Gebrüder Grimm : Weder deutsch noch Volk

Ein Gespräch mit dem Germanisten Heinz Rölleke über die wahre Herkunft der Grimmschen Märchen

DIE ZEIT: Herr Rölleke, im Advent 1812 erschien die erste Ausgabe der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen, eine Sammlung deutscher Volkserzählungen...

Heinz Rölleke: Nein, ebendas waren sie nicht! Aber dieser Mythos hält sich hartnäckig. Jacob und Wilhelm Grimm selbst haben ihn mit der Erstausgabe in die Welt gesetzt, indem sie im Vorwort behaupteten, viele Märchen offenbarten einen Blick in die Welt der deutschen Volkssagen und Mythen.

ZEIT: Und das tun sie nicht?

Rölleke: Es zeigte sich schnell, dass die Märchen dazu nicht viel hergaben. In Frau Holle erkannten die Grimms die germanische Totengöttin Hel, und das Dornröschen erinnerte an die germanische Sagengestalt Brünnhilde. Aber im Großen und Ganzen war’s das auch schon, und so steckten die Grimms ihre frohgemuten Hoffnungen zurück.

Heinz Rölleke

Jahrgang 1936, war bis zu seiner Emeritierung Professor für Deutsche Philologie einschließlich Volkskunde an der Bergischen Universität Wuppertal. Er gehört zu den bekanntesten Grimm-Forschern. Zuletzt erschien Es war einmal... Die wahren Märchen der Brüder Grimm und wer sie ihnen erzählte (Illustrationen von Albert Schindehütte, Eichborn, Die Andere Bibliothek, Frankfurt a. M. 2011)

ZEIT: Stillschweigend?

Rölleke: Sie machten das wie die katholische Kirche: Was nicht passt, wird still aus dem Verkehr gezogen. Von urdeutschen Mythen war bereits im zweiten Band von 1815 keine Rede mehr.

ZEIT: Trotzdem haben die Grimms jahrzehntelang an der Sammlung weitergearbeitet!

Rölleke: Sie hatten ja auch noch andere Motivationen, wollten deutsches Kulturgut vor der französischen "Überfremdung" retten. Fast ganz Europa war damals von Napoleon besetzt.

ZEIT: War das Buch denn ein Erfolg?

Rölleke: Es war ein Riesenflop! Erst mit der "kleinen Ausgabe" 1825, für die Wilhelm die Texte noch kindgerechter ausgewählt und zugeschnitten hatte, kam der Durchbruch.

ZEIT: Warum erst so spät?

Rölleke: Zugespitzt gesagt: Die Märchen waren umso erfolgreicher, je unwissenschaftlicher sie daherkamen. Der Stil war ausschlaggebend, den Wilhelm über die Jahre verfeinerte. Schon 1815 zog sich sein stärker wissenschaftlich ambitionierter Bruder aus dem Unternehmen zurück. Was als germanistische Arbeit begonnen hatte, wurde mehr und mehr zu einem literarischen Projekt. Wilhelm formulierte die Märchen immer weiter aus, versuchte sie zu entsexualisieren, weil er sie für eine ideale Kinderlektüre hielt, und verlieh ihnen den unverwechselbaren Grimmschen Märchenton.

ZEIT: Eine eigene Erfindung?

Rölleke: Nicht ganz. Da er vermutete, dass die Märchentradition hierzulande um die Lutherzeit ihren Höhepunkt erlebte, orientierte er sich an der Sprache der Lutherbibel. Er hat das Deutsche also archaisiert und kunstvoll etwas "zurückgedreht" – so entstand freilich etwas ganz Neues. Schon Fontane erkannte, dass dieser Stil die Märchen so beliebt machte. Die Stoffe fanden sich schließlich auch andernorts, in Hunderten anderer Märchensammlungen.

ZEIT: Aber auch die Grimms mussten ja erst mal an ihre Geschichten kommen.

Rölleke: Alles begann mit einer Idee des Romantikers Clemens Brentano. Der hatte zwischen 1805 und 1808 mit Achim von Arnim die Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn herausgebracht und plante eine Fortsetzung mit Märchen. Er ließ die Grimms bitten, ihm zu helfen. Die waren damals noch Studenten und sollten nun Texte aus alten Büchern exzerpieren, die sie für Märchen hielten. Bei Hans Sachs sollten sie suchen, bei Luther oder Grimmelshausen. All diese Autoren hatten Märchen in ihre Erzählungen einfließen lassen. 60 Texte kamen so zusammen. Brentano sagte aber auch: Hört auf die mündliche Überlieferung! Eine ungleich größere Herausforderung...

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Kommentare

60 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Die Sache mit der Quelle...

Hier in den Kommentaren wird ein Beitrag zensiert, sobald eine Behauptung aufgestellt wird, die nicht durch Quellen oder Belege bewiesen wird. Warum sollten Forscher nicht auch Belege anführen müssen?

Gerade als Geisteswissenschaftler ist es von unermesslichem Wert, auf seine Zitate, Behauptungen oder Erzählungen auch Quellen folgen zu lassen.
Wie sollte man sonst die Echtheit die Echtheit der Aussage überprüfen. Jeder könnte so Thesen über historische Personen aufstellen, welche komplett falsch sein könnten.
Es hätte ja gereicht, den Brief, die Schrift oder das Zitat, in der die Grimms oder deren Bekannte etwas über sich sagen, aber so... woher soll ich wissen, ob es stimmt?

vielleicht ist sie nicht eindimensional.

Aber gewisse Zusammensetzung sind einfach dumm.
"links-reaktionär" dann gibt es wohl auch "links-rechts", oder "vorn-hinten".
Man verwendet Begriffe im allgemeinen um nachvollziehbare Bedeutungen zu erzeugen. Man kann sie natürlich auch für surreale Poesie verwenden.

"manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht
velwechsern.
werch ein illtum!"
- Ernst Jandl, Laut und Luise