Nein, die genauen Standorte will die Deutsche Börse nicht verraten. Gleich mehrere Rechenzentren wickeln in Frankfurt die Transaktionen ab, die aus der Stadt einen der wichtigsten Handelsplätze der Finanzwelt machen. Längst sorgen elektronische Signale dafür, dass »die Märkte« funktionieren. Zeit ist Geld, nirgends gilt dieser Spruch so sehr wie an der Börse.

In Frankfurt nehmen ihn 139 Unternehmen ernster als andere – sie haben direkt neben dem Hauptrechner der Börse einen Platz gemietet. Dort haben sie eigene Rechner aufgestellt. Auf diese Weise müssen die Signale nicht mehr Kilometer zurücklegen. Sondern nur noch Meter. Das bringt einen Zeitvorsprung, der bloß Sekundenbruchteile beträgt – die aber entscheiden über Gewinn oder Verlust.

Ihren Anfang nahm die Frankfurter Börse am 9. September 1585, als sich Kaufleute am Rande der Herbstmesse trafen, um die Wechselkurse von Währungen festzulegen. Erst Monate später traten sie wieder zusammen – zur Frühjahrsmesse. In New York trafen sich die Gründer der Börse Ende des 18. Jahrhunderts dann täglich, um die Preise von Aktien und anderen Wertpapieren festzulegen. Über die Jahrhunderte halfen immer neue Tricks und Technologien, die Finanzwelt und ihre Börsen zu beschleunigen: Boten auf Pferden, Brieftauben, der Telegraf, später dann das Telefon, der Fernschreiber, sogar Spiegel am Arbeitsplatz, damit Händler sich nicht umdrehen müssen, wenn jemand mit ihnen redet.

Schließlich kamen die Computer, die immer billiger und schneller wurden. Dauerte es noch vor ein paar Jahren mehrere Sekunden, um Transaktionen abzuwickeln, so waren es bald nur noch Millisekunden. Heute kann die Deutsche Börse eine Transaktion in 250 Mikrosekunden vollziehen. Das sind 250 Millionstel einer Sekunde. Für einen Menschen ist das unfassbar schnell. Längst haben »die Märkte« sich von dem abgekoppelt, was mit Sinnen wahrnehmbar ist.

Mit dem Aufstieg der Computer und dem parallelen Ausbau der Netze kam der Hochfrequenzhandel. Vor allem er wird über all die Rechner abgewickelt, die in Frankfurt, New York oder London direkt an den Kabelsträngen des globalen Finanzsystems stehen. Betrieben wird er von Firmen, die »Algos«, einsetzen, Algorithmen, also Programme, die eigenständig und nach bestimmten Mustern die Märkte durchforsten, die kaufen, verkaufen, immer auf der Suche nach minimalen Kursunterschieden, die sich zu Geld machen lassen.

Nur um Umsätze, Gewinne oder andere ökonomische Daten geht es den Algos allerdings nicht mehr. Mitunter schießen sie einfach massenweise Handelsaufträge in die Welt, einzig um die Zahlungsbereitschaft anderer zu testen oder die Kurse nach oben zu treiben – und sie ziehen sich blitzschnell zurück, bevor die Transaktion zustande kommt. Derlei Praktiken haben dazu beigetragen, dass das Verhältnis von Handelsaufträgen zu Handelsabschlüssen zum Beispiel in Frankfurt von 10 zu 1 auf 64 zu 1 gestiegen ist. Binnen fünf Jahren. An der Deutschen Börse ist der Hochfrequenzhandel heute für rund 40 Prozent des Aktienhandels verantwortlich, in den USA wird sein Anteil auf 50 bis 70 Prozent geschätzt.

Wozu es führen kann, wenn Computer »die Märkte« der menschlichen Kontrolle entziehen, zeigte der Flash Crash am 6. Mai 2010. An diesem Tag erlebte die New Yorker Börse binnen weniger Minuten den nach Punkten tiefsten Sturz ihrer Geschichte – und erholte sich ebenso schnell, nachdem der Handel für gerade fünf Sekunden unterbrochen worden war. Das Beispiel der IT-Beratung Accenture zeigt die Dramatik. Die Kaufgebote für ihre Aktie standen um 14.47 Uhr und 47 Sekunden bei rund 30 Dollar – sieben Sekunden später bei einem Cent. Ein Unternehmen mit damals 22 Milliarden Dollar Jahresumsatz und mehr als 200.000 Mitarbeitern: auf einen Schlag wertlos. Andere Aktien kosteten hingegen plötzlich mehr als 100.000 Dollar.

Eine staatliche Untersuchung kam zu dem Schluss, dass eine Interaktion von Programmen schuld war, in deren Verlauf viele Hochfrequenzhändler zunächst massenweise Aktien abstießen und sich kurz darauf vollautomatisiert ganz vom Handel zurückzogen. Plötzlich bestand der Markt nur noch aus einigen wenigen Transaktionen – oder verschwand ganz.

»Jeder, der die Rolle des Hochfrequenzhandels im Flash Crash kleinredet, war entweder an jenem Tag nicht im Handelsraum oder hat ein Interesse daran, dass es bei der aktuell schwachen Regulierung bleibt«, sagte David Lauer, 2010 selbst Mitarbeiter eines solchen Handelshauses, im September vor dem US-Kongress. »Wenn mehr als die Hälfte der Liquidität im Aktienmarkt binnen Sekunden verschwinden kann und so eine instabile Situation dramatisch verschlimmert, dann ist etwas schrecklich falsch.«

Eine Ende Oktober publizierte wissenschaftliche Studie der britischen Regierung hält zwar viele Vorwürfe, die dem Computerhandel gemacht werden, für unbegründet, die Sorgen der Politik über negative Effekte dennoch für gerechtfertigt. In Europa haben der Flash Crash und andere sich häufende unerklärliche Vorgänge an den Börsen der Welt den Staat auf den Plan gerufen. So legte die Bundesregierung kürzlich einen Gesetzentwurf vor, demzufolge Handelsaufträge von Programmen markiert werden müssen, Grenzen für das Aussenden von Aufträgen gelten und Stopps eingebaut werden. Parallel arbeitet das Europäische Parlament an Plänen, wonach Wertpapiere für mindestens eine halbe Sekunde gehalten werden müssen. Für Menschen ein Wimpernschlag, für Computer eine Ewigkeit.

Ob derlei Versuche, den Markt zu entschleunigen, etwas nützen, ist unter Experten umstritten. Mancher wünscht sich statt einer Verlangsamung lieber einen Kill-Switch, einen Ausschaltknopf, für den Fall, dass mal wieder etwas schiefgeht. Larry Tabb, Gründer der Finanzberatung Tabb Group, formulierte es vor dem US-Kongress so: »Ein Problem im elektronischen Handel ist maximal eine Minute lang ein Problem des elektronischen Handels – danach ist es ein Problem des Menschen.«