Strom : Unter Wechselstrom

Viele Haushalte suchen sich einen neuen Stromanbieter. Doch nicht jedes billige Angebot ist günstig.

Die Nachricht erreichte Millionen Haushalte in Deutschland kurz vor der Adventszeit: Strom wird im nächsten Jahr deutlich teurer. Kostet die Kilowattstunde heute im Schnitt 26 Cent, werden es ab Januar 2013 rund 3,3 Cent mehr sein – ein Plus von 13 Prozent. Schuld daran sind die gestiegene EEG-Umlage zur Förderung der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien und steigende Gebühren für die Nutzung der Stromnetze. Eine dreiköpfige Familie mit einem mittleren Verbrauch von 3.500 Kilowattstunden zahlt künftig bis zu 150 Euro mehr. Es sei denn, sie wechselt den Stromanbieter.

Das aber tun immer noch wenige, wie aus dem Monitoringbericht über die Entwicklung der Elektrizitäts- und Gasmärkte von Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt hervorgeht. Demnach haben zwar schon viele Firmen ihren Anbieter – meistens ein Stadtwerk – gewechselt. Auch immer mehr Privatkunden wechseln, doch vier von fünf Haushalten beziehen ihre Kilowattstunden noch immer vom teuren Grundversorger. Die Hälfte aller Haushalte ist sogar noch im gleichen Tarif wie 1998, als die Liberalisierung des Strommarktes begann. Der Verbleib beim angestammten Stromlieferanten ist zwar bequem, aber auch unnötig kostspielig – zumal vielerorts mehr als 50 alternative Stromanbieter ihre Dienste offerieren.

Wer beim Wechsel böse Überraschungen vermeiden will, sollte jedoch auf das Kleingedruckte achten. Für Schlagzeilen und Ärger sorgte vor einem Jahr der Fall Teldafax: 750.000 Verbraucher wurden über Nacht zu Gläubigern, als der bis dahin größte unabhängige Stromversorger pleiteging. Schadenssumme: mehrere Hundert Millionen Euro. Mit Dumpingpreisen gegen Vorkasse hatte das Unternehmen seine rasante Expansion finanziert. Als das Wachstum nachließ, brach das Schneeballsystem zusammen. Für die Kunden war das doppelt bitter: Das bereits gezahlte Geld war weg, der Strom auch, und so mussten sie bei neuen Anbietern noch einmal zahlen.

Inzwischen steht ein anderer Discounter am Pranger: Der 2003 gegründete Berliner Energielieferant Flexstrom – derzeit mit mehr als 500.000 Kunden einer der führenden unabhängigen Stromanbieter. Verbraucherschützer warnen bei den deutschlandweit mehr als 60.000 unterschiedlichen Tarifen vor den Details. »Grundsätzlich raten wir von Vorauskasse-Tarifen, Paketpreisen und Kautionszahlungen ab«, sagt Thorsten Kasper, Energieexperte bei der Verbraucherzentrale Bundesverband. Bonusversprechen und Preisgarantien seien zudem genau zu überprüfen.

In der Vergangenheit unterschrieben viele Flexstrom-Kunden Verträge, die ihnen nach einem Jahr eine Bonuszahlung zusicherten. Doch wer dann kündigte, sah von dem Geld oft nichts. Mit einer Klausel in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen versuchte das Unternehmen, die entsprechende Zahlung zu umgehen. Von »versuchter Bauernfängerei« spricht das Landgericht Heidelberg; man habe »schlecht kommuniziert«, sagt Flexstrom-Chef Robert Mundt.

Die Unzufriedenheit vieler Flexstrom-Kunden äußert sich auch in Beschwerden bei der Stiftung Warentest. Offenbar verlassen Neukunden den Anbieter zudem rasch – die Wechselquote sei dreimal so hoch wie bei vergleichbaren Konkurrenten, berichtet das Handelsblatt. »Unsinn kommentieren wir nicht«, heißt es dazu von Flexstrom.

Doch auch Geschäftspartner sollen schlechte Erfahrungen mit dem Unternehmen machen. Netzbetreiber wie Vattenfall haben Flexstrom laut Medienberichten inzwischen auf Vorkasse gesetzt – wegen Unregelmäßigkeiten beim Zahlungsverkehr. Dazu sagt Flexstrom-Chef Mundt: »Uns erschien die Höhe einiger Rechnungen nicht plausibel, deshalb haben wir einen Kontenabgleich beantragt. In der Zwischenzeit haben wir Abschlagszahlungen an Vattenfall geleistet.« Bei Vattenfall heißt es dazu nur: »Kein Kommentar.«

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ich hoffe,...

Sie finden einen verständnisvollen Richter!
Eine Leistung in Anspruch zu nehmen, aber nicht zu bezahlen, ist Leistungserschleichung.
Mit Unterschrift haben Sie sich mit den Regularien des Vertrags einverstanden erklärt. So etwas ist bei Volljährigen rechtlich bindend und mit entsprechenden Konsequenzen behaftet. Wenn Sie Inhalt und Konsequenzen des Vertrages nicht verstehen, sollten Sie ihn nicht unterschreiben.

Alarmierende Anzeichen

Die zuständige Aufsichtsbehörde Bundesnetzagentur muss einschreiten und zwar von Amtswegen (§ 64 EnWG). Die Anzeichen für den nächsten enormen volkswitschaftlichen Schaden nach der Insolvenz von TelDaFax sind überdeutlich. Will man auch diesmal tatenlos zusehen? Auch der Staat kann sich wegen Untätigkeit schadenersatzpflichtig gegenüber dem Bürger machen (auch durch Unterlassen einer von Gesetzeswegen gebotenen Handlung).

Zur Vertiefung:
Bunhttp://www.handelsblatt.c...

Am besten FlexStrom stellt nach tausenden Vertragsbrüchen gegenüber ihren endverbrauchenden Kunden erst mal eigenes Fehlverhalten ab, bevor andere wegen angeblichem Fehlverhalten angegriffen werden. "Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?"

Zur Vertiefung:
http://www.finanznachrich...

Es mag für den regionalen Versorger...

...auch noch andere gute Gründe geben: Man braucht ja nicht nur Strom, sondern evtl. auch noch Gas. Da gibt es dann oft günstige Kombi-Tarife. Darüberhinaus ist der regionale Versorger vielleicht beim Hallenbad, beim Nahverkehr und sonstwo aktiv. Dafür, dass diese regionale Kompetenz erhalten bleibt, kann man schon mal ein paar Euro mehr zahlen. Diese Einsparungen im Hundert-Euro-Bereich sind sowieso nicht zu erreichen, wenn man Vorkasse- und Bonustarife ausschliesst. Auch die privaten Anbieter müssen irgendwann Geld verdienen und dann ist der Preisvorteil schneller dahin als man schauen kann (oder die Kohle ist weg, weil der Anbieter insolvent ist).