Zoologisches MuseumEin Museum für die Zukunft

Die bedeutenden naturhistorischen Sammlungen der Universität Hamburg sind in Gefahr. Endlich naht Hilfe. von Angela Grosse

Ohne Antje wäre vielleicht schon Schluss, die zoologische Schausammlung der Universität Hamburg abgebaut, die weitaus wichtigere wissenschaftliche Sammlung mit Objekten von Weltrang aufgelöst. Walross Antje, einst schnaubendes Wappentier des NDR, hat selbst in ausgestopftem Zustand Prominente mobilisiert, sich für den Erhalt der Schau einzusetzen.

Sogar ausgestopft noch prominent: Das männliche Walross Antje, Ex-Maskottchen des NDR

Sogar ausgestopft noch prominent: Das männliche Walross Antje, Ex-Maskottchen des NDR  |  © Jakob Hallermann/Zoologisches Museum

Noch ist Antje zu besichtigen, wacht über die verborgenen Schätze in den Kellern unter ihr. Noch. Denn manchem Universitätsmanager galt die zoologische Sammlung bereits als überflüssig, sie sollte digitalisiert, der Bestand in Container verpackt, verkauft oder verschenkt werden. Es gab den Vorschlag, nur einige Präparate für die Lehre zu erhalten und den Rest zu entsorgen. Dann wieder sollte die Sammlung aus dem Stadtzentrum zum Botanischen Garten in Klein Flottbek umziehen. Doch dort fehlt der Platz. Und genau daran mangelt es auch in den Architektenentwürfen für den neuen Campus am alten Ort. Die Bestände der Sammlung wurden bei der Planung gleich zweimal schlicht vergessen.

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Zudem strich die Universität stetig Personalstellen, unter dem Spardiktat von Senaten jedweder politischen Couleur. Längst sind Pflege und Präsentation der Schätze ein Drahtseilakt für die Sammlungsleiter.

Die naturhistorische Forschung liefert wichtige Einsichten für die Zukunft

Doch nun kommt Bewegung in die zähe Diskussion um die Zukunft der Sammlung. Die Universität bemühe sich derzeit intensiv, »private Spender für den Bau und Betrieb eines Naturkundemuseums für die Stadt« zu begeistern, sagt Christiane Kuhrt, Pressereferentin von Uni-Präsident Dieter Lenzen. Es sei schon lange der Wunsch, »alle Sammlungen unter einem Dach zu vereinen und ein großes Naturkundemuseum zu realisieren«.

So könnte eine Tradition wieder aufleben: Das erste Hamburger Naturhistorische Museum stand am Hauptbahnhof, Fliegerbomben zerstörten es 1943. Ein Großteil der Exponate war rechtzeitig in nahe U-Bahn-Schächte gerettet worden. Das Uni-Präsidium spinnt jetzt den Faden weiter, den engagierte Naturfreunde wie Loki Schmidt aufgenommen hatten. Vehement stritt sie für ein naturhistorisches Museum, in dem die Sammlungen eine große Erlebniswelt der Biodiversität bieten könnten.

Hamburg könnte Strahlkraft auf einem immer wichtiger werdenden Feld entfalten, ähnlich wie das Darwin Centre in London oder das Berliner Naturkundemuseum. Die Grundlagen dafür, exzellente Sammlungen für die Forschung und außergewöhnliche Exponate für Ausstellungen, sie sind vorhanden. Das Ziel lautet, sie sicherer zu lagern, besser zu pflegen, für Einheimische und Touristen, Schüler und Forscher zugänglich zu machen. Eine stärkere Beachtung der Naturgeschichte wird international gefordert. So hieß es kürzlich im Wissenschaftsmagazin Nature, mit dem Klimawandel, den Konflikten um Nahrung und Wasser werde naturhistorische Forschung ein wichtiger Wegweiser für nachhaltige Entwicklung.

»Sammeln, Bewahren und Bestimmen, um die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten zu dokumentieren, ist kein Selbstzweck«, sagt der Zoologe Harald Schliemann, Leiter des Naturwissenschaftlichen Vereins in Hamburg. Naturhistorische Museen mit ihren Fischen in Glaszylindern, mit Schubladen voller Schmetterlinge oder Mineralien, mit ihren Knochen und Meteoriten, Herbarien oder Algensammlungen, sie sind nicht nur Archive der Artenvielfalt. Sie dokumentieren evolutionäre Entwicklungswege, Umweltsünden und den Klimawandel, sie liefern die Datenbasis für die Erforschung der Biodiversität oder die Erstellung Roter Listen. Sie können helfen, neue Arzneimittel zu entdecken und der Natur ihre Tricks abzugucken, beispielsweise für selbstreinigende Oberflächen. Hier lässt sich auch die Anpassung von Tieren und Pflanzen an Umweltveränderungen früherer Zeiten studieren.

Schliemanns Verein hatte 1843 das erste Naturhistorische Museum in Hamburg aufgebaut. Es waren Bürger der Hansestadt, die diese Institution mit wissenschaftlichem Material belieferten. Sie legten den Grundstein für den heutigen Weltruhm der Sammlungen. Dadurch unterscheidet sich diese Kollektion von denen vieler anderer naturhistorischer Museen, die in der Regel von Aristokraten begründet wurden.

Wer die Hamburger Sammlung betritt, wandelt auf den Spuren von Kaufleuten, Reedern oder Schiffskapitänen. Hier finden sich Stücke, die Kapitäne der Reedereien Woermann, Laeisz, Hamburg Süd oder Hapag aus aller Welt mitbrachten. Oder sie stammen von Expeditionen von Familienmitgliedern der Hagenbecks, Amsincks und Rödings. Auf diese Weise entstand die viertgrößte zoologische Sammlung in Deutschland. Der Wissenschaftsrat bezeichnete sie in einem Gutachten 2009 als einen Schatz von internationaler Bedeutung. Er bat die Stadt Hamburg, ihm bis zum Juli dieses Jahres zu schreiben, wie sie mit diesem Schatz umgehen will. Auf die Antwort wartet der Rat immer noch.

Leserkommentare
  1. Eigentlich fehlt es ja nur an einem Lagerhaus....
    Und ja, man kann zwar nicht alles für immer enthalten, dennoch: Zuviel "Entsorgung" von Relikten der Vergangenheit kann in der Zukunft Probleme auslösen.
    Es gibt heute schon genügend Menschen, die Evolution verleugnen, da muss man den folgenden Generationen nicht noch die Gegenbeweise nehmen.

    Antwort auf "Hallo Thomas Ernst"
  2. Eines der Probleme, das die Museen haben, ist, dass die Biologie mit dem Siegeszug der Molekularbiologie von einem Extrem ins andere gekippt ist. Früher gab es für jede bizarre Organismengruppe ein paar Experten in Deutschland. Leider war die Sammelwut aber auch relativ unkoordiniert, und die Experten lebten oft in ihrer eigenen Welt. Mittlerweile sind die "taxonomischen Eigenbrötler" fast ausgerottet, und an jeder Ecke steht ein neues Kompetenzzentrum für irgendeine Form der Molekularbiologie. - Was oberflächlich moderner wirkt, ist aber oft auch Monokultur: die gängigen biochemisch - genetischen Techniken beherrscht mittlerweile jeder Biologie; vieles wäre sogar automatisierbar, wenn nicht die Doktoranden billiger wären. Die Natur-und Artenkenntnis, die jahrzehntelange Erfahrung braucht, gibt es unter Jüngeren fast gar nicht mehr - wer kann sich das auf einem Zeitvertrag noch leisten! Diese Perspektive braucht es aber, denke ich, immer noch. Man stelle sich einmal vor, jemand Außenstehendes sollte allein aus den Konstruktionszeichnungen ableiten, wie ein Computerprozessor funktioniert... Es wäre leichter, wenn man sich von zwei Seiten entgegen kommen könnte.
    Ja, die modernen Methoden der Biologie bieten fantastische Möglichkeiten! Aber ein Baum wächst auch nicht ohne Wurzeln, und deswegen wäre es sinnvoll, die Basis in Form von taxonomischen Experten zu erhalten und weiterzuentwickeln, und vor allem, mit ihr auch einmal zu reden.

    4 Leserempfehlungen
  3. Das erscheint mir leider typisch für unsere Zeit und einen gewissen Typ Uni-Manager. Am besten alles mögliche digitalisieren. Wenn es nach denen ginge, hätte jeder Student das Objekt seiner Studien nur digital gesehen, bevor er auf die Welt losgelassen wird.
    Dabei wird absolut übersehen, dass erstens das Original natürlich einen Wert an sich hat, auch weitere Exemplare einer Art möglicherweise für genetische und/oder isotopenchemische Studien benötigt werden. Blöd, wenn man vorher nur digitalisiert und anschließend entsorgt hat.

  4. Ich musste auch sofort an die Elbphilharmonie denken. Traurig wie die Politik in Hamburg ihre kulturellen Investitionen priorisiert.

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