Ob es stimmt, dass er die Aufhebung der Immunität eigentlich nicht beantragen lassen wollte, dazu will Eimterbäumer nichts sagen. Aber dass ein Staatsanwalt eine solche Entscheidung nicht im luftleeren Raum trifft, das ist gewiss. Was das Spannungsfeld zwischen "weisungsgebunden" und "unabhängig" in solch heiklen Fällen konkret bedeutet, gehört zu den am besten gehüteten Geheimnissen. Minister Busemann bestreitet, dass er Informationen weitergegeben oder Einfluss auf das Verfahren genommen hat.

Die Frage, ob die Affäre Wulff zu Ende ist, stellt sich nicht nur, weil das Verfahren nicht zu Ende ist, sondern auch deshalb, weil die Regierung Wulff, in deren aktive Zeit viele der Vorwürfe hineinreichen, noch im Amt ist. Sie heißt jetzt Regierung McAllister. Der Justizminister, der Innenminister, der Finanzminister, sie alle sind noch da. David McAllister war Wulffs Ziehsohn. Wie der "Geist von Hamlets Vater" laste Wulff auf dem niedersächsischen Wahlkampf, hat der SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil kürzlich bemerkt. Der niedersächsische Ministerpräsident will davon nichts bemerkt haben. Wulff, so versichert McAllister tapfer, spiele wirklich gar keine Rolle mehr. Doch eine Anklage im Wahlkampf, davon kann man ausgehen, käme eher ungelegen.

Einer, der ein Lied davon singen kann, dass Schein und Wirklichkeit manchmal schmerzlich auseinanderklaffen, ist Peter Hintze, der in diesem Fall auch eine Rolle gespielt hat. Kohls ehemaliger Generalsekretär ist einer der witzigsten und klügsten Politiker, die in Deutschland herumlaufen, aber für die meisten Leute wird er auf ewig Pastor Hintze mit den roten Socken bleiben. Hintze weiß also, wie es ist, wenn man Opfer einer öffentlichen Rolle wird. Im Fall Wulff hatte Hintze irgendwann den Eindruck, dass übertrieben werde. Dass es, wenn alle gegen einen sind, einen geben muss, der zu ihm hält. Deshalb setzte Hintze sich ins Fernsehen und verteidigte Christian Wulff. Es gibt nicht wenige, die glauben, das habe Wulff endgültig um seinen Ruf gebracht.

Peter Hintzes Apfeltheorem

Von Peter Hintze also stammt auch das Apfeltheorem. Es besagt in etwa: Wenn man einen Apfel in acht Teile teilt und dann zusammendrückt und das ganze einen Apfel ergibt, dann ist man geneigt zu denken, man habe das Konstruktionsprinzip des Apfels erkannt. Es sind aber nur die Stellen, an denen man selbst den Apfel zerlegt hat. Soll heißen: Auch wenn die Teile die Summe des Ganzen ergeben, sagen sie nicht unbedingt etwas über sein Wesen.

So ist es inzwischen bei der Affäre Wulff. Je näher man sich damit befasst, je mehr Teile man findet, umso schwerer fällt es, zu sagen, worum es sich eigentlich handelt: um eine Intrige? Einen Justizskandal? Oder doch um ein ganz normales Verfahren? Es ist eine Geschichte, in der viele andere Geschichten stecken.

Es gehe darum, die historische Wahrheit in einem einmaligen Fall herauszufinden, sagt die Staatsanwaltschaft. Die historische Wahrheit: Das ist der Druck, den die Staatsanwaltschaft sich selbst macht. Aber man kann davon ausgehen, dass sich auch noch ein paar andere Leute bemühen, Druck zu machen. Die Wahrheit wird am Ende amtlich festgestellt werden, aber ist sie ermittelbar? Ist einer ein bisschen korrupt oder unschuldig, wenn gegen Geldzahlung eingestellt wird oder gegen Auflage? Ist er unschuldig, wenn es nicht für eine Anklage reicht?

Was die Folgen der Geschichte sind, das ist leichter zu beschreiben. Christian Wulff hat sein Amt unwiederbringlich verloren, aber finanziell ist er abgesichert. Für Olaf Glaeseker sieht das anders aus. Würde ein Strafbefehl verhängt oder würde er verurteilt, wäre er vorbestraft, Glaeseker würde seinen Beamtenstatus und seine Versorgungsansprüche verlieren, er stünde vor dem Nichts. In einem 52-seitigen Schreiben an die Staatsanwaltschaft hat sein Anwalt seine Sicht der Dinge und seine Verteidigungsstrategie dargelegt. Mit dem ebenfalls verdächtigen Manfred Schmidt, so Glaeseker, verbinde ihn eine "tiefe, auf persönlicher Zuneigung, Vertrauen und Offenheit gegründete Freundschaft", die bereits vor dem Nord-Süd-Dialog bestanden habe.