Yasmina Reza"Ich liebe das Geheimnis"

Yasmina Reza ist die erfolgreichste lebende Theaterautorin der Welt. Gerade erscheint ihr autobiografisches Buch "Nirgendwo". Eine Begegnung mit einer öffentlichkeitsscheuen Autorin, die nicht gerne über ihre Herkunft und ihre Familie spricht. von 

Es heißt ja, sie sei so scheu. Es heißt, sie gebe nicht gerne Interviews. Jedes ihrer vielen Interviews kommt irgendwann bei der Frage an, warum sie so ungern Interviews gibt. In Berlin spielt gerade ein Theaterstück von ihr, in dem es nur darum geht, wie furchtbar Interviews für eine Autorin sind. Jede Journalistenfrage in ihrem Theaterstück ist ein Peitschenhieb, der auf die hilflose Autorin niedergeht. Die Journalistin in dem Stück ist eine durchtriebene Domina. Die Autorin ihre Beute. Aber das ist ja nur Theater.

Jetzt isst Yasmina Reza schnell noch ihren Salat auf, sie ist gerade aus Paris nach Berlin gekommen. Vor einer Woche hat sie einen neuen Roman fertig geschrieben. Heute Abend will sie ihre Uraufführung am Deutschen Theater besuchen, morgen früh wird sie ihren Freund, den Literaturnobelpreisträger Imre Kertész, treffen. Der nächste Interviewer, ein Monsieur Biller, den sie nicht kennt, wird in Kürze hier eintreffen.

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Sie sieht nicht so aus wie auf den Fotos. Ihr Gesicht ist eine offene Landschaft, eher Flachland, der Mund darin eine unübersehbare Hügelkette. Sie ist freundlich, sie ist unkompliziert, präzise, nicht so kapriziös wie ihre Theaterschriftstellerin im Deutschen Theater. Sie muss das jetzt hier hinter sich bringen. Sie redet ziemlich schnell. Man kommt nicht auf die Idee, dass sie gequält sein könnte. Sie findet es einfach nur nicht interessant, von sich selber zu sprechen. Ein einziges Mal hat sie eine amerikanische Journalistin in ihre Pariser Wohnung gelassen. Seitdem weiß die Welt, wie ihre Sofas aussehen (weiß), mit wem sie lebt (allein mit ihren beiden Kindern), welche Blumen bei ihr auf dem Tisch stehen (rosa Tulpen) und was sie sieht, wenn sie aus dem Fenster sieht (eine kleine Grünanlage). Natürlich wird sie immerzu nach Nicolas Sarkozy gefragt, den sie ein Jahr lang auf seiner Wahlkampfreise begleitet und über den sie einen Roman geschrieben hat, in dem er nur halbwegs schmeichelhaft wegkommt. Aber das ist nun schon lange vorbei.

Am besten stelle ich ihr die Frage, die immer kommen muss, sofort, dann haben wir das schon mal erledigt: Warum gibt sie so ungern Interviews? Sie ist doch nicht ängstlich. Sie ist auch keine Diva. Oder nur ein bisschen. Sie hat doch offensichtlich Freude daran, mit anderen zu sprechen. Sie ist nicht wie Michel Houellebecq, der gerne Schweigeduelle mit seinen Befragern austrägt. Nein, sagt sie, es gehe nicht um Angst. Es gehe um Präzision. Was sie heute Blau nennt, könnte morgen einen Schimmer von Grün enthalten. Sie möchte sich da nicht festlegen. Sie möchte nichts fixieren. Ihre Texte sollen sprechen. Die seien von einer solchen Genauigkeit. Sie wolle im Gespräch nicht alles banalisieren, was sie geschrieben hat. Sie würde wirklich tausendmal lieber schweigen. Aber das würde ihrer Arbeit schaden. Man kann sich nicht ganz verweigern. Niemand kann das. Und warum auch? Der Medienschriftsteller mag eine sehr junge Erfindung sein, den öffentlichen Schriftsteller hat es schon immer gegeben. Besonders in der französischen Literatur, die den écrivain-philosophe, den philosophierenden Schriftsteller, hervorgebracht hat. Michel Houellebecq und Jonathan Littell sind, jeder auf seine Weise, noch immer in dieser Spur unterwegs. Yasmina Reza nicht. Sie besteht auch hier auf Genauigkeit. Der Künstler folge seiner Intuition. Der Intellektuelle seiner Vernunft. Beides gleichzeitig gehe nicht. Ging früher vielleicht einmal, im vorigen Jahrhundert, als die Dinge noch nicht so kompliziert und die Kommunikationstechniken noch nicht so verrückt waren. Als noch nicht minütlich Tausende von Meinungen veröffentlicht wurden. Als noch nicht jeder überall mitgeredet, sich jeder immerzu ausgedrückt hat. Die Verantwortung des Schriftstellers der Gegenwart sieht sie in der Bescheidenheit, im Nicht-Mitreden, im Nicht-Meinen. Man möchte da jetzt nicht mit ihr streiten.

Yasmina Reza

wurde 1959 in Paris als Tochter einer ungarischen Mutter und eines iranisch-russischen Vaters geboren. Sie feierte internationale Erfolge mit ihren Theaterstücken »Der Gott des Gemetzels«, »Drei Mal Leben« und »Kunst«

Yasmina Reza ist 53 Jahre alt. Sie ist in Paris geboren, sie hat ihr Leben in Paris verbracht. Sie war Schauspielerin, bevor sie die weltberühmte, meistgespielte Theaterautorin wurde, die sie jetzt ist. Kunst, Der Gott des Gemetzels, Drei Mal Leben, sie weiß nicht genau, wo diese Stücke überall gespielt wurden. Sie kennt die Tausende von Inszenierungen nicht. Sie geht, wenn sie geht, nur in die Uraufführungen. Heute Abend wird sie in Berlin bei Stefan Kimmigs Inszenierung ihres neuen Stücks Ihre Version des Spiels irgendwo in den hinteren Reihen im Publikum sitzen, den französischen Text auf den Knien, verloren in den deutschen Satzkaskaden, die sie nicht versteht, und wird am Ende des Abends auf der Bühne den Regisseur und die Schauspieler beklatschen.

Der unfassbare Erfolg ihrer Stücke ist ein Geheimnis. Eine richtige Handlung gibt es nicht. Meistens ist es so, dass das endlose halbgebildete Gequatsche, das die Handlung ersetzt, durch den komödiantischen Übereifer der Gesprächsteilnehmer irgendwann implodiert. Das ist der entscheidende Moment in Yasmina Rezas Stücken, auf den man gespannt wartet, während die Schauspieler virtuos durch den Sprachmüll des oberen Meinungsbürgertums waten, sich streiten, sich notdürftig wieder versöhnen, sich unendlich wichtig nehmen. Erstaunlicherweise klappt dabei immer beides: die Selbstfeier und die Selbstdemontage der kulturbürgerlichen Klasse, die ins Theater geht, um sich bei Yasmina Reza wiederzufinden.

Sie hört es nicht gerne, wenn man ihre Stücke Satiren oder Beziehungskomödien nennt. Nein, jede ihrer Figuren versuche doch ernsthaft ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Besonders Kunst und auch Ihre Version des Spiels seien zu Unrecht als vernichtende Satiren auf den Kunst- oder Literaturbetrieb aufgefasst und gefeiert worden. Die Schriftstellerin im Stück Ihre Version des Spiels, die in Berlin von der sich in eine verzweifelte Wut hineinsteigernden Corinna Harfouch gespielt wird, sei kein Opfer; die Journalistin, die sie befragt, sei nicht ihr Henker. Auch wenn man das in Berlin so sieht. Dieser abschätzige, angewiderte Blick des deutschen Kulturbetriebs auf sich selber ist eine dieser deutschen Merkwürdigkeiten, die in Paris niemand versteht. In Paris inszeniert Yasmina Reza ihre Stücke manchmal auch selber. Dann sitzt die Kulturbourgeoisie in ihren unglaublich teuren Premiumimmobilien wie ehemals der überflüssige Tschechowsche Adel auf seinen verfallenden Gütern und redet sich in makelloser Eleganz um Kopf und Kragen. Yasmina Reza hat darauf einen beinahe zoologischen Blick. Seltsame Tiere sind wir, die sich wegen unverständlicher Dinge das Leben zur Hölle machen.

An dieser Stelle, an der es um ihre natürliche Fremdheit in der Gegenwart geht, kommen ihr jüdischer Vater aus Samarkand und ihre jüdische Mutter aus Budapest ins Spiel. Er ein musikbesessener Geschäftsmann, der Tag und Nacht arbeitete; sie eine Geigerin, die nach der Heirat keine Geige mehr anrührte. In ihrem autobiografischen Erinnerungsbuch Nirgendwo, das vor kurzem auf Deutsch herausgekommen ist, steht der Satz: »In diesem Park, wo meine Eltern erschienen, um mich abzuholen, sie, die mich niemals, nirgendwo abholen kamen, lief ich ihnen mit einer derartigen Freude entgegen, und dieses Übermaß an Freude war auch ein Kummer.«

Nirgendwo nennt sie ihr Buch, weil das ihr Lebensgefühl beschreibt. Eine glückliche Kindheit, heißt es darin, sei eine unnütze Last für die Zukunft. Ihre Eltern waren zu beschäftigt damit, ein neues Leben zu beginnen. Es wurden keine Geschichten von früher erzählt, keine Feste gefeiert, keine Tische gedeckt. »Ich habe keine Herkunft«, schreibt Yasmina Reza. »Wenn ich in der Zeitung lese: Iranerin, Russin, Jüdin, Ungarin, dann sind das Worte, die ich gesagt habe. Es gibt keine Bilder, kein Licht, keinen Geruch, nichts.«

Ja, die Eltern seien interniert gewesen. Sie sagt es schnell und wie nebenbei. Aber das sei nicht ihr Lebensthema. Selbst wenn sie einen Großvater, eine Großmutter verloren hätte (sie sagt es nicht, aber sie meint: im Holocaust), hätte sie ihr Leben nicht darauf gebaut. Dass sie Jüdin ist, will sie erst gemerkt haben, als man ihr verbot, abends das Kreuz zu schlagen, wie das die anderen ordentlichen kleinen Mädchen in ihrer Klasse alle machten. Nie wieder, sagte man ihr, solle sie so etwas Schreckliches tun, ihre Großmutter würde sonst verrückt werden. Sie hat das nicht verstanden: »Warum sollte Großmutter verrückt werden, wenn man diese tugendhafte Gebärde in allen normalen Familien schätzte?« Erst nach dem Sechstagekrieg habe ihr Vater das Wort Jude in der Familie eingeführt, auf eine »bedingungslose und mythologische Weise«. In Frankreich allerdings werde sie inzwischen nicht mehr nach ihrem Judentum gefragt.

Ich frage dennoch. Gibt es denn gar nichts Jüdisches an ihr? Doch, sagt sie, ihre Neigung, über das Schlimmste zu lachen, das sei vielleicht jüdisch. Und eine bestimmte Abstraktion des Schreibens, die Art und Weise, wie sie ohne Umwege auf das Wesentliche zugehe. Na ja, ihre »culture« sei schon ziemlich »Mitteleuropa«, absurd, tragisch, komisch, pessimistisch, fatalistisch und, ja, das auch, fröhlich. Immer wieder sagt sie: »Ich liebe es zu lachen.« Und einmal auch: »Ich liebe das Geheimnis.« Im Buch steht: »Es gibt einen harten Erdboden, festgetreten seit Jahren, den es vielleicht eines Tages, wenn ich genug Kraft und Mut dazu aufbringe, umzugraben gilt.«

Ihre beiden Kinder sind erwachsen, 23 und 19 Jahre alt. Yasmina Reza hat sie nie fotografiert. Aber sie hat die beiden verewigt. Für immer wird der kleine Junge mit seinem Schwimmzeug unterm Arm im Buch seiner Mutter zur Schule zuckeln. Für immer wird die kleine Tochter darin ein nicht endendes Theaterstück mit Stofftieren aufführen. Es ist ein vorübergehender Sieg über die Zeit und ihr stures Vergehen. In diesem Augenblick meldet der Kellner: »Monsieur Biller.«

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Leserkommentare
    • ikonist
    • 12. Dezember 2012 9:41 Uhr

    in jeder anderen lebensregion deutschlands gibt es mehr kultur, als in der sogenannten kulturszene

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