TheaterMein angstfreier Raum

Wie machte man Theater in der Diktatur? Indem man eine »zweite Sprache« auf die Bühne brachte. Wolfgang Engel, legendärer Regisseur am Staatsschauspiel Dresden, über seine Arbeit vor der Wende. von Robert Koall

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich im Theater je gefürchtet hätte. Vielleicht habe ich es Schönemann und Wolfram zu verdanken, dass ich angstfrei bleiben konnte in meiner Arbeit. Sie haben meine Haltungen gegenüber bestimmten Stoffen nie missbilligt. Sie wollten mich manchmal von einer anderen Sichtweise überzeugen, ja. Aber sie haben mir nie Vorschriften gemacht. Ich habe ja auch ziemlich problematische Stoffe gemacht – absolut pazifistische Stücke, wie Goldonis Krieg , wo die Sache mit der politischen Haltung ganz kompliziert war. Aber ich fühlte mich immer gut aufgehoben. Ich hatte immer das Gefühl, ich darf alles machen, was ich will, weil ich beschützt bin.

Als ich Dantons Tod von Georg Büchner inszeniert habe, war Schönemann bei einer Durchlaufprobe und fing irgendwann an, mit mir über die Aufführung zu streiten. Ich reagierte ziemlich aggressiv. Weil wir uns eigentlich sehr gern mochten, habe ich mich immer sehr aufgeregt, wenn wir miteinander gestritten haben. Ich ging nach der Probe in sein Büro und legte los: dass es in diesem Land, in der DDR, überhaupt keine Revolution gegeben habe; dass es alles nur äußerlicher Scheiß war nach 1945 und ich doch gerade versuchen würde, die totale Lethargie der Revolutionstruppe in meinem Danton zu inszenieren. Und auf einmal legt er den Finger auf den Mund, nimmt seine Sachen, ich tue es auch, und dann sind wir spazieren gegangen. Im Freien konnten wir unseren Streit dann verhandeln, denn wir fühlten uns unbeobachtet.

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Das war aber für mich kein erschreckender Vorgang, kein Vorgang der Angst, sondern ein ganz normaler. Ich verstand sofort, was Schönemann meinte. Natürlich waren wir nicht sicher, dass sein Büro abgehört wurde, aber so wie es vorauseilenden Gehorsam gab, gab es vorauseilende Vorsicht. In meiner Stasiakte steht an mehreren Stellen: »Wir kommen an Engel nicht ran, weil sich Wolfram und Schönemann immer vor ihn stellen.« Schönemann war Mitglied des Rats des Bezirks, Wolfram war hoch angebunden in Berlin – und trotzdem haben sie die Dinge in meinem Sinne gedeichselt.

»Schmeiß den Fremden nicht gleich raus. Der ist vom Rat des Bezirks«

Zum Beispiel beim Krieg. Wir haben ja zu DDR-Zeiten etwas gehabt, das wir immer als »zweite Sprache« bezeichneten – du sagst etwas und meinst etwas anderes. Davor hatten sie Schiss in der DDR. Sie kriegten es nicht zu fassen – aber das Publikum hat unsere Sprache verstanden. Wehe, wir haben diese zweite Sprache nicht gesprochen. Wenn die Zuschauer das in einer Aufführung nicht erfahren haben, sind sie auch zu DDR-Zeiten weggeblieben. Es gab immer diese geheime Zwiesprache zwischen der Bühne und dem Zuschauer. Als wir nun den Krieg machten, dieses pazifistische Stück, wollte es der Rat des Bezirks nicht zur Premiere kommen lassen und kam, wie üblich, Interesse heuchelnd, in die letzten Proben. Wolfram sagte zu mir: »Du, pass mal auf morgen. Schmeiß den Fremden, der da sitzt, nicht gleich raus, der ist vom Rat des Bezirkes.«

Hinterher gab es Diskussionen. Die wollten, dass es nicht rauskommt, basta. Wolfram schlug vor, das Stück ein paar Mal zu spielen und dann eine große öffentliche Auseinandersetzung zu machen. Dazu hat er als Moderatorin eine sehr gute Theaterwissenschaftlerin aus Leipzig geholt – Erika Stephan. Die konnte listig sein und war dann so was von umständlich in Gesprächen! Die hat er ganz bewusst geholt, sie hat zwei Stunden lang alle lahm geredet, sodass eine Diskussion gar nicht mehr stattfand. Und wir waren durch. Das klingt, wenn man es heute erzählt, fast spielerisch – aber so haben wir es damals nicht empfunden, es war unser Leben als Künstler, und damit war uns sehr ernst. Es gab Momente der Anspannung und manchmal auch der Verunsicherung, aber keine wirkliche Angst.

Dennoch hatte ich einmal richtig große Angst in meinem Theaterleben. Das war 1989. Wolfram war Anfang der Oktobertage, als wir eigentlich schon auf der Straße waren, abends bei mir in der Wohnung. Er hatte durch seine Verbindung zum Rat des Bezirkes überall seine Ohren, und nun stand er nachts um halb zwölf bei mir und sagte: »Tu mir einen Gefallen, schlaf ein paar Tage woanders, die wollen dich aus dem Verkehr ziehen.« Ich weiß gar nicht, ob sie es wirklich gemacht hätten. Aber ich hatte Angst um meine Mutter. Sie hatte mir mal gesagt, als ich zur Armee musste: »Wenn es mal zum Krieg kommt, dann mach dir keinen Kopf um deine Mutter. Wenn du desertieren willst, dann mach das.« Ich müsse auf sie keine Rücksicht nehmen. Sie hatte als junge Frau ihren Mann im Zweiten Weltkrieg verloren, und sie sagte zu mir: »Das mach ich nicht noch mal mit.« Was sie damit meinte, war, dass sie sich, falls auch ich ihr entzogen würde, sofort das Leben nähme. Ich ging an dem Abend zu einem Schauspieler, der hier engagiert war, und übernachtete dort. Ihm nahm ich das Versprechen ab, dass, wenn ich aus dem Verkehr gezogen werden sollte, er nach Schwerin fahren und meine Mutter zu sich holen würde. Da hatte ich Angst. Und ich hatte auch Angst an einem Abend in der Prager Straße. Man versammelte sich 1989 ja hier in Dresden immer am Hauptbahnhof. Ab 18 Uhr fingen die Leute an, in der Prager Straße spazieren zu gehen, und es wurden immer mehr. Das Schlimme war: Sie haben sich nicht unterhalten. Sonst hat man ja das Gesumme der Gespräche als Grundgeräusche einer Menschenmasse. Das war ganz gespenstisch, und ab acht kam eigentlich immer die Polizei, die wir übrigens »die Nibelungen« genannt haben, weil sie mit gläsernen Schilden dort standen. Die hatten genauso viel Angst, genauso viel Angst wie wir, das war ganz merkwürdig.

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