Kulturgut GamesBallern ist nicht alles
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Die Spiele trainieren für die Arbeitswelt

Wer aber mit der Interaktivität des Computerspiels sozialisiert wird (oder bereits wurde, wie das etwa bei einem Großteil der Piratenpartei-Klientel der Fall ist); wer gelernt hat, sich an jeder Ecke selbst zu entscheiden, ob er nach links oder rechts abbiegt: Wird der nicht Formen der direkten Demokratie und Bürgerbeteiligung dem repräsentativen Modell vorziehen? Das ist einerseits eine Chance – kann aber andererseits in ein kybernetisches Politikverständnis einmünden. Der für die Politik konstitutive Streit würde dann durch einen neuen Pragmatismus oder, besser, Programmatismus ersetzt: Die Politmaschinerie läuft, wenn wir sie richtig programmieren und alle zur rechten Zeit auf die rechten Knöpfe drücken! Für Fundamentalopposition ist in einem solchen System kein Raum, für Gleichschaltungsfantasien dafür umso mehr.

Unabsehbar ist auch, wie sich die Testvorrichtung des Computerspiels auf den Alltag auswirkt. Der Test, dem uns das Spiel unterwirft, ist eine Kontrollinstanz. Und die Antwort, die wir auf unsere Versuche im Spiel bekommen, lautet meist: »Das kannst du besser. Versuch’s noch mal.« Das Medium des Computerspiels predigt Perfektibilität. Es vermittelt dem Spieler den Glauben, dass er erreichen kann, was er will, wenn er nur will. Dem Fernsehen konnte man diese Motivierungstendenz nicht nachsagen.

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Die Imperative der Arbeitswelt

Der bittere Beigeschmack ist nur, dass Perfektibilität kein Wert an sich ist und für alles Mögliche eingespannt werden kann. So erinnert das Computerspiel, indem es Leistung überprüfbar macht, auf verstörende Weise an die Imperative der Arbeitswelt. An das wissenschaftliche Management von Frederick Taylor, der die Zeit individueller, verantwortungsvoller Taten in die Geschichte verwies; der die Individualität in Form persönlicher Leistungskoeffizienten pries. Den Albtraum der Kontrollgesellschaft: Das Medium des Computerspiels könnte ihn spielend verwirklichen.

Ernst Jünger schrieb: »Es ist der Sinn des Verkehrs, dass man überfahren wird.« So weit müssen wir nicht gehen. Aber wir sollten uns schon fragen, zu welchem Unfall das Computerspiel führen kann. Dass es einen geben wird, auf die eine oder andere Weise, ist gewiss. Medien sind nun mal Pharmaka: Gabe und Gift. Medien sind Mittel. Mit Risiken und Nebenwirkungen. Mit dem Nachteil, dass die Packungsbeilage zur Zeit ihrer Einführung noch nicht geschrieben ist und es weit und breit keinen Apotheker gibt, an den man sich wenden kann.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Leserkommentare
  1. Nach so vielen Jahren des Hasses und Spottes. Es soll zwar keine Pflicht sein, Computerspiele zu spielen, man verpasst aber etwas. Meine Lieblingsserie vom Erzählerischen her: Mass Effect. Reicht an jeden großen Kinofilm heran!

    Eine Leserempfehlung
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    • lxththf
    • 08. Dezember 2012 12:48 Uhr

    KotoR. Ich finde jedoch, dass der Artikel ab einem gewissen ein wenig zu viel in Spiele interpretiert. Die Vielfalt der Zockermöglichkeiten wurden genannt, aber man darf eine Sache wirklich nicht übersehen. Am Ende ist es eine Industrie, die darauf abzielt, möglichst viele anzusprechen und das wird deutlich bei vielen Spielen, die ein hohes Potenzial hatten und unfertig auf den Markt geworfen wurden. Eine weitere Schattenseite dieser Industrie sind Exklusivtitel und andere Arten der Abzocke.
    Und ob Games tatsächlich die Demokratie revolutionieren, sei auch einfach dahingestellt.

    • JD
    • 08. Dezember 2012 13:58 Uhr

    Da muss ich beipflichten. Was Story Telling und die Erschaffung eines eigenen Universums voller Charaktere und Handlungsstränge angeht ist Mass Effect das meiner Meinung nach beste Spiel der neueren Zeit. Es spielt sich so wie sich ein unglaublich fesselndes Buch liest und lässt einen keine Sekunde aus seinen Bann!

    Was Spiele der "Vergangenheit" angeht, kann ich was komplexe Geschichte und vielschichtige Charaktere angeht ausnahmslos "Baldurs Gate I und II" empfehlen. Meiner Ansicht nach, reicht kein Spiel seit 2001 an die unglaubliche Detailtiefe, liebevolle Ausgestaltung der Welt und der Geschichte dieser Reihe heran!

    BTW. schöner Artikel!

    • Mosurft
    • 09. Dezember 2012 13:17 Uhr

    Mass Effect hat in meinen Augen so ziemlich die packendste Geschichte der Spielewelt erschaffen. Ich habe es mit jedem einzelnen Charakter, der möglich war, nacheinander gespielt.

    Nur noch Perlen wie KOTOR oder die Deus Ex Reihe können diesem das Wasser reichen.

  2. Kein "Hurra, wir spielen"-Artikel (bezogen auf das Ende), aber auch kein "Spielen ist was für weltfremde Nerds"-Artikel. Leider sind die Reaktionen im wahren Leben anders. Gerade als Frau bin ich da noch immer eine Exotin, wenn ich sage, dass ich Ultima Online (wobei es da schon viele Frauen gibt, aber in meinem Umfeld im wahren Leben eben nicht) und Assassins Creed (die Assassinen sind auch lecker anzusehen *g* der "Lara Croft"-Effekt für Frauen) spiele.

    • Gerry10
    • 08. Dezember 2012 12:59 Uhr

    ...deshalb begibt sich der "gealterte" Gamer - vorallem der PC Spieler - auf Kickstarter und sorgt dafür das das Spiel das er/sie spielen will auch gemacht wird, ganz ohne Massenmarkt, vorbei an großen Publishers und kundenorientierten Zielgruppen.
    Die Zukunft sieht mMn jedenfalls gut aus...

    • gee81
    • 08. Dezember 2012 13:03 Uhr

    Peinlich. Waehrend in den USA, Korea und Japan Billionen verdient werden mit Computerspielen, hinkt Deutschland wieder einmal sowas von Hinterher. Wir haben kein Hollywood hier, kaum gute Spieleentwickler, keine Firmen wie Google, Facebook, Amazon, Apple oder Samsung. Tja. Anschluss verpasst. Wird lustig wen in 20 Jahren jugendliche Deutsche nach China auswandern muessen um dort Klos zum Niedrigstlohn zu putzen, waehrend die chinesischen Jugendlichen Apps und Games programmieren und sich dumm und daemmlich verdienen werden. Tja, Spiele sind ja nur was Kinder, gell. Doch wer schreibt die Story_ Wer komponiert die Musik, wer programmiert_wer macht das Marketing... Tausende Jobs, die wir hier nicht haben, schade,schade, schade Deutschland, du bist sowas von out.

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    wie bei comics, wo zwar über einige serien wissenschaftliche secundärliteratur vorliegt, die aber immernoch neben den bilderbüchern in der kinderabteilung stehen
    oder der phantastischen literatur, ob fantasie oder sf, sie landen unter "jugendbücher", versteckt hinter den arztromanen
    man kann die hiesige kultur mögen oder nicht
    aber den letzten schuss hatt sie vor 200 jahren gehört
    seitdem scheint sie taub

    Mit Games, Musik und Kinofilmen, also Produkten des tertiären Sektors kann man aber keine große Volkswirtschaft dauerhaft führen, dafür braucht man dann doch Dinge wie Maschinenbau und auch die viel geschmähte Landwirtschaft. Insofern sehe ich keine Gefahr, dass die Deutschen bald bei den Chinesen die Klos putzen. ;)

    Und zur Leistungsdebatte:

    "Der bittere Beigeschmack ist nur, dass Perfektibilität kein Wert an sich ist und für alles Mögliche eingespannt werden kann. So erinnert das Computerspiel, indem es Leistung überprüfbar macht, auf verstörende Weise an die Imperative der Arbeitswelt. "

    Das ist in der Tat in manchen Games leider der Fall. World of warcraft fällt mir hier ein. Da arbeiten die Spieler mit Tools, die z.B. explizit anzeigen, wiviel Schaden jeder Spieler am Gegner macht. Ist der Wert bei einem Spieler ein wenig zu niedrig, wird der Spieler aus der Gruppe entfernt. So schaffen sich die Pr0s Exklusivität. Das ist bei kleineren MMOs wie TOR online zum Glück nicht so ausgeprägt, da zählt tatsächlich das soziale Miteinander noch mehr.

    • Legatus
    • 08. Dezember 2012 18:35 Uhr

    Dafür haben wir hier in Deutschland noch echte Industrie.

  3. Man muss schon sehr weit zurückgehen, um Spiele zu finden, die einzig gemacht worden sind, weil die Macher voll und ganz dahinter stehen, egal, ob es nun Geld bringt oder nicht. Gerade die Story bei Baldurs Gate empfand ich als zu schlicht und langweilig. Es war eine interessante Welt, aber der liegt auch ein Tischrollenspiel zugrunde und wurde nicht extra fürs Spiel entworfen. Auch heute gibt es noch reichlich Spiele, die viel Geschichte und vor allem Möglichkeiten bieten.

  4. war Spielen (für mich) eine der Kernanwendungen des PC.
    Und so ist es immer noch.

    Gruß
    S_R

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  • Schlagworte Computerspiel | Medien | Science Fiction | Fantasy
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