Lara ist zehn und hat drei Hobbys: Tanzen, Kunstradfahren, Bogenschießen. Und sie hat drei Geschwister, die auch Hobbys haben. Ihre Mutter, Katrin Schäfer, ist alleinerziehend. Sie arbeitet in Schwerin als Steuerfachangestellte, und das Geld ist knapp. Trotzdem schafft sie es, Lara alle drei Hobbys zu finanzieren. Seit etwa einem Jahr bekommt sie dabei Hilfe: einen 10-Euro-Zuschuss aus dem Bildungs- und Teilhabepaket der Bundesregierung. »Für mich macht es einen Unterschied, ob ich 18 oder 28 Euro fürs Tanzen zahle«, sagt Katrin Schäfer. »Im Interesse meiner Kinder nehme ich alles, was ich kriegen kann.«

Vor 20 Monaten wurde das Bildungs- und Teilhabepaket eingeführt. Es soll Kindern aus armen Familien bessere Startchancen geben. Sie erhalten einen Zuschuss fürs Mittagessen in der Schule, für Klassenfahrten, Sportverein oder Musikunterricht und wenn nötig auch für Nachhilfe – alles zusammen bis zu etwa 80 Euro im Monat. Vergangene Woche meldete das Bundesfamilienministerium, dass inzwischen 80 Prozent der Geringverdiener, die Kinderzuschlag erhalten, den Zuschuss beantragt haben – fast doppelt so viele wie 2011. Das klingt erst mal gut. Doch diese Eltern machen nur einen kleinen Teil der Anspruchsberechtigten aus. Der größere Teil ist arbeitslos und von Hartz IV abhängig. Kritiker bemängeln, dass die vorgesehenen Millionen nur teilweise ausgeschüttet werden. Was also hat das Programm bislang gebracht? Welche Kinder erreicht das Bildungspaket? Und wer bleibt außen vor?

Antworten finden sich in Schwerin, wo die Kinderarmut besonders hoch ist. Den aktuellsten verfügbaren Daten der Bertelsmann Stiftung zufolge lebten hier im Jahr 2009 mehr als 36 Prozent der Kinder unter 15 Jahren in Familien, die auf staatliche Grundsicherung angewiesen waren – der bundesweite Durchschnitt lag damals wie heute zwischen 15 und 16 Prozent.

Als Katrin Schäfer im Frühjahr 2011 in den Nachrichten vom Teilhabepaket hörte und Werbeplakate in der Stadt sah, ging sie zum Amt und beantragte die Förderung. Sie ist Geringverdienerin und hat einen Anspruch darauf, weil sie vom Staat Wohngeld und den Kinderzuschlag erhält. Chaotisch sei die Beantragung anfangs gewesen, erzählt sie, es habe keinen Ansprechpartner und keine Formulare gegeben. Drei Monate habe es gedauert, bis sie etwas von der Behörde gehört habe. Auch wenn es inzwischen besser laufe, müsse sie häufig immer noch mehrere Monate auf Zahlungen warten. »Aber ich bin eine Kämpfernatur. Was ich haben will, kriege ich, und was mir zusteht, sowieso.«

Die Ballettschule ihrer Tochter liegt im Zentrum von Schwerin, in einer ehemaligen Lagerhalle aus Backstein. »In einer Reihe aufstellen!«, ruft die Tanzlehrerin und stellt Musik an, eine Polka. »Rechtes Bein und linkes Bein...« Hintereinander hüpfen die Mädchen quer durch den Raum, Lara Schäfer führt die Reihe an. Ihre Mutter war früher Leistungssportlerin im Geräteturnen, und es ist ihr wichtig, dass ihre Kinder ebenfalls Sport treiben. »Ich habe das auch hinbekommen, bevor es das Bildungs- und Teilhabepaket gab«, sagt Katrin Schäfer. Auch wenn sie dafür an den Lebensmitteln sparen müsse und auf Kino und Urlaubsreisen verzichte. »Entweder man tut etwas für seine Kinder oder nicht.«