Yasmina Reza"Ich liebe das Geheimnis"
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"Nirgendwo" nennt sie ihr Buch, weil das ihr Lebensgefühl beschreibt

Sie hört es nicht gerne, wenn man ihre Stücke Satiren oder Beziehungskomödien nennt. Nein, jede ihrer Figuren versuche doch ernsthaft ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Besonders Kunst und auch Ihre Version des Spiels seien zu Unrecht als vernichtende Satiren auf den Kunst- oder Literaturbetrieb aufgefasst und gefeiert worden. Die Schriftstellerin im Stück Ihre Version des Spiels, die in Berlin von der sich in eine verzweifelte Wut hineinsteigernden Corinna Harfouch gespielt wird, sei kein Opfer; die Journalistin, die sie befragt, sei nicht ihr Henker. Auch wenn man das in Berlin so sieht. Dieser abschätzige, angewiderte Blick des deutschen Kulturbetriebs auf sich selber ist eine dieser deutschen Merkwürdigkeiten, die in Paris niemand versteht. In Paris inszeniert Yasmina Reza ihre Stücke manchmal auch selber. Dann sitzt die Kulturbourgeoisie in ihren unglaublich teuren Premiumimmobilien wie ehemals der überflüssige Tschechowsche Adel auf seinen verfallenden Gütern und redet sich in makelloser Eleganz um Kopf und Kragen. Yasmina Reza hat darauf einen beinahe zoologischen Blick. Seltsame Tiere sind wir, die sich wegen unverständlicher Dinge das Leben zur Hölle machen.

An dieser Stelle, an der es um ihre natürliche Fremdheit in der Gegenwart geht, kommen ihr jüdischer Vater aus Samarkand und ihre jüdische Mutter aus Budapest ins Spiel. Er ein musikbesessener Geschäftsmann, der Tag und Nacht arbeitete; sie eine Geigerin, die nach der Heirat keine Geige mehr anrührte. In ihrem autobiografischen Erinnerungsbuch Nirgendwo, das vor kurzem auf Deutsch herausgekommen ist, steht der Satz: »In diesem Park, wo meine Eltern erschienen, um mich abzuholen, sie, die mich niemals, nirgendwo abholen kamen, lief ich ihnen mit einer derartigen Freude entgegen, und dieses Übermaß an Freude war auch ein Kummer.«

Nirgendwo nennt sie ihr Buch, weil das ihr Lebensgefühl beschreibt. Eine glückliche Kindheit, heißt es darin, sei eine unnütze Last für die Zukunft. Ihre Eltern waren zu beschäftigt damit, ein neues Leben zu beginnen. Es wurden keine Geschichten von früher erzählt, keine Feste gefeiert, keine Tische gedeckt. »Ich habe keine Herkunft«, schreibt Yasmina Reza. »Wenn ich in der Zeitung lese: Iranerin, Russin, Jüdin, Ungarin, dann sind das Worte, die ich gesagt habe. Es gibt keine Bilder, kein Licht, keinen Geruch, nichts.«

Ja, die Eltern seien interniert gewesen. Sie sagt es schnell und wie nebenbei. Aber das sei nicht ihr Lebensthema. Selbst wenn sie einen Großvater, eine Großmutter verloren hätte (sie sagt es nicht, aber sie meint: im Holocaust), hätte sie ihr Leben nicht darauf gebaut. Dass sie Jüdin ist, will sie erst gemerkt haben, als man ihr verbot, abends das Kreuz zu schlagen, wie das die anderen ordentlichen kleinen Mädchen in ihrer Klasse alle machten. Nie wieder, sagte man ihr, solle sie so etwas Schreckliches tun, ihre Großmutter würde sonst verrückt werden. Sie hat das nicht verstanden: »Warum sollte Großmutter verrückt werden, wenn man diese tugendhafte Gebärde in allen normalen Familien schätzte?« Erst nach dem Sechstagekrieg habe ihr Vater das Wort Jude in der Familie eingeführt, auf eine »bedingungslose und mythologische Weise«. In Frankreich allerdings werde sie inzwischen nicht mehr nach ihrem Judentum gefragt.

Ich frage dennoch. Gibt es denn gar nichts Jüdisches an ihr? Doch, sagt sie, ihre Neigung, über das Schlimmste zu lachen, das sei vielleicht jüdisch. Und eine bestimmte Abstraktion des Schreibens, die Art und Weise, wie sie ohne Umwege auf das Wesentliche zugehe. Na ja, ihre »culture« sei schon ziemlich »Mitteleuropa«, absurd, tragisch, komisch, pessimistisch, fatalistisch und, ja, das auch, fröhlich. Immer wieder sagt sie: »Ich liebe es zu lachen.« Und einmal auch: »Ich liebe das Geheimnis.« Im Buch steht: »Es gibt einen harten Erdboden, festgetreten seit Jahren, den es vielleicht eines Tages, wenn ich genug Kraft und Mut dazu aufbringe, umzugraben gilt.«

Ihre beiden Kinder sind erwachsen, 23 und 19 Jahre alt. Yasmina Reza hat sie nie fotografiert. Aber sie hat die beiden verewigt. Für immer wird der kleine Junge mit seinem Schwimmzeug unterm Arm im Buch seiner Mutter zur Schule zuckeln. Für immer wird die kleine Tochter darin ein nicht endendes Theaterstück mit Stofftieren aufführen. Es ist ein vorübergehender Sieg über die Zeit und ihr stures Vergehen. In diesem Augenblick meldet der Kellner: »Monsieur Biller.«

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Leserkommentare
    • ikonist
    • 12. Dezember 2012 9:41 Uhr

    in jeder anderen lebensregion deutschlands gibt es mehr kultur, als in der sogenannten kulturszene

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