Integration : An der falschen Stelle gespart

Die Bundesregierung will weniger für Integrationskurse ausgeben.
Teilnehmer eines Integrationskurses in Erfurt. © picture-alliance/ dpa

Drei Nachrichten zum Thema Integration, zwei gute und eine schlechte. Die erste gute: Zuwanderer kommen auf dem deutschen Arbeitsmarkt deutlich besser unter als noch vor zehn Jahren, das ergab eine aktuelle OECD-Studie. Die zweite gute Nachricht: Die Integrationskurse für Zuwanderer zeigen Wirkung. Fast 60 Prozent der Teilnehmer haben im ersten Halbjahr 2012 die abschließende Sprachprüfung auf dem höchstmöglichen Niveau abgeschlossen. Das sind fünf Prozent mehr als im Vorjahr. Gute Noten setzen im Allgemeinen nicht nur motivierte Schüler, sondern auch motivierte Lehrer voraus. Aber deren Motivation wird wieder einmal nicht belohnt.

Und das ist die schlechte Nachricht: Die Bundesregierung plant, im kommenden Jahr 15 Millionen Euro weniger für die Integrationskurse auszugeben – mit der Begründung, der Bedarf an Kursen würde sinken, man hätte damit eben schon viele Einwanderer erreicht. Selbst dann spricht einiges gegen Einsparungen. Allen voran die miserable Bezahlung der Lehrer. Sie leisten wichtige Arbeit, und sie machen sie gut, wie die Ergebnisse der Prüfungen zeigen; aber ihr Lohn ist schlecht. Viele von ihnen hangeln sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten, mit nicht einmal 20 Euro pro Stunde, auch Renten- und Krankenversicherung müssen viele von ihnen selbst tragen. Hier wären die 15 Millionen gut angelegt.

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Kommentare

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Einsatz zeigen

Gut so. Einwanderer, die in diesem Land leben und Steuern bezahlen möchten, die müssen auch ohne teure Integrationskurse bereit sein, die Landessprache zu erlernen und Einsatz zu zeigen. Möglichst schon vor ihrer Einreise. Integration ist eine Bringschuld und das Erlernen der Sprache ist eine Selbstverständlichkeit.

Verstand

Nun, wenn jemand Teil einer Gesellschaft werden möchte, so besteht eine Bringschuld, sich über diese Gesellschaft und ihre Kultur zu informieren, die Sprache zu erlernen und zu benutzen, sich an der Mehrung des gesellschaftlichen Wohlstands zu beteiligen und schlicht und einfach die Gesetze zu kennen und zu achten.

Das hat, meiner bescheidenen Meinung nach, mit nichts anderem zu tun, als mit einem gesundem Verstand.

Bringschuld

Ja, da stimme ich Ihnen zu. Allerdings anders, als Sie jetzt meinen.

Die Bringschuld liegt auf beiden Seiten. Auf der der Zuwanderer und auf der der "Ureinwohner".

Die Zuwanderer müssen sich interieren wollen, die Ureinwohner müssen Zuwanderer sich integrieren lassen.

Was Sie wollen, vergleiche ich eher mit der Borg-Mentalität: "Sie werden assimiliert! Widerstand ist zwecklos!"

Mit Verlaub - blanker Unsinn

Wenn Sie sich also eines Tages entschließen, nach Frankreich auszuwandern, dann fordern Sie dort kostenlose Sprachkurse zur Erleichterung Ihrer Integration?
Das wäre Ihre Argumentationsebene.
Integration ist und bleibt eine Bringeschuld! Und nur wer diese "Bringeschuld" unverschuldet nicht erbringen kann, dem soll geholfen werden. Beispielsweise dem anerkannten Asylanten, der fluchtartig sein Land verlassen mußte und bei 0 anfängt.

Problem der Expansion in diesem Bereich

Das sich die Finanzierung grds. als schwierig erweist, ist durchaus nachvollziehbar. Denn auf diesem Gebiet hat keiner mit einer solchen Expansion gerechnet und der Bereich Integration und soziale Betreuung wird zum reinsten Geschäftsfeld. Sozialarbeiter, Lehrer, Projekte. Ich frage mich manchmal, ob diese "Probleme" irgendwann einmal behoben werden oder ob es reinste Syssyphusarbeit ist und man bei jeder Generation von Neuem anfangen muss?

Was die Sprache betrifft ist selbstverständlich auch Eigeninitiative gefragt. Das ist die sog. (aus dem Schuldrecht entnommene) Bringschuld. Auf der anderen Seite besteht keine Bringschuld, sondern die Verpflichtung jemanden, der diese Obligation erfüllt auch in die Gesellschaft aufzunehmen und ihn teilhaben zu lassen.

Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass man in den Ländern der überwiegenden Immigranten per Staatsvertrag "Deutsch" wahlweise als zweite oder dritte Fremdsprache einführt, um so die anfallenden Kosten in diesem Bereich kompensieren zu können.

DIe Borg...

Die Borg kommen aber in andere Gesellschaften und wollen diese assimilieren - das ist ein kleiner aber feiner Unterschied ;-) Im Übrigen hat niemand von assimilieren gesprochen außer Ihnen - in dem Sie einen Begriff gegen den anderen austauschen legen Sie den Vorrednern Aussagen in den Mund, die sie nie getroffen haben. Das ist nicht unbedingt die niveauvollste Art der Diskussion.

Davon abgesehen denke ich es, dass die Integration von Zuwanderern im beiderseitigen Interesse liegt und daher hier tatsächlich an der falschen Stelle gespart wird. Man macht die gleichen Fehler wie in den all den Jahren zuvor und hofft, dass sich die ganze Integrationssache schon irgendwie regeln wird - das tut sie aber ganz offensichtlich in bestimmten Zuwandererkreise nicht (die allerdings meiner Meinung nach nicht die Mehrheit darstellen).

Dass vielleicht auch die ein- oder andere Gruppe von Ur-Deutschen einen Integrationsunterricht gebrauchen könnte, sowohl was das Integrieren von Zugezogenen, wie auch von sich selbst betrifft, das möchte ich mit Sicherheit nicht verneinen...

An der einen Stelle zu sparen,

heißt ja häufig, an der anderen Stelle auszugeben. Und dann ist das halt eine Frage der Prioritäten. An Deutschen Universitäten bekommen einige Lektoren auch Hungerlöhne. Wieso nicht dort mehr bezahlen? Und wenn man dann soweit gedacht hat, kommen doch gleich nochmal Tausende andere in den Sinn, die bessere Bezahlung verdient hätten.
Wollte verdi nicht gerade 6.5% mehr? Das ist eine Menge Geld für einige und das muss dann wieder an anderer Stelle eingestpart werden.
Schulden haben wir jedenfalls schon genug!

Bei anderen Ländern

muss man mindestens gewisse Kenntnisse mitbringen, um überhaupt einzuwandern.
Unsere Zuwanderungspolitik ist völlig aus dem Ruder gelaufen, unkontrollierte Massenzuwanderung von Menschen ohne brauchbare Ausbildung wird befürwortet, aber die Mittel aus den Kursen abgezogen.

Also holt man die Leute her, um sie dann dumm zu halten oder wie?
Sicher, eine Bringschuld der Einwanderer besteht, aber was hier abgezogen wird ist doch nichts Halbes und nichts Ganzes.

Stundenhonorar, nicht -lohn

Lieber Guy of Gisborne,

bitte erlauben Sie mir, darauf hinzuweisen, dass sich die im Artikel erwähnten "nicht einmal 20 Euro pro Stunde" auf ein Stundenhonorar und nicht auf einen Stundenlohn von 20 Euro beziehen. LehrerInnen für Deutsch als Fremdsprache geben Integrationskurse nämlich meist als Selbstständige. Das heißt, dass sie keinen bezahlten Urlaub haben, die volle Krankenversicherung selbst zahlen müssen, bei Krankheit einen kompletten Verdienstausfall haben, usw.

Außerdem beziehen sich die 20 Euro pro Stunde allein auf die gegebenen Unterrichtsstunden, nicht auf deren Vor- und Nachbereitung oder die Werbung von Auftraggebern. Ein vollzeitbeschäftigtiger Gymnasiallehrer gilt als ausgelastet, wenn er 28 wöchentlich Stunden unterrichtet.

Das würde beim beim Integrationslehrenden also etwa 2.300 Euro pro Monat ergeben - wenn er oder sie Glück hat, denn viele Institute zahlen 15 Euro und weniger. Dann wären wir schon bei nur noch ca. 1.700 Euro. Ziehen Sie davon die oben genannten Kosten und Unsicherheiten ab, welche einen Festangestellten nicht betreffen (wenn er nicht gerade bei Opel arbeitet), und entscheiden Sie selbst, wie viel nach der Miete und den Lebenshaltungskosten noch übrigbleibt und ob das für jemanden angemessen ist, der dafür fünf Jahre lang studiert hat ...

Auf der anderen Seite

Eine Bekannte von mir hat nach abgeschlossenem Studium für einen Lehrauftrag an einer Uni 23 Euro die Stunde bekommen, und zwar ohne Lohnfortzahlung während Semesterferien, an Feiertagen oder bei Krankheit und ohne Sozialversicherung, ohne Vor- und Nachbereitezeit. Und man darf da auch nicht zuviel Stunden haben, weil sonst würde das eine offizielle "Stelle" werden.

Zu: Auf der anderen Seite

Ja, die Missstände an deutschen Universitäten, die Sie beschreiben, sind mir bekannt und ich finde sie genauso unangemessen.

Allerdings verstehe ich nicht, warum man die einen unterbezahlten Lehrkräfte gegen die anderen unterbezahlten Lehrkräfte ausspielen sollte, zumal, wenn es um zwei doch recht unterschiedliche Bereiche geht. Wenn UniversitätsdozentInnen eine hochqualifizierte Arbeit verrichten, für die offensichtlich Bedarf besteht, sollten sie dafür angemessen bezahlt werden, und wenn LehrerInnen in Intergrationskursen eine hochqualifizierte Arbeit verrichten, für die offensichtlich Bedarf besteht, sollten sie ebenfalls angemessen dafür bezahlt werden.

Das gilt umso mehr, als es in beiden Fällen nicht um Tätigkeit geht, die allein den Regeln des Marktes unterliegen. Schließlich legen in beiden Fällen Bundes- oder Landesregierungen per Gesetz fest, dass diese Lehrkräfte notwendig sind, weil beide Bildungsangebote politisch gewollt sind, und sie bestimmen in beiden Fällen, wie hoch die (Mindest-)honorare und -löhne dafür auszufallen haben.