WeiterbildungDazulernen, bitte!

Weiterbildung findet kaum statt, dabei wäre vieles möglich. von Friederike Lübke

Ein Paradies für Weiterbildung liegt in Cottbus. Dreimal im Monat unterrichten sich die Angestellten von Annett und Christian Seifert gegenseitig. Zweimal im Jahr kommt ein Referent von außerhalb und schult die Belegschaft. Fünf Tage pro Jahr verbringt jeder Mitarbeiter bei externen Fortbildungen. Im Dezember schreibt jeder Angestellte einen Wunschzettel mit dem, was er im kommenden Jahr lernen möchte, und das Ehepaar Seifert versucht, es einzurichten. Annett und Christian Seifert führen eine ambulante Rehaklinik, in diesem Jahr kamen sie bei einem Wettbewerb um den besten Arbeitgeber im Gesundheitswesen auf den dritten Platz.

Es sind paradiesische Zustände, weil die wenigsten Angestellten in Deutschland so strukturiert weitergebildet werden. Und das, obwohl lebenslanges Lernen ein Ziel des Bologna-Prozesses ist und ein Schlagwort der Bildungspolitik, mit dem zwei andere Begriffe gekontert werden sollen: Fachkräftemangel und demografischer Wandel.

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»Glaubt man den vielen Sonntagsreden, müsste es um die Weiterbildung gut bestellt sein. Die Realität wird diesem Bild aber nicht gerecht«, sagt Reinhold Weiß, Forschungsdirektor am Bundesinstitut für Berufsbildung. »Im internationalen Vergleich liegt Deutschland bei der Weiterbildung gerade einmal im Mittelfeld.« Die letzte europäische Erhebung über berufliche Weiterbildung ist allerdings schon sechs Jahre alt, neue Daten werden gerade erst ausgewertet. Aber auch aktuellere Zahlen aus Deutschland sind wenig ermutigend. Laut des jüngsten Berichts über Bildung in Deutschland boten 2010 nicht einmal die Hälfte der Betriebe Kurse zur Weiterbildung an.

Und es fällt noch etwas auf: Betriebliche Weiterbildung – also solche, die vom Arbeitgeber organisiert wird und hauptsächlich während der Arbeitszeit stattfindet – gibt es verstärkt in großen Unternehmen und wird hauptsächlich von denen genutzt, die mitten im Berufsleben stehen und einen höheren Bildungsabschluss haben. Zusammengefasst: Am meisten profitieren Akademiker zwischen 30 und 40 Jahren in Konzernen. Noch kürzer: Die Guten werden immer besser.

Die Guten werden immer besser

Ursachen sind leicht zu finden. »Aus Sicht der Betriebe ist es logisch, diejenigen zu fördern, die am meisten Leistung bringen«, sagt Weiß. Und je größer ein Unternehmen, desto eher kann es sich Fortbildungen leisten. Konzerne wie Bosch werben auf ihrer Homepage mit Französisch- und Japanisch-Kursen. Weiterbildung dient längst auch dem Unternehmensmarketing. Sie hat aber für Arbeitgeber noch mehr Vorteile. Klinikleiter Christian Seifert sagt: »Durch Weiterbildung wollen wir erreichen, dass die Fachkräfte zufrieden sind und langfristig bei uns bleiben.« Das ist ihm 40.000 bis 60.000 Euro im Jahr wert. Die Hälfte kann er sich von Brandenburgs Landesagentur für Struktur und Arbeit erstatten lassen.

Die eigene berufliche Weiterbildung können Berufstätige natürlich auch unabhängig vom Arbeitgeber verfolgen. Doch auch hier sind die Zahlen klein und scheinen – je nach Quelle – zu stagnieren oder zurückzugehen. Dem Statistischen Bundesamt zufolge hatten 2011 nur 5,8 Prozent der befragten Erwerbstätigen zwischen 15 und 64 Jahren in den vier Wochen zuvor an einer beruflichen Weiterbildung teilgenommen. Der Wert ist damit noch niedriger als drei Jahre zuvor (6,1 Prozent). Im gesamten Jahr 2010 nahmen nur 13 Prozent der Erwerbstätigen an individueller berufsbezogener Weiterbildung teil.

Woran liegt das? »Manche Menschen bekommen Angst, wenn ihnen der Chef eine Weiterbildung vorschlägt«, sagt Reinhold Weiß. »Sie hören heraus: Ich bin nicht gut genug. Ich kann zu wenig.« Martin Baethge, Präsident des Soziologischen Forschungsinstituts der Uni Göttingen, sagt: »Die Hauptgründe, warum sich viele nicht weiterbilden, sind Zweifel am Sinn der Weiterbildung, schlechte Informationen und außerberufliche Belastung.« Vorgeschrieben sind Fortbildungen nur für wenige Berufsgruppen, wie für Lehrer, Ärzte oder Apotheker, für die es sogar eine gesetzlich verankerte Weiterbildungspflicht gibt.

Leserkommentare
  1. Einst bot ich EDV-Schulungen an. Da ab und zu ein bis zwei Plätze frei waren bot ich der Arbeitsagentur an, Arbeitslose mit Interesse an EDV-Weiterbildung darauf hinzuweisen, dass diese den Kurs kostenlos auffüllen können.

    Die Arbeitsagentur verweigerte die Benachrichtigung potentieller Interessenten mit dem Hinweis, dass der Kurs nicht zertifiziert wäre.

    Wenn es nichts kostet ist es offensichtlich nichts Wert in Deutschland.

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    die aa darf nur zertifizierte kurse fördern oder auch nur vorschlagen.

  2. "Dazu gehören auch Bildungsschecks, wie sie unter anderem ... Rheinland-Pfalz ... anbieten. Durch diese Schecks werden Seminargebühren ganz oder teilweise übernommen."
    Diese Aussage stimmt so absolut nicht. Die Förderung ist begrenzt auf 500 Euro maximal, höchstens 50 % der Kosten ...
    http://esf.rlp.de/qualisc...

    Aus meiner eigenen Erfahrung ist es in unserem Betrieb sehr ungewöhnlich, dass Mann oder Frau externe Weiterbildungsangebote wahrnimmt. Das liegt meiner Meinung nach auch an der Art wie man damit umgeht ... im konkreten Fall keine Info, keine Angebote von Seiten des Hauses.

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  3. Seit vielen jahren das selbe spiel:
    am anfang des jahres bei der ziel-festlegung sagt der chef: deine ideen zur weiterbildung sind super, dass machen wir.
    Wenn es dann später konkret wird, sagt er:
    Das aktuelle projekt ist wichtiger, aber danach dann!
    Der aktuelle kunde ist wichtig, aber danach dann!
    Der umsatz ist gerade schlecht!
    Das geht nicht, weil du ab nächste woche in dem projekt x bist!
    Brauchst du das wirklich?
    Kauf dir doch ein buch, das zahlen wir natürlich!
    Das budget ist leider alle!
    Am ende des jahres sagt er dann:
    Ja, warum hast du denn dieses jahr wieder keine weiterbildung gemacht?
    Ich bin übrigens angestellter IT-berater in einer IT-beratungsfirma, die gute gewinne macht und dabei noch wächst…

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  4. ... nämlich im nach wie vor vorhandenen und – auch! – durch den Bologna-Effekt beseitigt geglaubten Standesdünkel der Hochschulen. Stichwort Eliteuni. Mein beruflicher Werdegang paßt nicht wirklich zu den bis ins letzte Detail optimierten Lebensläufen der neuen “Überflieger”-Generation, aber versuchen Sie mal – trotz aller “lifelong learning” und “Master für alle!” (Annette Schavan)-Fanfaren, als erfahrener Arbeitnehmer einen akademischen Studienplatz zu erlangen. Es gibt in Deutschland eine auniversitäre Welt und eine berufstätige Welt, und die eine möchte mit der anderen nichts zu tun haben. Die Debatte ist in meinen Augen an Verlogenheit kaum noch zu überbieten – einerseits wird über Fachkräftemangel geklagt, andererseits wird das Potential, welches sich bereits langjährig am Arbeitsmarkt befindet, einfach übersehen und von vorneherein ausgeklammert.

    Nachdem mir hierzulande mit meinen knapp 44 Jahren und langjähriger, zwar relativ eintöniger aber stringenter Berufsbiografie lang und ausführlich meine Chancenlosigkeit vorgerechnet wurde, studiere ich momentan neben dem Beruf auf einer angesehenen Hochschule im Ausland fern und erreiche mit Ablauf dieses Jahres nach zwei kompakten, arbeitsintensiven Jahren meinen M.A.. Weitere Kürzel nicht vollkommen ausgeschlossen! Sollte mir im Anschluß hieran die Möglichkeit gegeben sein, mein Wissen weiter zu intensivieren und ggf. sogar mehr davon zu produzieren, werde ich das mit Sicherheit nicht hierzulande tun.

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    • matip78
    • 10. Januar 2013 15:56 Uhr

    Da muss ich Ihnen Recht geben. In nur wenigen Bundesländern wird Studieninteressierten, die über Berufserfahrung verfügen, die Möglichkeit gegeben, ein weiterbildendes Hochschulstudium aufzunehmen.

    Jedoch kommt langsam Bewegung in die Hochschulen. In Rheinland-Pfalz bspw. sind die Hochschule seit 2010 verpflichtet, alle Studiengänge für Studieninteressierte mit Berufserfahrung zu öffnen, auch die weiterbildenden Präsenz- und Fernstudiengänge.

    Natürlich sind diese Veränderungen nicht von den Hochschulen initiert worden, jedoch kann die Politik den Rahmen für solche Veränderungen legen.

    Und das ist das andere Problem. Viele Landesregierungen, allem voran in Bayern, lehnen diese Öffnung der Hochschulen aus ideologischen Gründen ab.

  5. "...dass es nur für berufsbegleitende Studiengänge und Fremdsprachenkurse einheitliche Abschlüsse gibt. Ansonsten wird meist nur ein Teilnahmeschein ausgestellt, der wenig aussagt. Der Nutzen von Weiterbildung ist dann kaum messbar. »Nonformale Weiterbildung sorgt selten dafür, dass man ein höheres Gehalt bekommt«, sagt Arbeitsmarktexperte Martin Baethge."

    Es geht in Weiterbildung nicht um messbarkeit, ein höheres Gehalt oder ein Zertifikat an der Wand, sondern darum, sich weiterzubilden, zu lernen, seinem Anspruch, sich selbst zu verbessern gerecht zu werden.

    Berufe, in denen es mehr oder weniger Berufsalltag ist, sich selbst "weiterzubilden", tauchen in Statistiken zu Weiterbildungen nicht auf.

    "Weiterbildung" hat einen schlechten Ruf. Oftmals wird für viel zu viel Geld verallgemeinerter Inhalt vorgeblubbert, über den beim Vorblubbern schon gelächelt wird. Vortragsweiterbildungen, in denen ein Referent seine schlechten Folien vorliest und hinterher vlt. noch suggestiv geführte Gespräche als Diskussion folgen. Das ist was für Leute, die keine Lust auf ihre Arbeit haben und dann halt da hin gehen, weil es was anderes ist und der Chef zahlt.

    Es braucht meiner Meinung nach eigentlich weniger übliche Weiterbildungsangebote, als Angebote, die das Lernen lehren und Neugierde wecken, die mit der Erziehung und in der Schule verkümmert ist.

    "Schule richtet sich nur auf eins, das ist soziales Wohlverhalten." Peter Kruse

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  6. Ganz schlimm sind die Zustände beim Handwerk. Dort wird Weiterbildung vielfach noch immer als überflüssiger Luxus betrachtet.
    Dazu kommt der weiter oben von ja-hja-denk-mal beschriebene Zusammenhang entweder keine Zeit oder kein Geld dafür zu haben.
    Die brach liegenden Potenziale sind enorm. Dass Unternehmen über Fachkräftemangel klagen und die eigene Verantwortung nicht wahrnehmen ist vor diesem Hintergrund ein Witz.

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    Ich hatte vor kurzem ein Bewerbungsgespräch bei einer Handwerks-Firma(Elektroinstallation), wo ich die Personalchefs gefragt hatte, welche Möglichkeiten sie mir bieten könnten, damit ich mich fortbilden kann. Die Gesichter waren interessant. "Wenn es entsprechende Aufträge gebe und sie länger bei uns sind würden wir sie eventuell fortbilden!" Ich sagte den Personalchefs das ich mich auch auf eigene Kosten fortbilden würde, man müsste mich nur freistellen für den Zeitraum. Arbeitsausfall, Hilfe!(Das hatten die Personalchefs in ihren Köpfen gedacht) In Handwerksfirmen gibt es keine Fortbildung! Wer sich selber fortbilden will wie ich, der hat sofort verloren. Auch wenn man es selber zahlt. Sie wollen halt nur den totalen Arbeiter. Man kann uns auch Sklaven nennen.

    • Ortrun
    • 10. Januar 2013 11:14 Uhr

    "Angebote gibt es genügend."

    Soso. Kann mir da mal jemand mit ein paar Webadressen weiterhelfen? Hatte mich letztens mal auf bildungsurlaub.de schlau machen wollen, in Richtung "Persönlichkeitsbildung" aber nur so Sachen wie "meditatives Tanzen" etc. gefunden. Sprachkurse brauche ich auch nicht. Aber wo findet man andere Angebote?

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    Bitte verzichten Sie auf Werbung. Danke, die Redaktion/se

    • Derdriu
    • 10. Januar 2013 11:44 Uhr

    Neben den genannten Problemen ist noch eines wichtig, das gar nicht aufgezählt wurde: Akademiker lernen gerne und es fällt ihnen leichter. Oft findet man bei handwerklichen Berufen Menschen, die Probleme in der Schule hatten, die einfach nur froh waren, als das Thema durch war.
    Schon klar, dass die später mit "lernen" auch eher negative Assoziationen haben.

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