Ein paar Kinder aus meinem Bekanntenkreis haben jetzt in der Schule Entspannungsunterricht. Die Kinder machen es sich gemütlich, hören beruhigende Musik und üben autogenes Training.

Wenn man einer aktuellen Umfrage glaubt, haben Kinder Entspannung heute dringend nötig. Offenbar sind schon Grundschulkinder dem Burn-out so nahe wie Topmanager. Laut einer Studie des deutschen Kinderschutzbundes fühlt sich jedes dritte Kind in der zweiten und dritten Klasse von Hausaufgaben und Schule gestresst. Die Hälfte der Kinder wünscht sich mehr Erholung. Und in fast allen Bundesländern ist Schule bei Kindern der Stressfaktor Nummer eins. In Berlin natürlich nicht.

Als ich auf der Suche nach der richtigen Schule für meine Tochter war, schaute ich mir die Schule in der Nachbarschaft an. Eine Lehrerin führte am Tag der offenen Tür einen Pulk von aufmerksamen Eltern durch das Gebäude. Statt Tischen und Stühlen befanden sich in den Schulräumen dicke Teppiche, Kuschelecken und Kletterwände. Die Kinder lümmelten herum, betrachteten Bücher oder malten. Die Schule, erfuhr ich, orientiere sich an Montessori-Regeln. Hier bestimmten die Kinder ihr Lerntempo selbst.

Die Eltern stellten beim Rundgang allerlei Fragen. Welchen Gender-Ansatz man auf der Schule verfolge. Ob es Vollwertkost gebe und auch ein laktosefreies Menü. Auf alles wusste die Lehrerin eine Antwort. Nur als ich fragte, wie viele Kinder denn nach der vierten Klasse ein Gymnasium besuchten, gab es peinliches Schweigen. Die Lehrerin meinte, es komme immer wieder mal vor, dass ein Kind nach der vierten Klasse auf einem Gymnasium angemeldet würde. »Aber auf der Schule kommt es nicht in erster Linie auf Leistung an, sondern darauf, dass das Kind gut durch die wichtigen Phasen des Lebens begleitet wird«, fügte sie hinzu. Dieser Satz hat mich erstaunt. Ist es nicht Aufgabe der Schule, den Kindern etwas beizubringen? Während es meine Aufgabe ist, sie durch das Leben zu begleiten?

Zweimal lebenslänglich Schule

Zugegeben, als Kind hätte ich eine Schule mit Lümmelkissen geliebt. Die Schule, die ich besuchte, hatte Tische und Stühle. Und ich habe sie gehasst. Nach meinem zweiten Schultag wollte ich wissen, wie lange ich noch zur Schule gehen muss. Höchstens 13 Jahre, sagte meine Mutter. Für einen Sechsjährigen heißt das: zweimal lebenslänglich. Die Schule war voller Lehrer, die mir das Gefühl gaben, ich sollte mich mehr anstrengen. Am besten so wie die Strebermädchen in der ersten Reihe. Ständig wurde man verglichen, keiner interessierte sich für meine wahren Interessen. Und dazu noch dieser Stress mit den Noten.

In Berlin wollte man es besser machen. Dank einer Schulreform gibt es jetzt nicht nur an den von Montessori-Pädagogik beseelten Grundschulen entschleunigten Unterricht. Die Grundschule dauert sechs Jahre, wobei einige Gymnasien sehr gute Schüler bereits in der fünften Klasse aufnehmen. Und es gilt das jahrgangsübergreifende Lernen: Die erste und zweite, manchmal auch die dritte Klasse, werden zusammen unterrichtet. Es gibt keinen frontalen Unterricht mehr, in dem der Lehrer den Stoff an der Tafel vorträgt und abfragt. Stattdessen korrigieren die Kinder gegenseitig ihre Arbeitshefte, arbeiten projektbezogen und in Gruppen. Der Lehrer tritt eher als Lernberater auf.

Wer etwas weiter im Stoff ist, soll nicht durch die schwächeren Kinder in der Klasse gebremst werden. Und wer etwas länger braucht, kann sich die Zeit nehmen, die er benötigt. Während manche schon fünf Arbeitshefte durchgearbeitet haben, sind andere erst beim zweiten. In der Theorie klingt das vernünftig. Ein Bekannter erzählte jedoch, sein Sohn habe von der Lehrerin Anweisungen bekommen, mal eine Woche nichts zu lernen, damit die Schwächeren den Rückstand aufholten. Er solle lieber spielen. Auf die Art lernt man nicht viel. Erst neulich wurde in einer Studie dokumentiert, dass Berliner Kinder im vierten Schuljahr über ungefähr so viel Wissen verfügen wie bayerische Kinder im dritten. Sie haben eben ihr eigenes Tempo, die Berliner Kinder, könnte man sagen. Sie lernen erst dann lesen, wenn die Münchner Streber schon auf das Gymnasium gehen. Bei anderen länderübergreifenden Tests hatten einige Berliner Schulleiter zum Boykott aufgerufen: Die Kinder würden schon die Aufgabenstellung nicht verstehen, so ein Test könnte sie zusätzlich frustrieren.

An Berliner Schulen haben die Kinder eine entspannte Zeit – und verlassen sie als Bildungsgeschädigte. Ein Viertel der Kinder kann in der vierten Klasse keinen Text lesen oder verstehen und nur ansatzweise schreiben. Ist das Chancengleichheit?

Als ich die Schule verließ, stellte ich fest, dass die Welt kein bisschen freundlicher ist. Wer einen Arbeitsplatz sucht, wird gnadenlos mit anderen verglichen. Es wird vorausgesetzt, dass man schreiben und rechnen kann. Ich habe die Schule gehasst, aber sie hatte recht.

Wir haben uns bei der Schule für unsere Tochter dann doch lieber für eine mit Tischen und Stühlen im Klassenzimmer entschieden. Und einmal in der Woche lernen wir zu Hause Mathe. Meine Tochter sagt, ich soll mich mal entspannen.