Wenn der Peak of Oil durch ist, gegen 2020, werden wir Jährlich und sich schnell steigernd einen Rückgang von ca 3% erleben. Jährlich und für immer.

    Sie haben nicht verstanden, dass der historisch einmalige Vorfall des findens und verwendens gespeicherter Sonnenenergie aus 200 000 000 Jahren unser Wachstum ermöglicht hat.

    Das ist es worum es geht. Nicht Sozialromantik, nicht wunschdenken, keine Vision, sondern reine Notwendigkeit.

    Und Entkopplung hat weltweit bisher nachweisbar noch nie funktioniert.

    Wir brauchen vordenker wie Paech, um dann wenn die Krise eintritt, kluge Ideen parat zu haben. Denn vorher wird niemand handeln.

  4. >>Paech ist einer der wenigen seiner Zunft, die es wagen, Wachstum prinzipiell infrage zu stellen...<<

    Hurra, Hurra!
    Endlich einer, der es auch mal so formuliert, wie es sich gehört. Mehr davon. Gründen Sie doch bitte eine eigene Partei, Herr Paech, ich bin sofort dabei.

    »Doch die Grundlinie, weiteres Wachstum zu induzieren und das überkommene, auf Expansion und Entgrenzung basierende Fortschrittsmodell aufrechtzuerhalten, stellt keine der beiden Schulen infrage.«

    So sieht das nämlich aus. 95% der heute etablierten Wirtschafts'wissenschaften' sind nichts weiter als sinnloser Müll.
    Und während man noch über die Farbe des jeweiligen Wirtschaftsmodells diskutiert oder in den USA feststellt, die Regulierung habe versagt - die man seit den 80er Jahren ja quasi abgeschafft hatte - bereitet sich die nächste Krise bereits darauf vor, unsere Wohlstandswelt kräftig in den Arsch zu beißen.

    Umdenken?
    Nein, das geht natürlich nicht, da müßte sich ja manch etablierter Wirtschaftler eingestehen, daß er jahrzehntelang Bockmist gebaut hat.

    <<Alles fasst er in der Formel zusammen: So regional wie möglich, so global wie nötig. Mancher Zuhörer mag sich fragen, ob er wirklich Lust hat, künftig das Fahrrad selbst zu reparieren.<<

    Korrekte Formel. Und selber reparieren wäre gar nicht nötig. Innerhalb einer begrenzten Gemeinde, sagen wir 5000 Personen, gibt es bestimmt einen, der sowas besonders gut kann. Und irgendeine Verrechnungsmöglichkeit wird sich da schon finden.

  5. Der Kern des Problems ist die Massenkonsumgesellschaft, welche mit immer kürzeren Produktzyklen bei der breiten Bevölkerung Kaufkraft abschöpft (und damit deren Abhängigkeit von Arbeitgebern und Kreditgebern festigt), Forschungs-, Entwicklungs- und Fertigungskapazitäten vergeudet, Infrastrukturen verschleißt sowie Unmengen von Energien und Rohstoffe verbraucht. Um aus dieser Nummer herauszukommen, wird nicht ausreichen, sein Fahrrad selbst zu reparieren und sich das Sakko auf dem Flohmarkt zu kaufen.

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    Aber wie bei allen wichtigen Entwicklungen sind es die Vordenker wie Paech, die den Weg zu ebnen beginnen, bis endlich dann die Öffentliche Meinung kippt und etwas neues beginnen kann.

    Diese "Massenkonsumgesellschaft" hat einen ganz einfachen Namen: Kapitalismus! "Die marxistische Überzeugung, Privateigentum und Marktwirtschaft seien die Grundübel" hat durchaus seine Berechtigung. Produziert wird konkurrenzgetrieben nicht für den Bedarf sondern den Profit. Billig und resourcenverbrauchend wird produziert, weil dieses Wirtschaftssystem eben dies erfordert und erzwingt:
    ""Bei der kleinen selbständigen wie bei der großen kapitalistischen Landwirtschaft tritt an die Stelle selbstbewusster rationeller Behandlung des Bodens als des gemeinschaftlichen ewigen Eigentums, der unveräußerlichen Existenz- und Reproduktionsbedingung der Kette sich ablösender Menschengeschlechter, die Ausbeutung und Vergeudung der Bodenkräfte ... Bei dem kleinen Eigentum geschieht dies aus Mangel an Mitteln und Wissenschaft zur Anwendung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit. Bei dem großen durch Ausbeutung dieser Mittel zur möglichst raschen Bereicherung von Pächter und Eigentümer. Bei beiden durch die Abhängigkeit vom Marktpreis." K. Marx, Kapital III

  6. nur in groben Zügen auf das Thema Postwachstum ein und befasst sich fast nur mit dem Menschen Paech.

    Wer mehr über das Thema wissen will sollte diese Bücher lesen:
    http://www.oekom.de/buecher/themen/politikgesellschaft/archiv/buch/wohls...
    http://www.oekom.de/nc/buecher/gesamtprogramm/buch/befreiung-vom-ueberfl...

    Sie beiten leider auch noch keinen 100%igen Weg aus dem Dilemma zwischen Wachstum und Umweltzerstörung, aber sie zeigen sehr gut auf, dass es keinen anderen Weg geben kann als dieses Dilemma zu überwinden.

    Die Lebenserwartung würde sich sicher nicht halbieren, weil wir auf Wachstum verzichten. Costa Ricas Bip pro Kopf ist bei ca. 10.000, die Lebenserwartung bei 79,2Jahren. Deutschland ca. 28.000BIP/Kopf Lebenserwartung 80Jahre.Costa Rica Kindersterblichkeit 10,1 pro 1000, Deutschland 4,1 pro 1000.

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    • Jamml
    • 12. Dezember 2012 8:08 Uhr

    einen einstieg in die postwachstumsdebatte kann dieses kostenlose buch bieten: http://www.ife.uni-freiburg.de/wachstumswende
    auch hier ist nico paech mit von der parie...

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