Hotel in BerlinHerausgeputzt fürs Wochenende

Das Hotel Ellington verkauft Berlinern Urlaub in der eigenen Stadt. Derweil bringen Zimmermädchen die Wohnung auf Vordermann. von Susann Sitzler

Der Eingang des Hotels

Der Eingang des Hotels  |  © PR

Die Reise beginnt wie jede andere. Hektisch werfe ich die Zahnbürste in den Koffer, während unten schon der Taxifahrer klingelt. Als der Mann die Tür abschließt, versuche ich zu verdrängen, dass unsere Wohnung aussieht wie Sau. Die Putzfrau hat Ferien. Während der Taxifahrer die Taschen in den Kofferraum hievt, frage ich mich wie immer, ob auch wirklich alle Kerzen ausgepustet sind. Der Mann lacht. »Wenn die Hütte abbrennt, werden wir es vom Hotel aus sehen.«

Denn diesmal ist alles anders. Unser Ziel heißt nicht Bali, sondern Kurfürstendamm. Die Anreise von unserer Wohnung in Berlin-Charlottenburg dauert gerade mal achteinhalb Minuten. Nicht weit vom KaDeWe liegt das Hotel Ellington, das seit Kurzem ein Wochenendpaket für Einheimische anbietet. Das Motto: »Sie genießen, wir putzen«. Bis Sonntag sollen wir es uns im Ellington gemütlich machen, während sich die Putztruppe des Hotels unserer Wohnung annimmt. Mit anderen Worten: Wir machen Urlaub in der eigenen Stadt. An einem grauen Novemberfreitag rücken wir ein.

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Die Fassade des Hotels sieht spektakulär aus. Lange Fensterbänder in einer beigen Travertinfassade ziehen sich im Stil der Neuen Sachlichkeit den ganzen Straßenzug entlang. Das Gebäude wurde 1931 für die Reichsmonopolverwaltung für Branntwein gebaut und steht unter Denkmalschutz. Der weitläufige Empfangsraum des Hotels dagegen ist sehr modern in Weiß möbliert. 2007 wurde das Ellington eröffnet – in einer Lage, die schon seit der Wende kaum mehr zentral zu nennen war. Am nahen Bahnhof Zoo stiegen nicht mehr viele Reisende aus, seit 2006 der Hauptbahnhof eröffnet worden war. Da brauchte es wohl Ideen, um die 285 Zimmer des Hauses zu füllen.

»Könnte ich noch Ihre Schlüssel haben?«, fragt die Rezeptionistin freundlich, aber bestimmt. Jetzt wird es ernst. Schon morgen werden fremde Leute durch unsere Wohnung laufen und überall da herumwischen, wo unser Leben stattfindet. Der Gedanke macht mich nervös. Im Ellington würde es mir nichts ausmachen, wenn genau dieselbe Crew mein Zimmer putzte. Aber dort habe ich schließlich auch weniger Privatsphäre zu verteidigen. Das Paket »Sie genießen, wir putzen« hat sich die Direktorin des Hotels, Tina Brack, ausgedacht. Es verspricht einen Rollentausch: die eigene Stadt mit der Muße eines Touristen erleben und den üblichen Samstagsputz anderen überlassen.

Blitzblauer Himmel, blitzsaubere Wohnung.

Blitzblauer Himmel, blitzsaubere Wohnung.  |  © PR

Hätten wir einen Transatlantikflug hinter uns, würden wir uns jetzt erst mal aufs Bett fallen lassen und eine Weile zappen. Aber wir haben keinen Jetlag zu überwinden. Zum Glück: Um fernsehen zu können, müsste man den Kopf nämlich um 90 Grad drehen, geradeaus ist das Waschbecken zu sehen. Das Designhotel verfolgt ein Konzept des offenen Bades. Unser Paket gibt für den Abend aber ohnehin die große Leinwand vor: Wir werden in der Astor Film Lounge erwartet.

Das Kino am Kurfürstendamm ist ein renoviertes Lichtspielhaus aus den Fünfzigern. Mit professionellem Lächeln öffnet uns ein Page die Schwingtür. Wir haben Karten für einen »Logenplatz mit Fußhocker« und sinken genüsslich in die breiten Sessel. Unsere Sitznachbarin demonstriert, wie man die Lehnen beinahe in Schlafposition kippen kann. Wir bestellen Wein und eine Tapasplatte. Bevor auf der Leinwand der neue Bond beginnt, lässt eine Lichtmaschine minutenlang Farben von der muschelförmigen Decke über den Zuschauerraum regnen. So viel Spektakel muss wohl sein. Immerhin kostet die Karte regulär 18 Euro.

Als wir aus dem Kino kommen, ist es fast elf. Die Tapas haben uns hungrig gemacht. Nebenan steht eine Traube betrunkener Gymnasiasten vor dem Alt-Berliner Biersalon, ansonsten kennen wir hier nur schmierige Pizzabuden. Entschlossen winkt der Mann nach einem Taxi. »Wo gibt es denn hier was zu essen?«, fragt er den Fahrer. Mir scheint, er trägt dabei den norddeutschen Tonfall, den er abgelegt hat, als er vor mehr als 20 Jahren nach Berlin kam, ziemlich dick auf. »Wo wohnense denn?« Der Fahrer bringt uns zu einem großen türkischen Restaurant direkt um die Ecke des Ellington. Wir steigen aus dem Taxi, gucken uns um und könnten schwören, diesen Ort noch nie gesehen zu haben. »Wir sind auf Reisen«, stellt der Mann erfreut fest.

Am nächsten Morgen schlafen wir aus. Normalerweise hätte ich um diese Zeit schon die ersten Punkte meines Erledigungszettels abgehakt. Wohlig rekele ich mich im Bett. Bis mir einfällt: »Heute putzen sie die Wohnung!« Ich stelle mir vor, wie der Nachbar an der Tür klingelt und die Putzkräfte überredet, ihn in die Wohnung zu lassen, die er schon immer mal begutachten wollte. Wie sie zusammen auf unserem Sofa sitzen und meine Tagebücher lesen. »Sollen wir doch mal ganz kurz hinfahren...?« Der Mann winkt ab.

Er hat es sich inzwischen vor der Fensterfront der Lounge bequem gemacht. Sein Blick fällt auf eine Art veredelten Berliner Hinterhof. Einst teilten sich hier mehrere Vergnügungsetablissements das Erdgeschoss, Behördenbüros die oberen Etagen. Der Mann zeigt auf eine Antenne, wo ein paar Vögel sitzen. »Ob die einen Plan haben?«, fragt er. »Oder improvisieren die einfach?« Er jedenfalls tut es. Und bestellt noch einen Kaffee.

Leserkommentare
    • H.v.T.
    • 17. Dezember 2012 12:40 Uhr

    Das wird bestimmt so mancher ausprobieren.

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  1. 'Können die das eigentlich? Putzkräfte im Hotel sind doch auf Schlafräume und Bäder spezialisiert.'

    Klingt da ein bißchen Arroganz durch?
    Wahrscheinlich putzt eine professionelle Fachkraft um einiges besser und effizienter als die durchschnittliche Zeit-Redakteurin.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Klingt da ein bisschen Humorlosigkeit durch?

    Wahrscheinlich benutzt eine professionelle Zeit-Redakteurin Mittel der humorvollen Übertreibung (Rauswurf aus der Wohnung zb) um einiges besser und effizienter, als manch durchschnittlicher Leser sie offenbar versteht...

    • lufkin
    • 17. Dezember 2012 13:45 Uhr

    ...gabs zu Hause denn jetzt Schoko auf den Kopfkissen oder nicht?

    4 Leserempfehlungen
    • Filosov
    • 17. Dezember 2012 14:02 Uhr

    Leider wohne ich nicht mehr in Berlin :(

  2. Ach wär das schön... Aber abgesehen davon, dass ich nicht in Berlin lebe und die Hotelszene hier etwas verschnarcht ist, würde solch ein Service bei mir schon daran scheitern, dass nicht aufgeräumt ist. Und ohne Ordnung kein effektives Saubermachen, auch durch Profis nicht.

  3. soso, wurde nicht geschrieben, die Böden seien aus Laminat?

    2 Leserempfehlungen
  4. Nein, man bekommt nicht mehr nur ein Hotelzimmer, sondern auch noch die eigene Bude geputzt. *Neid* :-)

  5. mal sehen, wann die nächste malerwerkstatt bauchpinseln anbietet ...

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