FahrzeugtechnikAuto zum Einstöpseln

Neue Fahrzeugtechnik soll sich künftig anschließen lassen wie im Computer: Per Plug-and-play. Doch das Einfache hat seinen Preis. von 

Wer sich heute in seine alte Karre einen schicken Einparkassistenten oder eine Abstandsautomatik für das Fahren im Stau einbauen lassen will, stößt auf ein Problem: Automobile Innovationen gibt es nur in Neuwagen. Eine Nachrüstung dagegen erfordert Bohrungen, das Verlegen von Kabeln und neue Anzeigeinstrumente; dazu kommt noch die aufwendige Integration in das bestehende Bordsystem. Denn die »elektronische Architektur« des Autos ist historisch gewachsen und extrem innovationsfeindlich. Fortschritt findet normalerweise nur ab Werk statt.

Das soll anders werden. Die Entwicklung von Elektroautos beschert Autobauern die einmalige Chance, über grundsätzliche Strukturen noch einmal ganz neu nachzudenken. In diesem Fall über die Frage: Könnte man nicht die Bordelektronik so auslegen, dass alle denkbaren Neukomponenten – vom automatisierten Anschließen an eine Ladestation bis hin zum vollständig autonomen, also fahrerlosen Fahren – ähnlich locker angedockt werden können wie neue Geräte beim Computer? Also eine Art Plug-and-play fürs Auto?

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An dieser kessen Idee arbeitet ein Konsortium aus Industrie und Forschung unter dem Namen Race (Robust and Reliant Automotive Computing Environment for Future eCars). Mit dabei sind beispielsweise Siemens, die Hochschulen Aachen und Stuttgart, die TU München sowie Softwarefirmen. Race läuft bis 2014 und wird vom Bund mit rund zehn Millionen Euro gefördert. Der Plan lautet, die bisher verstreute Intelligenz diverser Einzelsysteme – für automatisches Einparken, Spurhalten oder Fahrstabilität – zusammenzufassen in einem zentralen Bordgehirn. Bisher hat jede dieser Funktionen noch ein eigenes, unabhängiges Steuergerät, eigene Leitungen und vielleicht sogar spezielle Alarm- und Anzeigesysteme. In Zukunft könnte etwa ein neuer Fußgänger-Kollisionswarner als Gerät mit USB-Stick geliefert werden, der nur noch an eine Anschlussbox geklemmt werden muss. Schon weiß das Bordgehirn die gelieferten Daten zu interpretieren und gegebenenfalls mit weiteren Daten über das Wetter, den Zustand der Straße und Ausweichmöglichkeiten zu kombinieren. Im Ernstfall gibt es dann vom System einen Ausweichvorschlag – oder sogar gleich eine selbstständige Reaktion des Fahrzeugs.

Das alles ist allerdings noch Zukunftsmusik. Auf Rechnerbefehle kann ein Auto natürlich nur dann selbstständig reagieren, wenn die Bedienung von Gas, Bremse, Lenkung und Getriebe nicht mehr wie heute noch üblich über mechanische Gestänge und Bowdenzüge geschieht. Drive by wire, Fahren mit (elektrischen) Leitungen, heißt daher die neue Vision der voll elektrifizierten Steuerung. Soeben hat Nissan für 2013 das erste Serienmodell angekündigt, das zumindest eine elektrische Lenkung hat, steer by wire. Einer kompletten Elektrifizierung der Fahrzeugsteuerung stehen heute zwar noch juristische und sicherheitstechnische Bedenken entgegen – ein Ausfall der Bordelektrik würde zu Unfällen und unklaren Schuldfragen führen. Doch die Überarbeitung der Elektronik durch Race könnte den Pkw fit machen für eine umfassende Computersteuerung, wie sie in Flugzeugen schon üblich ist.

Ganz nebenbei räumt eine allumfassende Bordintelligenz mit dem alten Grundsatz auf, dass in letzter Instanz der Mensch entscheidet. Tatsächlich bereitet Race die Übernahme der Kontrolle durch die Maschine vor. Konnte bisher ein Einparkassistent immer noch einen Crash produzieren, wenn das Steuergerät streikte, woraufhin der Fahrer aktiv werden musste, soll dies in Zukunft so gut wie ausgeschlossen sein. Alle sicherheitskritischen Bereiche werden redundant ausgelegt – die bisherige Rückfallebene Mensch kommt bei schnellen Eingriffen sowieso nicht mehr mit. Bislang glaubt jeder Autofahrer, im Zweifel könne er die Bordintelligenz jederzeit übersteuern. In Zukunft wird es genau umgekehrt sein.

Der nächste Schritt wird dann die drahtlose Anbindung an intelligente Infrastrukturen sein, etwa Smart-Grid-Systeme, in denen das Auto elektrische Speicheraufgaben übernimmt. Schöne neue Welt! Nur eins müsste uns Sorgen machen: Unser tolles Auto steht dann im Prinzip allen Hackern der Welt offen. Theoretisch könnte ein Unhold per Mausklick alle im smarten Netz erreichbaren Autos auf einen Schlag zur Notbremsung zwingen oder zum Schlingern auf der Autobahn. Er müsste sich bloß über ein Update ins Bordgehirn schmuggeln oder eine verseuchte Mail auf das ins Armaturenbrett integrierte Smartphone schicken.

Die beteiligten Firmen sind sich angeblich dieser Gefahren bewusst. Sie hoffen allerdings, dass auch hier nur Gutes entsteht – wenn man die Sicherheitsfragen gleich von vornherein mit bedenkt. Wie sagt doch ein polnisches Sprichwort? »Wer die Hoffnung vor seinen Wagen spannt, fährt doppelt so schnell.«

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