Ohne Antje wäre vielleicht schon Schluss, die zoologische Schausammlung der Universität Hamburg abgebaut, die weitaus wichtigere wissenschaftliche Sammlung mit Objekten von Weltrang aufgelöst. Walross Antje, einst schnaubendes Wappentier des NDR, hat selbst in ausgestopftem Zustand Prominente mobilisiert, sich für den Erhalt der Schau einzusetzen.

Sogar ausgestopft noch prominent: Das männliche Walross Antje, Ex-Maskottchen des NDR ©  Jakob Hallermann/Zoologisches Museum

Noch ist Antje zu besichtigen, wacht über die verborgenen Schätze in den Kellern unter ihr. Noch. Denn manchem Universitätsmanager galt die zoologische Sammlung bereits als überflüssig, sie sollte digitalisiert, der Bestand in Container verpackt, verkauft oder verschenkt werden. Es gab den Vorschlag, nur einige Präparate für die Lehre zu erhalten und den Rest zu entsorgen. Dann wieder sollte die Sammlung aus dem Stadtzentrum zum Botanischen Garten in Klein Flottbek umziehen. Doch dort fehlt der Platz. Und genau daran mangelt es auch in den Architektenentwürfen für den neuen Campus am alten Ort. Die Bestände der Sammlung wurden bei der Planung gleich zweimal schlicht vergessen.

Zudem strich die Universität stetig Personalstellen, unter dem Spardiktat von Senaten jedweder politischen Couleur. Längst sind Pflege und Präsentation der Schätze ein Drahtseilakt für die Sammlungsleiter.

Die naturhistorische Forschung liefert wichtige Einsichten für die Zukunft

Doch nun kommt Bewegung in die zähe Diskussion um die Zukunft der Sammlung. Die Universität bemühe sich derzeit intensiv, »private Spender für den Bau und Betrieb eines Naturkundemuseums für die Stadt« zu begeistern, sagt Christiane Kuhrt, Pressereferentin von Uni-Präsident Dieter Lenzen. Es sei schon lange der Wunsch, »alle Sammlungen unter einem Dach zu vereinen und ein großes Naturkundemuseum zu realisieren«.

So könnte eine Tradition wieder aufleben: Das erste Hamburger Naturhistorische Museum stand am Hauptbahnhof, Fliegerbomben zerstörten es 1943. Ein Großteil der Exponate war rechtzeitig in nahe U-Bahn-Schächte gerettet worden. Das Uni-Präsidium spinnt jetzt den Faden weiter, den engagierte Naturfreunde wie Loki Schmidt aufgenommen hatten. Vehement stritt sie für ein naturhistorisches Museum, in dem die Sammlungen eine große Erlebniswelt der Biodiversität bieten könnten.

Hamburg könnte Strahlkraft auf einem immer wichtiger werdenden Feld entfalten, ähnlich wie das Darwin Centre in London oder das Berliner Naturkundemuseum. Die Grundlagen dafür, exzellente Sammlungen für die Forschung und außergewöhnliche Exponate für Ausstellungen, sie sind vorhanden. Das Ziel lautet, sie sicherer zu lagern, besser zu pflegen, für Einheimische und Touristen, Schüler und Forscher zugänglich zu machen. Eine stärkere Beachtung der Naturgeschichte wird international gefordert. So hieß es kürzlich im Wissenschaftsmagazin Nature, mit dem Klimawandel, den Konflikten um Nahrung und Wasser werde naturhistorische Forschung ein wichtiger Wegweiser für nachhaltige Entwicklung.

»Sammeln, Bewahren und Bestimmen, um die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten zu dokumentieren, ist kein Selbstzweck«, sagt der Zoologe Harald Schliemann, Leiter des Naturwissenschaftlichen Vereins in Hamburg. Naturhistorische Museen mit ihren Fischen in Glaszylindern, mit Schubladen voller Schmetterlinge oder Mineralien, mit ihren Knochen und Meteoriten, Herbarien oder Algensammlungen, sie sind nicht nur Archive der Artenvielfalt. Sie dokumentieren evolutionäre Entwicklungswege, Umweltsünden und den Klimawandel, sie liefern die Datenbasis für die Erforschung der Biodiversität oder die Erstellung Roter Listen. Sie können helfen, neue Arzneimittel zu entdecken und der Natur ihre Tricks abzugucken, beispielsweise für selbstreinigende Oberflächen. Hier lässt sich auch die Anpassung von Tieren und Pflanzen an Umweltveränderungen früherer Zeiten studieren.

Schliemanns Verein hatte 1843 das erste Naturhistorische Museum in Hamburg aufgebaut. Es waren Bürger der Hansestadt, die diese Institution mit wissenschaftlichem Material belieferten. Sie legten den Grundstein für den heutigen Weltruhm der Sammlungen. Dadurch unterscheidet sich diese Kollektion von denen vieler anderer naturhistorischer Museen, die in der Regel von Aristokraten begründet wurden.

Wer die Hamburger Sammlung betritt, wandelt auf den Spuren von Kaufleuten, Reedern oder Schiffskapitänen. Hier finden sich Stücke, die Kapitäne der Reedereien Woermann, Laeisz, Hamburg Süd oder Hapag aus aller Welt mitbrachten. Oder sie stammen von Expeditionen von Familienmitgliedern der Hagenbecks, Amsincks und Rödings. Auf diese Weise entstand die viertgrößte zoologische Sammlung in Deutschland. Der Wissenschaftsrat bezeichnete sie in einem Gutachten 2009 als einen Schatz von internationaler Bedeutung. Er bat die Stadt Hamburg, ihm bis zum Juli dieses Jahres zu schreiben, wie sie mit diesem Schatz umgehen will. Auf die Antwort wartet der Rat immer noch.

Sammeln, forschen, ausstellen – das macht ein lebendiges Museum aus

Zehn Millionen Exponate lagern in den zoologischen Sammlungen, einige mehr als 350 Jahre alt. Skorpione aus der mexikanischen Wüste, Antilopenskelette aus Südafrika, Frösche aus Costa Rica, Asseln aus dem Südpolarmeer, Schmetterlinge von Mallorca, Nattern von Borneo, eine riesige Vielfalt ist verborgen in den Kellern. Die Sammlungen von Fischen und Krebsen genießen Weltruhm, die Vogelsammlung enthält zahlreiche ausgestorbene Arten, in der Insektensammlung schlummern wertvolle Exponate aus aller Welt.

Die eigentlichen hanseatischen »Kronjuwelen« bekommen Besucher meist nicht zu Gesicht: rund 28.000 Tiere, die in Gläsern mit roten Markierungen lagern. Sie sind quasi die Urmeter für ihre Art und stehen deshalb gut gesichert in Stahlschränken. An ihnen haben Naturforscher erstmals die Art beschrieben. Diese Typus-Präparate sind Unikate. Sie lassen sich nicht, wie etwa die Manuskripte von Goethe oder Originalpartituren von Bach, kopieren oder digitalisieren. Selbst die beste Abbildung kann nicht die Informationsdichte des Objekts ersetzen.

Nicht nur Evolutionsbiologen oder Biochemiker, auch Klimaforscher profitieren von den Archiven des Lebens. Die Präparate, mit Fundort und Datum beschriftet, enthalten Informationen über das Klima ihrer Heimat zur damaligen Zeit. So konnten Zoologen aus den Zähnen von Huftieren aus dem südlichen Afrika Rückschlüsse ziehen auf den Niederschlag in ihrem damaligen Lebensraum. Mit moderner Analytik lässt sich sogar rekonstruieren, was die Tiere damals gefressen haben.

»Die aufgenommene Nahrung wirkt wie ein Fingerabdruck, der in Form von Kohlenstoff- und Stickstoff-Isotopen im Skelett oder in anderen festen Strukturen der Tiere fixiert ist«, sagt der Hamburger Zoologe Alexander Haas. So fänden sich in Hornschichten Informationen über die Zusammensetzung der Nahrung und damit auch über den Lebensraum, das Klima und dessen jahreszeitliche Schwankung. »Anhand der Sammlungen eines Museums lässt sich in die Vergangenheit eines Lebensraums zurückblicken.« Mehr noch: Die Daten erlauben es Klimaforschern, die Qualität ihrer regionalen Computermodelle zu prüfen. Liefern diese ein zutreffendes Bild der rekonstruierten Vergangenheit, dann stärkt das die Hoffnung, dass auch die Zukunftsprognosen für diese Region stimmen.

»Ein naturhistorisches Museum, das zum Staunen und Mitmachen einlädt, kann schon in jungen Jahren ein nachhaltiges Naturverständnis wecken«, erhofft sich Harald Schliemann. Wie das geht, zeigen die Häuser in Berlin oder London. »Nur die Kombination von spannenden Exponaten, ständig wechselnden wissenschaftlichen Ausstellungen und der Möglichkeit, Wissenschaftlern bei der Arbeit zuzusehen, macht ein Naturkundemuseum lebendig«, sagt Heinrich Graener. Der Physiker ist Dekan der Fakultät, in der die Sammlungen gegenwärtig angesiedelt sind. Er träumt von einem »forschenden Naturkundemuseum, das Menschen für Naturwissenschaften als Teil unserer Kultur begeistert«.

Die neuen Hoffnungen der Universitätsspitze, eine große alte Tradition wiederbeleben können, ruhen auf dem einstigen Fundament, dem Mäzenatentum Hamburger Kaufleute und Familien. »Wir beobachten das Thema mit großem Interesse und begleiten es mit Wohlwollen«, sagt Johannes Merck, Vorstand der Michael Otto Stiftung.

Das Wappentier für das Naturhistorische Museum lagert bereits im Fundus: der Schädel eines Narwals mit zwei Stoßzähnen, 1684 erlegt vom Kapitän und Walfänger Dirk Petersen. Auch das wäre ein Exponat von Weltrang.