DER MORGEN ist wolkenverhangen, das verheißt nichts Gutes. Denn bei bedecktem Wetter sind die Schmerzen, die Philippe Pozzo di Borgo niemals in Ruhe lassen, unerträglich. Es liegt am Luftdruck. Der Schmerz muss sich wie Feuer anfühlen, das den ganzen unbeweglichen Körper durchzuckt. Seit einem Sportunfall vor 20 Jahren ist der frühere Champagner-Unternehmer an allen Gliedmaßen gelähmt, ein Tetraplegiker, der keinen Finger rühren und nur noch über seine Mimik bestimmen kann. Am Vorabend dieses Gesprächs, als in Lüttich die Sonne noch schien, hat sein Freund und Pfleger Abdel Sellou dem Rollstuhl von Pozzo di Borgo den Weg durch die Kameras, Kabel und Mikrofone zu einer Wohltätigkeitsgala des belgischen Fernsehens gebahnt. Einige Menschen in Rollstühlen warteten am Rande des roten Teppichs, und die Leute standen in ihren Wohnungen an den Fenstern und winkten Pozzo und Abdel zu. Offensichtlich kennt jeder die beiden, seitdem der Film Ziemlich beste Freunde die Geschichte des steinreichen französischen Aristokraten Pozzo, der von einem Kleinkriminellen aus den Pariser Vororten gepflegt wird, zu einem der größten Kinoerfolge der Nachkriegszeit machte. Jetzt erscheint das neue Buch von Pozzo di Borgo auf Deutsch, ein Manifest für eine brüderliche Gesellschaft, und weil er sich diesem Vorhaben zutiefst verpflichtet fühlt, will er sich durch die Schmerzen nicht vom Gespräch abhalten lassen. Er spricht mit Mühe.

DIE ZEIT: Wir versuchen es also?

Philippe Pozzo di Borgo: Natürlich. Es sind die Wolken, ich habe es Ihnen gesagt. Die Nacht war schlecht. Ich habe nur Sorge, dass ich nicht klar denken und nicht in klaren Sätzen sprechen kann.

ZEIT: Haben Sie wahrgenommen, wie die Menschen gestern an ihren Fenstern standen, um Sie zu sehen?

Pozzo di Borgo: Vielleicht war es ein Altersheim, an dem wir vorbeigefahren sind?

ZEIT: Keineswegs. Es waren die Leute, die mitten im Leben stehen, wie man so sagt. Die Leute scheinen auf Sie zu warten, oder? Wie hat sich durch den Film Ihr Alltag verändert?

Pozzo di Borgo: Wirklich bequem ist er nicht geworden, zugegeben. Diese Schmerzen haben keine Ähnlichkeit mit Champagner. Vor allem aber bekomme ich, seitdem die Mail-Adresse in meinem Buch Intouchables, Ziemlich beste Freunde stand, Abertausende von Mails, in allerhand Sprachen, die man mit Google-Übersetzungen höchstens annäherungsweise verstehen kann, und also verbringe ich seit einem Jahr täglich fünf bis sechs Stunden damit, diese Post zu verstehen und zu beantworten. Die Lektüre ist schmerzhaft. Was für ein Elend sich in diesen Briefen zeigt! Alles Unglück der Welt landet plötzlich auf meinem Bildschirm. Darauf war ich nicht vorbereitet. Ich bin kein Weiser, ich bin nicht religiös. Die Unermesslichkeit der Verzweiflung, die mich erreicht, hat mich überwältigt.

ZEIT: Aber Sie antworten jedem?

Pozzo di Borgo: Was sonst? Anders geht es nicht.

ZEIT: Welches Bild unserer Gesellschaft tritt Ihnen da entgegen?

Pozzo di Borgo: Es klafft ein Abgrund zwischen den Anforderungen der Gesellschaft und dem, was sich in den Menschen zuträgt. Sie fühlen sich abgehängt, ausgeschieden, zerstört, beladen, gejagt, sie sind voller Scham und Angst, weil sie nicht leisten können, was man von ihnen verlangt, als Arbeitnehmer, als Familienväter, als Migranten oder Arbeitslose, es sind alle Lebenssituationen dabei, ob mit körperlicher Behinderung oder ohne. Wir haben eben alle ein Handicap, sei es nun körperlich, seelisch oder sozial. Übrigens wenden sich auch viele Tetraplegiker an mich, die gelähmt sind, weil sie sich aus dem Fenster gestürzt haben, und nun schreiben sie: »Ich hab’s nicht hingekriegt, auch das nicht.« All diese Mails belegen ein massenhaftes Gefühl des Scheiterns. Auch deshalb würde ich mein erstes Buch nicht ausgerechnet als Erfolg bezeichnen. Wir sind als Gesellschaft in einer Sackgasse gelandet.

ZEIT: Sie wollen bei diesem Scheitern nicht stehenbleiben. Aus Zweckoptimismus?

Pozzo di Borgo: Nein, sondern weil ich davon überzeugt bin, dass man es besser machen kann. Es liegt ein Wunsch nach Veränderung in der Luft. Die Depression war lange allgegenwärtig. Aber man kann die Natur des Menschen und die Anforderungen der westlichen Wohlstandsgesellschaften besser in Einklang bringen. Die Menschen wollen ein sinnvolles Leben führen, sie wollen sich nicht fortgesetzt drängen und hetzen lassen. Jeder weiß oder ahnt doch zumindest, dass die menschliche Existenz zerbrechlich ist. Man glaubt nicht mehr an das Trugbild des ewig jungen und starken schönen Menschen. Die Zerbrechlichkeit muss wieder von den Rändern ins Zentrum der Gesellschaft rücken, wie es etwa die Organisation Simon de Cyrène an vielen Orten tut, für die ich auch arbeite. In Paris, mitten in der Stadt, hat das neue Zentrum für Schädelverletzungen einfach seine Türen geöffnet, und diese Kranken können einen wirklich tief erschrecken. Erst kam kaum einer, inzwischen herrscht reger Besuch, die Leute kommen auf einen Kaffee, eine Mahlzeit. Die Angst vor der eigenen Zerbrechlichkeit ist groß, aber das muss nicht so bleiben, wenn wir das Risiko eingehen, uns füreinander zu öffnen. Nicht aus Mitleid. Aus Respekt und Interesse.