Zehn Millionen Exponate lagern in den zoologischen Sammlungen, einige mehr als 350 Jahre alt. Skorpione aus der mexikanischen Wüste, Antilopenskelette aus Südafrika, Frösche aus Costa Rica, Asseln aus dem Südpolarmeer, Schmetterlinge von Mallorca, Nattern von Borneo, eine riesige Vielfalt ist verborgen in den Kellern. Die Sammlungen von Fischen und Krebsen genießen Weltruhm, die Vogelsammlung enthält zahlreiche ausgestorbene Arten, in der Insektensammlung schlummern wertvolle Exponate aus aller Welt.

Die eigentlichen hanseatischen »Kronjuwelen« bekommen Besucher meist nicht zu Gesicht: rund 28.000 Tiere, die in Gläsern mit roten Markierungen lagern. Sie sind quasi die Urmeter für ihre Art und stehen deshalb gut gesichert in Stahlschränken. An ihnen haben Naturforscher erstmals die Art beschrieben. Diese Typus-Präparate sind Unikate. Sie lassen sich nicht, wie etwa die Manuskripte von Goethe oder Originalpartituren von Bach, kopieren oder digitalisieren. Selbst die beste Abbildung kann nicht die Informationsdichte des Objekts ersetzen.

Nicht nur Evolutionsbiologen oder Biochemiker, auch Klimaforscher profitieren von den Archiven des Lebens. Die Präparate, mit Fundort und Datum beschriftet, enthalten Informationen über das Klima ihrer Heimat zur damaligen Zeit. So konnten Zoologen aus den Zähnen von Huftieren aus dem südlichen Afrika Rückschlüsse ziehen auf den Niederschlag in ihrem damaligen Lebensraum. Mit moderner Analytik lässt sich sogar rekonstruieren, was die Tiere damals gefressen haben.

»Die aufgenommene Nahrung wirkt wie ein Fingerabdruck, der in Form von Kohlenstoff- und Stickstoff-Isotopen im Skelett oder in anderen festen Strukturen der Tiere fixiert ist«, sagt der Hamburger Zoologe Alexander Haas. So fänden sich in Hornschichten Informationen über die Zusammensetzung der Nahrung und damit auch über den Lebensraum, das Klima und dessen jahreszeitliche Schwankung. »Anhand der Sammlungen eines Museums lässt sich in die Vergangenheit eines Lebensraums zurückblicken.« Mehr noch: Die Daten erlauben es Klimaforschern, die Qualität ihrer regionalen Computermodelle zu prüfen. Liefern diese ein zutreffendes Bild der rekonstruierten Vergangenheit, dann stärkt das die Hoffnung, dass auch die Zukunftsprognosen für diese Region stimmen.

»Ein naturhistorisches Museum, das zum Staunen und Mitmachen einlädt, kann schon in jungen Jahren ein nachhaltiges Naturverständnis wecken«, erhofft sich Harald Schliemann. Wie das geht, zeigen die Häuser in Berlin oder London. »Nur die Kombination von spannenden Exponaten, ständig wechselnden wissenschaftlichen Ausstellungen und der Möglichkeit, Wissenschaftlern bei der Arbeit zuzusehen, macht ein Naturkundemuseum lebendig«, sagt Heinrich Graener. Der Physiker ist Dekan der Fakultät, in der die Sammlungen gegenwärtig angesiedelt sind. Er träumt von einem »forschenden Naturkundemuseum, das Menschen für Naturwissenschaften als Teil unserer Kultur begeistert«.

Die neuen Hoffnungen der Universitätsspitze, eine große alte Tradition wiederbeleben können, ruhen auf dem einstigen Fundament, dem Mäzenatentum Hamburger Kaufleute und Familien. »Wir beobachten das Thema mit großem Interesse und begleiten es mit Wohlwollen«, sagt Johannes Merck, Vorstand der Michael Otto Stiftung.

Das Wappentier für das Naturhistorische Museum lagert bereits im Fundus: der Schädel eines Narwals mit zwei Stoßzähnen, 1684 erlegt vom Kapitän und Walfänger Dirk Petersen. Auch das wäre ein Exponat von Weltrang.