Cliffs of DoverHeimat mit Fallhöhe

Die Kreidefelsen von Dover sind den Briten lieb – und teuer. Dafür spenden sie gern. Aber was genau bedeutet ihnen dieses Stück Natur? Zwei Wanderungen entlang der Steilküste. von Bernadette Conrad

Die White Cliffs

Die White Cliffs sind Englands imposanter Vorposten. Hier kommt die Insel dem europäischen Festland am nächsten: Nur 33 Kilometer sind es bis nach Frankreich.  |  © Andrea Artz für DIE ZEIT

Lichter flackern drüben an der Küste. Nacht fällt über Südengland. Selbst die härtesten Raucher lassen nach ein paar hastigen Zügen die Eisentür zum Außendeck wieder hinter sich zufallen. Recht haben sie. Lieber presst man drinnen, im Barraum der Fähre von Calais nach Dover, das Gesicht an die Scheibe, um das schwache Leuchten zu erkennen: den weißen Vorhang zwischen Himmel und Meer, die Kreidefelsen von Dover.

Der Schiffssteward Norman grinst, während er herumliegende Zeitungen und Becher einsammelt. »Ich hab nie ganz kapiert, warum ausgerechnet die Cliffs of Dover so berühmt sind«, sagt er, der seit 16 Jahren die Strecke fährt, und zuckt mit den Schultern. »Es gibt hier ja noch ein paar mehr Kreidefelsen, an der Südostküste.«

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Dann geht man in Dover an Land, durch schweren, feuchten Nebel, kein Mensch auf der Straße, nur aus einem Pub dringt Licht.

Aber am nächsten Morgen steht man unter strahlendem Himmel, hundert Meter überm Meer, und schaut nach Westen, wo sich die schroffen weißen Felsen über viele Kilometer hintereinanderschichten. Unten liegt spiegelglatt das Meer, oben wellt sich das Land zu grünen Hügeln, und es fällt schwer, nicht sämtliche Klischees auf einmal zu bemühen: weite, erhabene Landschaft! Frei wie ein Vogel! Unberührte Natur! Ob der Schiffssteward schon mal hier stand, mit Blick auf die schmalste Stelle der Meeresstraße zwischen England und dem Kontinent?

Vielleicht fand er den Blick sogar umwerfend, dachte aber: »So what?« Man kann ja auch einfach nur schauen. Ohne daran zu denken, welchen Einfluss die Felsen auf Geschick und Geschichte hatten: Nach außen dienten sie als Festungswall gegen feindliche Mächte auf See – schon Cäsar machte lieber einen Bogen um sie und landete weiter nördlich. Für Heimkehrer waren die Felsen das Erste, was weit übers Meer zu sehen war. Und so schimmerten die White Cliffs of Dover, viel besungen und beschrieben, durch die Jahrhunderte, als Trutzburg und Heimathafen, Abwehr und Schutz, und wurden zum Wahrzeichen der Nation.

Doch ist er heute noch von Bedeutung, Englands imposanter Vorposten? »Die cliffs sind uns Briten lieb und teuer«, sagt Gareth Wiltshire beim Spaziergang über den Felsen. Der junge Mann aus Dover arbeitet für den National Trust, die größte Natur- und Kulturschutzorganisation in Europa. Als diese im Jahr 1968 begann, neben Schlössern und Landsitzen auch Küstenstreifen aufzukaufen, um sie vor Bebauung und Ausbeutung zu bewahren, standen die Kreidefelsen ganz oben auf der Wunschliste. »Ein Puzzlestück nach dem anderen« habe der Trust über die Jahre erworben, sagt Gareth Wiltshire. Bis der Organisation acht Kilometer zu beiden Seiten von Dover gehörten. Nur ein Stück von 1,3 Kilometer Länge war noch Privateigentum. Erst in diesem Jahr stand es zum Verkauf. Im Sommer startete der Trust einen groß angelegten Spendenaufruf; 1,2 Millionen Pfund sollten bis Ende des Jahres zusammenkommen, um den »Missing Link« zu kaufen. Prominente wie Judi Dench und Vera Lynn beteiligten sich an der Kampagne; der in England beliebte Philosoph Julian Baggini ergründete als writer-in-residence eine Woche lang die Bedeutung der cliffs. Gareth Wiltshire lächelt vor sich hin. Er hat nie am Erfolg der Aktion gezweifelt. Und freut sich wie ein Kind, dass das Geld volle sieben Wochen vor Fristende schon da war. Nein, gegeizt haben die Briten nicht.

Am Strand türmt sich ein großer Haufen frisch abgestürzter Felsen

Grund für die Freigebigkeit war nicht nur die Liebe zur Natur. »Bei vielen älteren Leuten wecken die cliffs auch patriotische Gefühle. Das hat noch mit dem Krieg zu tun«, sagt Wiltshire und weist nach Frankreich hinüber. »Europa. Nur 33 Kilometer von hier!« Vier Jahre lang, von 1940 bis 1944, war Dover unter Bombenbeschuss: eine hellfire corner, die Luftangriffen und Granaten aus dem besetzten Frankreich erbarmungslos ausgesetzt war. Einmal mehr wurde die Stelle der Britischen Inseln, die dem Festland am nächsten liegt, von Feinden angegriffen – mit noch nie da gewesener Zerstörungskraft. Einmal mehr wurde England von Dover aus verteidigt. Und während die Bomben explodierten, sang Vera Lynn im Radio von den Bluebirds over / the White Cliffs of Dover, ein Idyll beschwörend, von dem die Stadt nie weiter entfernt gewesen war als in diesem Moment.

Leserkommentare
  1. ... für diese wundervolle Hommage an die White Cliffs ...

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