DIE ZEIT: Herr Rölleke, im Advent 1812 erschien die erste Ausgabe der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen, eine Sammlung deutscher Volkserzählungen...

Heinz Rölleke: Nein, ebendas waren sie nicht! Aber dieser Mythos hält sich hartnäckig. Jacob und Wilhelm Grimm selbst haben ihn mit der Erstausgabe in die Welt gesetzt, indem sie im Vorwort behaupteten, viele Märchen offenbarten einen Blick in die Welt der deutschen Volkssagen und Mythen.

ZEIT: Und das tun sie nicht?

Rölleke: Es zeigte sich schnell, dass die Märchen dazu nicht viel hergaben. In Frau Holle erkannten die Grimms die germanische Totengöttin Hel, und das Dornröschen erinnerte an die germanische Sagengestalt Brünnhilde. Aber im Großen und Ganzen war’s das auch schon, und so steckten die Grimms ihre frohgemuten Hoffnungen zurück.

ZEIT: Stillschweigend?

Rölleke: Sie machten das wie die katholische Kirche: Was nicht passt, wird still aus dem Verkehr gezogen. Von urdeutschen Mythen war bereits im zweiten Band von 1815 keine Rede mehr.

ZEIT: Trotzdem haben die Grimms jahrzehntelang an der Sammlung weitergearbeitet!

Rölleke: Sie hatten ja auch noch andere Motivationen, wollten deutsches Kulturgut vor der französischen "Überfremdung" retten. Fast ganz Europa war damals von Napoleon besetzt.

ZEIT: War das Buch denn ein Erfolg?

Rölleke: Es war ein Riesenflop! Erst mit der "kleinen Ausgabe" 1825, für die Wilhelm die Texte noch kindgerechter ausgewählt und zugeschnitten hatte, kam der Durchbruch.

ZEIT: Warum erst so spät?

Rölleke: Zugespitzt gesagt: Die Märchen waren umso erfolgreicher, je unwissenschaftlicher sie daherkamen. Der Stil war ausschlaggebend, den Wilhelm über die Jahre verfeinerte. Schon 1815 zog sich sein stärker wissenschaftlich ambitionierter Bruder aus dem Unternehmen zurück. Was als germanistische Arbeit begonnen hatte, wurde mehr und mehr zu einem literarischen Projekt. Wilhelm formulierte die Märchen immer weiter aus, versuchte sie zu entsexualisieren, weil er sie für eine ideale Kinderlektüre hielt, und verlieh ihnen den unverwechselbaren Grimmschen Märchenton.

ZEIT: Eine eigene Erfindung?

Rölleke: Nicht ganz. Da er vermutete, dass die Märchentradition hierzulande um die Lutherzeit ihren Höhepunkt erlebte, orientierte er sich an der Sprache der Lutherbibel. Er hat das Deutsche also archaisiert und kunstvoll etwas "zurückgedreht" – so entstand freilich etwas ganz Neues. Schon Fontane erkannte, dass dieser Stil die Märchen so beliebt machte. Die Stoffe fanden sich schließlich auch andernorts, in Hunderten anderer Märchensammlungen.

ZEIT: Aber auch die Grimms mussten ja erst mal an ihre Geschichten kommen.

Rölleke: Alles begann mit einer Idee des Romantikers Clemens Brentano. Der hatte zwischen 1805 und 1808 mit Achim von Arnim die Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn herausgebracht und plante eine Fortsetzung mit Märchen. Er ließ die Grimms bitten, ihm zu helfen. Die waren damals noch Studenten und sollten nun Texte aus alten Büchern exzerpieren, die sie für Märchen hielten. Bei Hans Sachs sollten sie suchen, bei Luther oder Grimmelshausen. All diese Autoren hatten Märchen in ihre Erzählungen einfließen lassen. 60 Texte kamen so zusammen. Brentano sagte aber auch: Hört auf die mündliche Überlieferung! Eine ungleich größere Herausforderung...

 "Die Grimms waren nie Feldforscher"

ZEIT: Kannten die Grimms denn keine Märchen aus ihrer eigenen Kindheit?

Rölleke: Kein einziges! Aber Brentano hatte einen Tipp. Er nannte ihnen eine alte Frau, die in Marburg im Elisabethhospiz lebte und angeblich glänzend erzählen konnte. Brentano hatte sie einst selbst besucht, aber nur ein paar Stichworte notiert, mit denen er nichts mehr anzufangen wusste. So machte sich Wilhelm auf den Weg. Doch schon am zweiten Tag schrieb er frustriert: "Das Orakel will nicht sprechen!"

ZEIT: Wie das?

Rölleke: Ich vermute, Wilhelm war zu ungeschickt – Brentano jedenfalls, das ist ja bekannt, konnte besser mit Frauen umgehen... Es kann aber auch sein, dass die Alte sich tatsächlich schämte, wie Wilhelm berichtete. Es war ihr peinlich, vor ihren Mitbewohnerinnen in dem Heim so einen Kinderkram zu erzählen. Auf jeden Fall hatten die Grimms von störrischen alten Damen jetzt erst mal genug.

ZEIT: Und gingen selbst in den hessischen Dörfern auf die Suche?

Rölleke: Auch so eine Legende. Die Grimms waren nie Feldforscher. Sie wandten sich an ihre städtischen Freunde und Bekannten in Kassel. Da waren zum Beispiel die drei Töchter der Familie Wild, die in der Nachbarschaft eine Apotheke betrieb, die waren zwischen 13 und 17 Jahre alt. Und dann gab es da noch die befreundete Familie Hassenpflug mit noch einmal drei Töchtern, die ein klein wenig älter waren. Mit diesen sechs jungen Damen, alle aus bürgerlichen, hochgebildeten Familien, veranstalteten die Grimms nun sonntags nachmittags literarische Kränzchen. Vor allem die Töchter des Regierungspräsidenten von Kassel, die Hassenpflug-Mädchen, erwiesen sich dabei als reiche Quelle. Denn die konnten ihren Perrault gleichsam auswendig...

ZEIT: Die Märchensammlung des französischen Barockdichters Charles Perrault?

Rölleke: Genau, denn die Familie hatte hugenottische Vorfahren. Da die Töchter nun aber in Hessen groß geworden waren, erzählten sie die Geschichten wohl in breitestem Dialekt, und so nahmen die Brüder an, sie hätten es mit "ächt hessischen" Märchen zu tun...

ZEIT: Kannten die Grimms denn Perraults Erzählungen nicht?

Rölleke: Ich bin mir nicht sicher, ob sie seinerzeit noch nicht wussten, woher die Geschichten stammten, oder ob sie es nicht wissen wollten. Sie bekamen da schließlich die absoluten Highlights: Rotkäppchen, Dornröschen, Schneewittchen...

ZEIT: Fanden sie denn später heraus, dass viele ihrer echt hessischen Märchen eher französisch waren oder auch anderen Ursprungs?

Rölleke: Sie merkten das bald nach Erscheinen der Erstausgabe. Aber da hatten sie auch schon eine neue Gewährsfrau: Dorothea Viehmann , die ihrer Vorstellung von einer Märchenerzählerin perfekt entsprach. Sie war bereits etwas älter und war in einer Gaststätte in der Nähe von Kassel aufgewachsen. Und die Viehmann erzählte nun zum Teil dieselben Stoffe wie die Hassenpflugs, nur mit ein paar Abweichungen. Was also taten die Grimms? Sie tauschten eine ganze Reihe der Hassenpflug-Märchen gegen die Viehmann-Versionen aus. Der Witz daran: Auch die Viehmann hatte hugenottische Wurzeln!

ZEIT: Wussten die Grimms das?

Rölleke: Schwer zu sagen, ob sie sich da zunächst selbst etwas vormachten. Von 1819, von der zweiten Ausgabe der Märchen an aber wussten sie ziemlich sicher Bescheid. Jetzt fingen sie an, einiges aus ihrer Sammlung zu entfernen, was nicht auf deutschem Boden gewachsen ist. Sie verbannten etwa den Gestiefelten Kater und das Blaubart- Märchen. Die anderen "welschen" Geschichten aber haben sie gelassen. Sie waren da alles andere als konsequent. Am Ende kam in die Sammlung, was schön ist, was gefiel.

ZEIT: Warum haben sie dann die Namen ihrer Zuträger nie offengelegt?

Rölleke: Weil sie immer noch glaubten, dass aus den Märchen der "Volksgeist" spreche. Die einzelnen Zuträger hielten sie für unwichtig. So begnügten sie sich mit der Nennung Dorothea Viehmanns als prototypischer Märchenfrau. Insgesamt trugen etwa vierzig Personen den Grimms Märchen zu, fast alles sehr gebildete Leute. Die meisten Geschichten lieferten neben Dorothea Viehmann und Marie Hassenpflug die Adelsfamilien Droste-Hülshoff und Haxthausen aus Westfalen. Letztlich waren die Grimmschen Märchen also weder deutsch noch Volk.

ZEIT: Verschwiegen die Grimms das auch, weil es nicht ins kulturnationale antifranzösische Konzept passte?

Rölleke: Auf jeden Fall ist das eine köstliche Ironie der Geschichte. Da machen sich zwei junge Männer daran, vermeintlich deutsches Kulturgut vor der französischen "Überfremdung" zu retten. Und was fördern sie zutage? Französische Märchen! Blind aber waren die Grimms nicht. Fast alle ihre Werke tragen das Adjektiv "deutsch" im Titel. Deutsche Sagen, das Deutsche Wörterbuch, die Deutsche Grammatik und so weiter. Nur die Märchen nicht. Den Grimms war klar, dass Märchen per se grenzüberschreitend sind. Auch wenn sie das nie offen zugaben.