Kulturgut GamesBallern ist nicht alles

Die neuen Computerspiele erzählen komplexe Geschichten und locken in Mythen und fremde Welten. Sie taugen zum Medium der Zukunft. von Maximilian Probst

Spec Ops: The Line

Screenshot aus "Spec Ops: The Line"  |  © YAGER Development

Angenommen, einer sagt, er habe noch nie einen Film gesehen: Wir würden zweifeln, ob er weiß, in welcher Welt er lebt. Das ist mit Computerspielen anders. Wer noch nie gespielt hat, rechnet sich das oft hoch an. Warum auch nicht? Warum sollten sich nicht einige zweifelnd das Gefährt anschauen, auf dem so viele jubelnd in die Zukunft aufbrechen? Nur: Es gibt den Punkt, wo man auf den rollenden Zug aufspringen sollte, bevor er gänzlich abgefahren ist. Dieser Punkt scheint bei den Computerspielen erreicht.

Dass vor allem kleine, blasse, übergewichtige Jungs in Kellern Computer spielen: Es war wohl immer nur ein Klischee, fernab der Wirklichkeit. Untersuchungen zeigen heute, dass Rentner ebenso wie Schüler spielen, Hartz-IV-Empfänger ebenso wie Entscheider in den Chefetagen – und das unabhängig vom Geschlecht. In Großbritannien etwa macht der Frauenanteil bei Computerspielen bereits über 40 Prozent aus, Tendenz steigend. Diese Verbreitung der Computerspiele quer durch die Gesellschaft spiegelt sich an der Kasse. Mit einem Umsatz von 1,86 Milliarden Euro zog die Computerbranche 2010 in Deutschland an der Musik- und Filmindustrie vorbei. 2011 wuchs der Umsatz um 3,5 Prozent an, auf 1,99 Milliarden Euro. Das Computerspiel scheint auf dem Weg, zum Leitmedium des 21. Jahrhunderts aufzusteigen.

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Aber wissen wir überhaupt, wovon wir sprechen, wenn wir über Computerspiele reden? Was sind Computerspiele? Und, vorausgesetzt, dass der Mensch nicht nur ein neues Medium hervorbringt, sondern dieses Medium auch auf den Menschen zurückwirkt, ihn nach seinen Anforderungen programmiert, wie es uns die Medientheorie gelehrt hat: Lässt sich absehen, was das Computerspiel mit seinen Spielern macht?

Seit etwa zehn Jahren gibt es die Computerspielwissenschaft, die sogenannten Games Studies, die sich mehr und mehr an Universitäten ausbreiten und das Medium erforschen. Es ist ein Fachbereich, der wie jeder andere seine Richtungsstreits kennt, seine großen Grundsatzdebatten und kleinteiligen Detailforschungen. Trotzdem lässt sich immer noch gut mit dem anfangen, was am nächsten liegt.

Ballerspiele sind wie Tontaubenschießen

So laden Computerspiele dazu ein, sie einfach als, na ja, Spiele zu betrachten. Tetris – eine Art Puzzle. Die Autorennen – eine Weiterführung der Carrera-Bahn. Und die Ballerspiele? Sind nicht viel anders als Tontaubenschießen. Immer zählen Geschicklichkeit und Schnelligkeit. Auch die großen Computerstrategiespiele wie Civilization, in dem man ein Volk aus der Steinzeit bis in eine planetarische Zukunft jenseits der Erde führt, sind nicht gänzlich neu. Sie greifen auf und erweitern, was es an Brett-, Karten- und Kriegsspielen in analoger Zeit schon gegeben hat. 

Die andere große Abstammungslinie der Computerspiele verläuft über Bücher und Filme. Sie ordnet die Spiele als Narration, als Erzählung, ein. Um von einer Erzählung zu sprechen, müssen üblicherweise Charaktere im Spiel sein und eine Umgebung oder Welt, deren Durchquerung sich zu einem Plot fügt. Im kürzlich herausgekommenen Spiel Spec Ops: The Line muss ein Held namens Captain Martin Walker in einem verwüsteten Dubai nach Überlebenden suchen. In der Grand-Theft-Auto-Serie spielt man einen Kleinganoven, der im Dienst seines Bosses durch eine abgewirtschaftete Großstadt streift und mafiöse Aufträge erledigt.

Leserkommentare
  1. Nach so vielen Jahren des Hasses und Spottes. Es soll zwar keine Pflicht sein, Computerspiele zu spielen, man verpasst aber etwas. Meine Lieblingsserie vom Erzählerischen her: Mass Effect. Reicht an jeden großen Kinofilm heran!

    18 Leserempfehlungen
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    • lxththf
    • 08. Dezember 2012 12:48 Uhr

    KotoR. Ich finde jedoch, dass der Artikel ab einem gewissen ein wenig zu viel in Spiele interpretiert. Die Vielfalt der Zockermöglichkeiten wurden genannt, aber man darf eine Sache wirklich nicht übersehen. Am Ende ist es eine Industrie, die darauf abzielt, möglichst viele anzusprechen und das wird deutlich bei vielen Spielen, die ein hohes Potenzial hatten und unfertig auf den Markt geworfen wurden. Eine weitere Schattenseite dieser Industrie sind Exklusivtitel und andere Arten der Abzocke.
    Und ob Games tatsächlich die Demokratie revolutionieren, sei auch einfach dahingestellt.

    • JD
    • 08. Dezember 2012 13:58 Uhr

    Da muss ich beipflichten. Was Story Telling und die Erschaffung eines eigenen Universums voller Charaktere und Handlungsstränge angeht ist Mass Effect das meiner Meinung nach beste Spiel der neueren Zeit. Es spielt sich so wie sich ein unglaublich fesselndes Buch liest und lässt einen keine Sekunde aus seinen Bann!

    Was Spiele der "Vergangenheit" angeht, kann ich was komplexe Geschichte und vielschichtige Charaktere angeht ausnahmslos "Baldurs Gate I und II" empfehlen. Meiner Ansicht nach, reicht kein Spiel seit 2001 an die unglaubliche Detailtiefe, liebevolle Ausgestaltung der Welt und der Geschichte dieser Reihe heran!

    BTW. schöner Artikel!

    • Mosurft
    • 09. Dezember 2012 13:17 Uhr

    Mass Effect hat in meinen Augen so ziemlich die packendste Geschichte der Spielewelt erschaffen. Ich habe es mit jedem einzelnen Charakter, der möglich war, nacheinander gespielt.

    Nur noch Perlen wie KOTOR oder die Deus Ex Reihe können diesem das Wasser reichen.

  2. Kein "Hurra, wir spielen"-Artikel (bezogen auf das Ende), aber auch kein "Spielen ist was für weltfremde Nerds"-Artikel. Leider sind die Reaktionen im wahren Leben anders. Gerade als Frau bin ich da noch immer eine Exotin, wenn ich sage, dass ich Ultima Online (wobei es da schon viele Frauen gibt, aber in meinem Umfeld im wahren Leben eben nicht) und Assassins Creed (die Assassinen sind auch lecker anzusehen *g* der "Lara Croft"-Effekt für Frauen) spiele.

    4 Leserempfehlungen
    • Gerry10
    • 08. Dezember 2012 12:59 Uhr

    ...deshalb begibt sich der "gealterte" Gamer - vorallem der PC Spieler - auf Kickstarter und sorgt dafür das das Spiel das er/sie spielen will auch gemacht wird, ganz ohne Massenmarkt, vorbei an großen Publishers und kundenorientierten Zielgruppen.
    Die Zukunft sieht mMn jedenfalls gut aus...

    Eine Leserempfehlung
    • gee81
    • 08. Dezember 2012 13:03 Uhr

    Peinlich. Waehrend in den USA, Korea und Japan Billionen verdient werden mit Computerspielen, hinkt Deutschland wieder einmal sowas von Hinterher. Wir haben kein Hollywood hier, kaum gute Spieleentwickler, keine Firmen wie Google, Facebook, Amazon, Apple oder Samsung. Tja. Anschluss verpasst. Wird lustig wen in 20 Jahren jugendliche Deutsche nach China auswandern muessen um dort Klos zum Niedrigstlohn zu putzen, waehrend die chinesischen Jugendlichen Apps und Games programmieren und sich dumm und daemmlich verdienen werden. Tja, Spiele sind ja nur was Kinder, gell. Doch wer schreibt die Story_ Wer komponiert die Musik, wer programmiert_wer macht das Marketing... Tausende Jobs, die wir hier nicht haben, schade,schade, schade Deutschland, du bist sowas von out.

    4 Leserempfehlungen
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    wie bei comics, wo zwar über einige serien wissenschaftliche secundärliteratur vorliegt, die aber immernoch neben den bilderbüchern in der kinderabteilung stehen
    oder der phantastischen literatur, ob fantasie oder sf, sie landen unter "jugendbücher", versteckt hinter den arztromanen
    man kann die hiesige kultur mögen oder nicht
    aber den letzten schuss hatt sie vor 200 jahren gehört
    seitdem scheint sie taub

    Mit Games, Musik und Kinofilmen, also Produkten des tertiären Sektors kann man aber keine große Volkswirtschaft dauerhaft führen, dafür braucht man dann doch Dinge wie Maschinenbau und auch die viel geschmähte Landwirtschaft. Insofern sehe ich keine Gefahr, dass die Deutschen bald bei den Chinesen die Klos putzen. ;)

    Und zur Leistungsdebatte:

    "Der bittere Beigeschmack ist nur, dass Perfektibilität kein Wert an sich ist und für alles Mögliche eingespannt werden kann. So erinnert das Computerspiel, indem es Leistung überprüfbar macht, auf verstörende Weise an die Imperative der Arbeitswelt. "

    Das ist in der Tat in manchen Games leider der Fall. World of warcraft fällt mir hier ein. Da arbeiten die Spieler mit Tools, die z.B. explizit anzeigen, wiviel Schaden jeder Spieler am Gegner macht. Ist der Wert bei einem Spieler ein wenig zu niedrig, wird der Spieler aus der Gruppe entfernt. So schaffen sich die Pr0s Exklusivität. Das ist bei kleineren MMOs wie TOR online zum Glück nicht so ausgeprägt, da zählt tatsächlich das soziale Miteinander noch mehr.

    • Legatus
    • 08. Dezember 2012 18:35 Uhr

    Dafür haben wir hier in Deutschland noch echte Industrie.

  3. Man muss schon sehr weit zurückgehen, um Spiele zu finden, die einzig gemacht worden sind, weil die Macher voll und ganz dahinter stehen, egal, ob es nun Geld bringt oder nicht. Gerade die Story bei Baldurs Gate empfand ich als zu schlicht und langweilig. Es war eine interessante Welt, aber der liegt auch ein Tischrollenspiel zugrunde und wurde nicht extra fürs Spiel entworfen. Auch heute gibt es noch reichlich Spiele, die viel Geschichte und vor allem Möglichkeiten bieten.

    Eine Leserempfehlung
  4. war Spielen (für mich) eine der Kernanwendungen des PC.
    Und so ist es immer noch.

    Gruß
    S_R

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