Auf nackter Erde liegen die Kinder, nicht geboren und nicht begraben. Sie haben die Hände über die Augen geschoben, die Fingernägel dünn wie Seidenpapier. Ihre Beine haben sie angezogen, die Knie bis zum Bauch. Durch die Wipfel der Birken fällt die Sonne auf sie. Die Kleineren liegen zwischen den Größeren, ihre Körper ineinander verhakt.

Es ist der 23. Juli 2012, früher Morgen, Provinz Swerdlowsk in Zentralrussland, 1.400 Kilometer östlich von Moskau. An diesem Tag fahren zwei junge Männer auf Mofas an einer Lichtung vorbei. Sie waren im Wald beim Fischen, was hier verboten ist. Als sie unter den Bäumen vier blaue Plastikfässer sehen, öffnen sie eines, um es mit den gefangenen Hechten zu füllen. So finden sie die ungeborenen Kinder.

Im Dorf Lowiha, sieben Kilometer entfernt, trauen sich die Männer nicht, von ihrer Entdeckung zu erzählen. Ihre engsten Freunde beugen sich über die Bilder auf ihren Handykameras. Sie sind einiges gewohnt in Lowiha, aber so etwas haben sie noch nicht gesehen. Sie vermuten ein Verbrechen. »Wir dachten, da hat jemand Säuglinge umgebracht«, wird der 20-jährige Sergej Tweretinow, dem sie die Bilder zeigen, später sagen. Die Freunde zögern. Jeder hat seine Gründe, die Polizei zu meiden. Tweretinow versteckt sich im Dorf vor dem Militärdienst. Doch er ist es dann, der einen Tag später die Behörden in der Kreisstadt Newjansk anruft. Russland hat einen neuen Skandal, einen der merkwürdigsten seiner jüngeren Geschichte.

248 Föten zählen die Forensiker der Kriminalpolizei in den nächsten Stunden auf der Waldlichtung. Männer in Uniform streifen Gummihandschuhe über, legen Pappkartons mit weißem Papier aus. Schnell stellt sich heraus, dass die meisten Föten nach der zwölften Schwangerschaftswoche abgetrieben wurden. Das ist in Russland die Grenze für legale Abtreibungen. Die mit den Föten gefüllten Kartons stapeln die Polizisten am Wegesrand, bereit für den Abtransport.

Aus dem ganzen Land eilen Journalisten und Kamerateams nach Lowiha. Erst kommen sie aus der Provinzhauptstadt Jekaterinburg, dann auch aus Moskau. In der Duma, dem russischen Parlament, debattieren die Abgeordneten über den schrecklichen Fund im Birkenwald. Der Patriarch der orthodoxen Kirche beklagt die »Degenerierung der Gesellschaft«. Die Nachricht aus dem kleinen Dorf trifft die große Nation an einem empfindlichen Punkt.

Der Ermittler, der Erklärungen für das Grauen finden soll, ist der Major Rustam Zinurow Goljamdurowitsch, ein 41-jähriger erfahrener Polizeikommissar mit Kastenbrille und kantigen Schultern. Goljamdurowitsch war als Polizist in Tschetschenien, er hat in den neunziger Jahren gegen die russische Mafia ermittelt. Jetzt sitzt er in Newjansk hinter seinem Schreibtisch und schüttelt erschöpft den Kopf. Der Sommer geht zu Ende, der Fund der Föten liegt mehr als zwei Monate zurück. Noch immer weiß die Polizei nicht, woher die toten Kinder kommen. Die Staatsanwaltschaft hat Goljamdurowitsch öffentlich gemaßregelt. »Sie sind unzufrieden mit dem Tempo der Ermittlungen«, sagt er.

Die Suche des Majors ist nichts Geringeres als der Versuch, Russland seine Selbstachtung wiederzugeben. Die Polizei soll den Menschen den Ekel vor sich selbst nehmen. Goljamdurowitsch ahnt, wie unmöglich diese Aufgabe ist. Vor ihm liegt die Akte des Ermittlungsverfahrens mit der Nummer 122038350. Er sagt: »Ich weiß mir nicht mehr zu helfen.«