Der Hörsaal ist rappelvoll mit jungen und alten Menschen. Sie füllen den Raum in der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Eichstätt-Ingolstadt. Am Eingang hat der örtliche Zeittausch-Ring einen Stand aufgebaut. »Tausche Reifenwechsel gegen Hochzeitstorte« steht auf einem gelben Faltblatt. Der Referent auf dem Podium müht sich mit dem Mikrofon ab. »Keine sehr fortschrittliche Technik«, witzelt er. Der 51-jährige Wissenschaftler aus Oldenburg wurde zuvor als »bekanntester Postwachstumsökonom Deutschlands« vorgestellt. »Wenn man das Wort bei Google eingibt, ist Niko Paech der erste Treffer«, sagt eine junge Frau von der Organisation sneep, dem »studentischen Netzwerk für Wirtschafts- und Unternehmensethik«, die den Norddeutschen eingeladen hat.

Dann legt Paech los. Was er zu sagen hat, ist eine Generalabrechnung mit dem herrschenden, auf stetigem Wachstum basierenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, mit dem globalen Wohlstandsmodell, mit dem alltäglichen Leben in Deutschland. Es sei ein System, das nur auf einer Plünderung der Natur beruhe und mit der sich abzeichnenden Verknappung wichtiger Ressourcen an sein Ende komme. Befreiung vom Überfluss heißt ein Büchlein, in dem er seine provokanten Thesen komprimiert hat.

Paech ist einer der wenigen seiner Zunft, die es wagen, Wachstum prinzipiell infrage zu stellen, und auch an der allseits gepriesenen green economy und dem von den Grünen propagierten green new deal lässt er kein gutes Haar. Paech geißelt »Effizienzmythen« ebenso wie die Idee, mehr Bildung sei eine Chance für »gutes Wachstum«. »Auch Bildung führt zu neuen Produkten, die das Leben vollrümpeln und die Umwelt zerstören.«

Es ist Paechs zweiter Auftritt in Ingolstadt. Viele Leute hätten beim ersten Mal keinen Platz mehr gefunden und den Veranstalter beschimpft. Deswegen sei er noch einmal gekommen, sagt er. Der Mann ist gefragt. »Ich habe vergangenes Jahr rund 80 Vorträge gehalten. Das ist aber nur ein Viertel oder ein Fünftel der Anfragen.« Auf Honorare verzichtet er in der Regel. »Ich lasse mir nur die Kosten erstatten.«

Mit seinen Thesen trifft Paech einen Nerv der Zeit. Wachstumskritik ist seit Ausbruch der Finanzkrise en vogue , obwohl viele Regierungen zugleich nach Ideen für noch mehr Wachstum suchen. Paech beklagt denn auch eine zunehmende Perspektivlosigkeit in der Ökonomie. »Die Kontroverse zwischen angebots- und nachfrageorientierter Makroökonomik bringt gar nichts«, sagt Paech. »Sie streiten nur über den Weg. Doch die Grundlinie, weiteres Wachstum zu induzieren und das überkommene, auf Expansion und Entgrenzung basierende Fortschrittsmodell aufrechtzuerhalten, stellt keine der beiden Schulen infrage.«

Unter Ökonomen, die oft trocken daherkommen, ist Paech eine echte Rampensau. Er hat als Moderator des Oldenburger Lokalfernsehens und Saxophonist zweier Rockbands Erfahrung gesammelt. Paechs Erfolgsgeheimnis ist nicht nur seine Fähigkeit, wirtschaftliche Zusammenhänge verständlich und witzig aufzubereiten, sondern auch seine persönliche Glaubwürdigkeit. Wenn er in seinen Vorträgen die Notwendigkeit betont, weniger zu konsumieren, kommt er gerne auf sein Sakko zu sprechen. »Das habe ich auf dem Flohmarkt gekauft und von einer Änderungsschneiderei anpassen lassen.« So kann er die Entrümpelung des Lebens vom »Wohlstandsschrott« glaubwürdig als ultimativen Freiheitsgewinn anpreisen.

Paech hat noch nie in einem Flugzeug gesessen, besitzt weder Handy noch Auto noch Eigenheim, ernährt sich vegetarisch. Auf dem Oldenburger Verschenkmarkt, den er als früherer Agenda-21-Beauftragter der Stadt mit gegründet hat, tauscht er gerne Alt gegen Alt. Sein Laptop gehört der Uni, sein letzter, privates Laptop war ein zehn Jahre altes Exemplar. »Ich konnte es nicht mehr unterwegs benutzen, weil der Batterieanschluss kaputt war«, sagt Paech. Inzwischen hat er ihn an die Freundin, eine Ökoköchin, weitergegeben. »Er macht Ernst mit dem Konsumverzicht, ohne dabei verbiestert zu wirken«, sagt Angelika Zahrnt, Ehrenvorsitzende des Bundes für Umwelt- und Naturschutz. Das komme bei jungen Leuten gut an.

Der Mann hätte das Zeug zu einer Kultfigur, zum Öko-Guru. »Das wäre ihm aber wohl zu unhinterfragt«, meint Philip Nehl, einer seiner Oldenburger Studenten. »Doch viele Studis bewundern seine Konsequenz.« Nehl macht gerade seinen Master in Sustainability Economics und Management. Ein Modul dieses Studiengangs über nachhaltiges Wirtschaften wird von Paech betreut. »Da geht es dezidiert um Wachstumskritik, wer da reingeht, kriegt wirklich eine Dusche«, erläutert Paech. Ansonsten hält sich der Ökonom an die Usancen seines Fachs. »Ich muss schon die klassische Theorie darlegen und will die Leute nicht indoktrinieren.« Allerdings weise er »aus Gründen wissenschaftlicher Akribie« auch auf »zwiespältige Sachverhalte« hin, etwa die Tatsache, dass lange Wertschöpfungsketten nur deshalb funktionieren könnten, weil Energie so billig sei.