Ein Paradies für Weiterbildung liegt in Cottbus. Dreimal im Monat unterrichten sich die Angestellten von Annett und Christian Seifert gegenseitig. Zweimal im Jahr kommt ein Referent von außerhalb und schult die Belegschaft. Fünf Tage pro Jahr verbringt jeder Mitarbeiter bei externen Fortbildungen. Im Dezember schreibt jeder Angestellte einen Wunschzettel mit dem, was er im kommenden Jahr lernen möchte, und das Ehepaar Seifert versucht, es einzurichten. Annett und Christian Seifert führen eine ambulante Rehaklinik, in diesem Jahr kamen sie bei einem Wettbewerb um den besten Arbeitgeber im Gesundheitswesen auf den dritten Platz.

Es sind paradiesische Zustände, weil die wenigsten Angestellten in Deutschland so strukturiert weitergebildet werden. Und das, obwohl lebenslanges Lernen ein Ziel des Bologna-Prozesses ist und ein Schlagwort der Bildungspolitik, mit dem zwei andere Begriffe gekontert werden sollen: Fachkräftemangel und demografischer Wandel.

»Glaubt man den vielen Sonntagsreden, müsste es um die Weiterbildung gut bestellt sein. Die Realität wird diesem Bild aber nicht gerecht«, sagt Reinhold Weiß, Forschungsdirektor am Bundesinstitut für Berufsbildung. »Im internationalen Vergleich liegt Deutschland bei der Weiterbildung gerade einmal im Mittelfeld.« Die letzte europäische Erhebung über berufliche Weiterbildung ist allerdings schon sechs Jahre alt, neue Daten werden gerade erst ausgewertet. Aber auch aktuellere Zahlen aus Deutschland sind wenig ermutigend. Laut des jüngsten Berichts über Bildung in Deutschland boten 2010 nicht einmal die Hälfte der Betriebe Kurse zur Weiterbildung an.

Und es fällt noch etwas auf: Betriebliche Weiterbildung – also solche, die vom Arbeitgeber organisiert wird und hauptsächlich während der Arbeitszeit stattfindet – gibt es verstärkt in großen Unternehmen und wird hauptsächlich von denen genutzt, die mitten im Berufsleben stehen und einen höheren Bildungsabschluss haben. Zusammengefasst: Am meisten profitieren Akademiker zwischen 30 und 40 Jahren in Konzernen. Noch kürzer: Die Guten werden immer besser.

Die Guten werden immer besser

Ursachen sind leicht zu finden. »Aus Sicht der Betriebe ist es logisch, diejenigen zu fördern, die am meisten Leistung bringen«, sagt Weiß. Und je größer ein Unternehmen, desto eher kann es sich Fortbildungen leisten. Konzerne wie Bosch werben auf ihrer Homepage mit Französisch- und Japanisch-Kursen. Weiterbildung dient längst auch dem Unternehmensmarketing. Sie hat aber für Arbeitgeber noch mehr Vorteile. Klinikleiter Christian Seifert sagt: »Durch Weiterbildung wollen wir erreichen, dass die Fachkräfte zufrieden sind und langfristig bei uns bleiben.« Das ist ihm 40.000 bis 60.000 Euro im Jahr wert. Die Hälfte kann er sich von Brandenburgs Landesagentur für Struktur und Arbeit erstatten lassen.

Die eigene berufliche Weiterbildung können Berufstätige natürlich auch unabhängig vom Arbeitgeber verfolgen. Doch auch hier sind die Zahlen klein und scheinen – je nach Quelle – zu stagnieren oder zurückzugehen. Dem Statistischen Bundesamt zufolge hatten 2011 nur 5,8 Prozent der befragten Erwerbstätigen zwischen 15 und 64 Jahren in den vier Wochen zuvor an einer beruflichen Weiterbildung teilgenommen. Der Wert ist damit noch niedriger als drei Jahre zuvor (6,1 Prozent). Im gesamten Jahr 2010 nahmen nur 13 Prozent der Erwerbstätigen an individueller berufsbezogener Weiterbildung teil.

Woran liegt das? »Manche Menschen bekommen Angst, wenn ihnen der Chef eine Weiterbildung vorschlägt«, sagt Reinhold Weiß. »Sie hören heraus: Ich bin nicht gut genug. Ich kann zu wenig.« Martin Baethge, Präsident des Soziologischen Forschungsinstituts der Uni Göttingen, sagt: »Die Hauptgründe, warum sich viele nicht weiterbilden, sind Zweifel am Sinn der Weiterbildung, schlechte Informationen und außerberufliche Belastung.« Vorgeschrieben sind Fortbildungen nur für wenige Berufsgruppen, wie für Lehrer, Ärzte oder Apotheker, für die es sogar eine gesetzlich verankerte Weiterbildungspflicht gibt.