DrohnenpilotenDie Qualen der Schreibtischtöter

Traumatisierte Kämpfer, die nie ein Schlachtfeld betreten haben – was der Drohnenkrieg mit den Soldaten macht. von 

Pilotensitz einer MQ-9 Predator B

Pilotenstand einer Predator-Drohne während der Wartung durch einen Techniker  |  © Jeff Topping

Nachts wachte er schweißgebadet auf. Wie aus heiterem Himmel überfiel ihn manchmal das große Zittern. Bisweilen kam er nicht aus dem Stuhl hoch, als sei er plötzlich gelähmt. Die Ärzte zapften ihm Blut ab und steckten ihn in die Röhre, aber sie konnten nichts finden. Auch der Psychologe wusste zunächst keinen Rat. Das Leben des Soldaten war geordnet, die Ehe glücklich, die Kinder gesund. Jeden Morgen fuhr er zu einer nahe gelegenen Luftwaffenbasis im Südwesten der Vereinigten Staaten, tat acht bis zehn Stunden Dienst und fuhr danach wieder nach Hause.

Doch plötzlich machte es bei den Militärärzten klick, ihr Patient schien an einer Krankheit zu leiden, die sie bei ihm nicht für möglich gehalten hatten. Die Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS genannt. Diese in ihren vielen Verästelungen noch recht unerforschte Krankheit trifft in erster Linie Soldaten, die Schreckliches erlebt haben, die im Irak und in Afghanistan kämpfen, um ihr Leben fürchten mussten und das Erlebte nicht verarbeiten konnten. Der Patient aber wies dieselben Symptome auf, dieselben körperlichen und psychischen Störungen, die üblicherweise als Folge eines traumatischen Erlebnisses auftreten.

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Doch dieser Soldat? Wie konnte das sein? Tausende von Kilometern entfernt von jeder Bombenexplosion und jedem Schusswechsel, saß er völlig ungefährdet vor einem Bildschirm und betätigte irgendwelche Knöpfe und Tasten. Er war ein Drohnenpilot, einer von jenen vielen Hundert, die aus sicherer Distanz Krieg am Computer führen. Die mithilfe eines ausgeklügelten Softwareprogramms unbemannte Flugkörper bis in den letzten Winkel der Welt lenken, um islamistische Terroristen aufzuspüren und mit einer mitgeführten Rakete zu töten.

Fernab jedes Kampfgetümmels und jeder Gefahr schien diese neue Generation von Piloten gegen PTBS gefeit. Doch diese Annahme erweist sich als falsch. Eine wachsende Zahl von Drohnenpiloten zeigt ähnliche Ausfallerscheinungen wie Schlachtfeldsoldaten. Peter Singer, Wissenschaftler an der Denkfabrik Brookings, Autor des Bestsellers Wired for War und einer der besten Militärexperten Amerikas, hat sie vor einiger Zeit öffentlich gemacht. Singer sprach mit Hunderten von Drohnenpiloten und Fachleuten. »Der rasante technologische Fortschritt«, bilanziert er, »die wachsende Autonomie der Waffensysteme, die immer öfter Kriegführung aus großer Distanz und ohne eigene Verluste ermöglichen, verdecken die seelischen Qualen.« An irgendeinem Punkt im Computerkrieg kämen immer auch Menschen ins Spiel – und die seien eben keine gefühllosen Roboter.

Im vergangenen Jahr wurden zum ersten Mal mehr Drohnen- als Kampfpiloten ausgebildet. Und inzwischen weiß man, dass auch Erstere unter PTBS leiden können. Die Ursachen dafür sind sehr unterschiedlich. Einige verkraften es nicht, von Kameraden als »Weichlinge« verspottet zu werden, die sich im Krieg nicht dreckig machen wollten. Die eigentlich gar keine richtigen Soldaten seien und darum auch keine Heldengeschichten erzählen könnten. Unvergessen ist die Protestlawine von Angehörigen der Luftwaffe, als ihre Führung vor einiger Zeit erstmals entschied, einem Drohnenpiloten eine Tapferkeitsmedaille zu verleihen.

Typischer ist der Drohnenpilot, der es auf Dauer nicht erträgt, das Kampfgeschehen aus großer Ferne zu lenken und Leben auszulöschen, ohne je physisch dabei zu sein. Ohne den Gegner wirklich vor sich zu haben. Andere zerbrechen an dem Widerspruch, morgens und abends fürsorgliche Väter und Ehemänner zu sein und in den Stunden dazwischen eiskalte Kriegssoldaten. Nachmittags um vier per Knopfdruck eine todbringende Rakete abzufeuern und dann womöglich nur drei Stunden später den Kindern eine Gutenachtgeschichte vorzulesen – diesen extremen Wechsel zwischen zwei Welten können manche offenbar ebenso schlecht verdauen wie Einsatzsoldaten Dauerstress.

Bei Kampfsoldaten weiß man inzwischen: Sie brauchen zwischen Krieg und Heimkehr eine Pause und werden darum heute meist zwei Wochen lang psychologisch auf diesen krassen Wechsel eingestimmt. »Decompressing time« wird das genannt, eine Phase, um sich zu entspannen und Druck abzubauen. Dass auch Drohnenpiloten eine solche Auszeit brauchen, muss das Militär erst lernen.

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Leserkommentare
  1. Ich vermute, dass der Moralphilosoph Peter Singer nicht plötzlich unter die Militärexperten gegangen ist, wie der Hyperlink suggeriert.

    Beste Grüße

    Cellular Automaton

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    • zipit
    • 16. Dezember 2012 15:29 Uhr

    ja, es soll wohl offensichtlich peter w. singer heissen. abseits dessen - wer das töten zum handwerk macht, bekommt über kurz oder lang probleme mit seinem gewissen, solange man kein lupenreiner soziopath ist.

    das ist doch klar wie klossbrühe, wie es so schön heisst. dafür braucht man weder experten, noch zeitungsartikel. alles andere wäre wohl auch das endgültige aus für die menscheit.

  2. hält sich in Grenzen. Wenn sie so sehr darunter leiden, Menschen per Knopfdruck zu ermorden, dann sollen sie sich halt weigern.

    Jedenfalls lese ich in den letzten Wochen in diversen Zeitungen Artikel über die ach so armen Drohnenpiloten, aber keinen einzigen über deren Opfer (und die allzu häufigen "Kollateralschäden").

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    lese andauernd Artikel über die Kollateralschäden von Drohnenangriffen.

    die dabei hingerichtet wurden.

    Hat da der deutsche Staatsapparat - wie damals spontan versprochen und mit Ermittlungen seit Juli 2012 ( http://www.spiegel.de/politik/deutschland/toter-deutscher-bundesanwalt-e... ) - bereits etwas erreicht?

    • Nibbla
    • 16. Dezember 2012 17:52 Uhr

    wär die Welt viel einfacher...

    zB.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Milgram-Experiment

    • zipit
    • 16. Dezember 2012 15:29 Uhr

    ja, es soll wohl offensichtlich peter w. singer heissen. abseits dessen - wer das töten zum handwerk macht, bekommt über kurz oder lang probleme mit seinem gewissen, solange man kein lupenreiner soziopath ist.

    das ist doch klar wie klossbrühe, wie es so schön heisst. dafür braucht man weder experten, noch zeitungsartikel. alles andere wäre wohl auch das endgültige aus für die menscheit.

    Antwort auf "Peter Singer"
  3. Ja, das ist wohl eher unwahrscheinlich, zumal dieser meines Wissens immer noch Australier ist. Trotzdem erscheint dieser (Un-)Moralphilosoph im Themengebiet "Krieg" grundsätzlich richtig.

    Zum Thema:
    Mich beruhigt es, dass auch Dronenpiloten unter PTBS leiden können. Fiele jeglicher Schrecken des Krieges weg, befürchte ich einen endgültigen Dammbruch, sodass das Töten von Menschen als gleichwertige Option zu der des Verhandelns anerkannt wird. Dass Menschen einen Krieg beschließen, welche nicht daran teilnehmen müssen (Politiker), halte ich schon für extrem schwierig.

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    " Dass Menschen einen Krieg beschließen, welche nicht daran teilnehmen müssen (Politiker), halte ich schon für extrem schwierig."

    Ich bin ganz klar dafür dass jeder Politiker der für einen Einsatz stimmt immer (und zwar sofort!) für die Dauer des Krieges an vorderster Front (frontline Infantrie oder dowas) kämpfen muss. Dies stellt sicher dass er nur dafür ist wenn es wirklich nicht anders geht, Krieg als Ultima Ratio und nicht nur "einfach so".

  4. Wer Schuld und Sühne gelesen hat, weiß, dass wer einen anderen ermordet, sich selbst ermordet. Im Akt des Mordens zerstört der Mörder das Gute in sich,das, was das Leben lebenswert macht und ihm Sinn gibt.

    Eine Leserempfehlung
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    • 2b
    • 16. Dezember 2012 16:24 Uhr

    aus afghanischer Produktion?

    "der Westen feuert auf das Spiegelbild"

    • puter
    • 16. Dezember 2012 15:41 Uhr

    Ein normaler Mensch, der nicht völlig gewissenlos, abgestumpft und moralisch verkommen ist, wird auch als Soldat, der eine ferngesteuerte Drohne auf menschliche Ziele abfeuert, damit Menschen tötet und verstümmelt, psychisch / seelisch schwer belastet und traumatisiert.
    Das gilt besonders dann, wenn er erfährt, dass viele Unbeteiligte/Unschuldige/Kinder/Frauen durch sein Tun zu Tode kommen, wie es in Afghanistan bei ca.90 Prozent der Drohneneinsätze mit über 3 000 Opfern in diesem Jahr der Fall ist.
    Es sollte auch nicht vergessen werden, dass sich unter "Friedensnobelpreisträger" Obama der oft fragwürdige Einsatz von Drohnen vervielfacht hat, leider!

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    "Das gilt besonders dann, wenn er erfährt, dass viele Unbeteiligte/Unschuldige/Kinder/Frauen durch sein Tun zu Tode kommen,"
    ----------------------------
    Soll man jetzt Mitleid bekommen? Was glaubt der denn vorher? Dass er Counterstrike spielt? Ein Soldat, der sich wundert, dass Unschuldige sterben? Wenn das nicht so traurig wäre, würde ich jetzt lachen. Wer einen solchen Beruf ergreift, arrangiert sich bereits bei der Berufswahl damit, unschuldige zu töten. Jeder Mensch weiß, dass es keinen "sauberen Krieg" gibt.
    Wer meint, als Soldat psychisch oder seelisch belastet zu werden sollte den Beruf wechseln.

    Die Kriegstreiber haben offensichtlich die Hoffnung, daß durch den Drohneneinsatz, gepaart mit embedded Journalism Blut und Schrecken ausgeblendet werden können.
    Aber wie man sieht: Das Trauma der Mörder kommt anders, aber etwas später mit Sicherheit. Und die Getroffenen sterben ebenso schrecklich und jämmerlich, wie ohne Fernsteuerung.
    Die Entscheider, die so etwas konzipieren, beauftragen, befehlen müssen schon perverse Typen sein - denen normale Menschen keinerlei Verständnis entgegenbringen dürfen.

  5. Da kann irgendwo auf der Welt jemand sitzen und "Krieg" spielen.
    Üben durfte er vorher sicher mit dem Flugrobotoer "Zephyr", der als Spielzeug für Weihnachten angeboten wird (1,5m Spannweite, 90km Reichweite und über 5km Höhe).

    Meine Befürchtung ist allerdings, dass die Hemmschwelle dafür, anderen Schaden zuzufügen, immer weiter absinkt. Auch im militärischen Bereich wird das der Fall sein.

  6. lese andauernd Artikel über die Kollateralschäden von Drohnenangriffen.

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    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

    wohl bessere Zeitungen, als ich... ;)

    wohl bessere Zeitungen, als ich... ;)

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  • Schlagworte Trauma | Drohne | Soldat | USA
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