Der Ernstfall ist eingetreten für die Washingtoner Politik: Wenn sich die Demokraten und die Republikaner nicht binnen weniger Wochen auf einen neuen Haushaltsplan einigen, könnten sie ihr Land in eine neue Rezession schicken. Fiscal cliff heißt die Bedrohung, und sie ist sozusagen ein selbst gemachtes Problem: Der Kongress hat sich vor einiger Zeit darauf festgelegt, dass im kommenden Jahr Hunderte Milliarden Dollar Haushaltskürzungen und Steuererhöhungen vorgenommen werden, falls die Einigung auf den Haushalt und damit auch auf zusätzliche Verschuldung scheitert. Ein sicheres Rezept für einen empfindlichen Wirtschaftsschock. Eben ein Ernstfall.

Mitten drin in den Washingtoner Debatten, und besonders lautstark: Jamie Dimon. »Die USA sind der beste Wirtschaftsmotor, der je gebaut wurde«, mit solchen Sprüchen meldet er sich in diesen Tagen. »Es fehlt nur der richtige Zündfunke.« Und Dimon hat, im Gegensatz zu den Demokraten und den Republikanern, bereits einen fertigen Plan zur Abwendung des fiscal cliff-Problems.

Ganz einfach: Washington soll bescheidene Steuererhöhungen beschließen und zugleich deutlich und langfristig die Sozialleistungen kürzen. Dann kämen die Finanzen wieder ins Lot. Ein Sparplan auf Kosten der Armen und Normalverdiener.

So gibt es eine ganze Menge von Problemen mit Dimons Plan, aber das größte ist wohl: Dimon hat überhaupt kein politisches Mandat. Er ist weder Minister noch Oppositionsführer, noch Senator, ja nicht einmal ein Hinterbänkler im Kongress. Offiziell ist er gar nicht in der Politik. Jamie Dimon ist Banker. Er ist der Chef des einflussreichen Wall-Street-Finanzkonzerns JP Morgan Chase, der führenden Bank Amerikas.

Davon lässt sich Dimon, der gerne Manschettenknöpfe mit dem US-Präsidialsiegel trägt, allerdings nicht weiter abhalten. Gemeinsam mit anderen Wirtschaftsbossen treibt er seinen Sparplan zurzeit ganz energisch voran. Die Initiative »Fix the Debt«, die seine Pläne verficht, sei eine Art Bürgerbewegung von Multimilliardären, lästern Kritiker. Angestoßen wurde sie ursprünglich von dem amerikanischen Großfinanzierer Pete Peterson, und inzwischen sind rund 80 US-Unternehmensführer dabei. Sie reden mit Volksvertretern, sie treten in den Medien auf.

Und keiner agiert dabei so sichtbar wie der Bankchef Dimon. Der Boss des über zwei Billionen Dollar schweren US-Finanzkonzerns ist bekannt für seine harten Bandagen, für seine geradezu brutale Offenheit wie für die Flüche, mit denen er seine Aussagen unterstreicht. Amerika, erklärt der Finanzmanager schon mal, sei ein »free fucking country« und Einwände gegen seine Auffassungen wischt er als »bullshit« weg. Seinen Mitstreitern der CEO-Initiative richtete Dimon in New York kürzlich eine Mittagstafel aus, die mehr Medienaufmerksamkeit bekam als ein Staatsbankett im Weißen Haus. Zuvor hatte man sich zur New Yorker Börse begeben und symbolisch die Eröffnungsglocke geläutet.

Bürgerengagement eines Bankchefs – oder in Wirklichkeit ein Coup?

Dimon findet, dass die Politiker zu zögerlich seien und dass er sie antreiben müsse. Dimon hat JP Morgan Chase zur führenden Bank Amerikas gemacht – und jetzt soll das ganze Land von seinen Managerqualitäten profitieren.

Das sehen natürlich nicht alle so. Dean Baker, ein Ökonom am linksliberalen Center for Economic and Policy Research, hat ein viel unfreundlicheres Wort für die Aktivitäten Dimons: Er spricht von einem »Coup« der Bosse. »Diese Ideen sind gerade erst bei den Wählern durchgefallen«, sagt Baker, »aber das hält Leute wie Dimon nicht davon ab, ihre politischen Vorstellungen in Washington durchzudrücken. Nach dem Motto: Jetzt habt ihr eure Wahl-Show gehabt, aber wir machen trotzdem, was uns passt.«