Entschleunigung : Einladung zur Langsamkeit
Seite 2/2:

Sich Zeit zu lassen kann Zeit sparen

Sich Zeit zu lassen kann also enorm viel Zeit sparen. Eine ähnliche Erkenntnis macht sich bei der Deutschen Bahn breit: Statt mit Höchstgeschwindigkeit (und hoher Verspätung) fährt sie nun lieber langsamer (aber pünktlicher).

Wäre es nur so einfach, das eigene Leben abzubremsen! Zwar werden uns allerorten zeitsparende Tipps und »schnelle Entspannungstricks« offeriert, doch leider sind diese keine Therapie, sondern ein Symptom der allgemeinen Hetze. (Wer sich »schnell entspannen« muss, steckt so im Stress, dass ihm die Zeit für echte Ruhepausen fehlt.) Und in Seminaren zum Zeitmanagement lernt man vor allem, Arbeitszeit effizienter zu nutzen – nicht aber, sich Zeit zu lassen. Das hat den paradoxen Effekt, dass man noch mehr Dinge in noch kürzerer Zeit erledigt und auf lange Sicht noch gestresster ist.

Echtes Umdenken beginnt mit der Erkenntnis, dass man nicht individuell versagt, wenn einem die Zeit knapp wird. Im Gegenteil, das Leiden an der Zeitnot ist längst ein kollektives Problem, das uns alle verbindet – Angestellte wie Selbstständige, Politiker wie Manager, Unbekannte wie Prominente. Denn das Gefühl des Gehetztseins ist ein zentrales Charakteristikum unserer modernen »Beschleunigungsgesellschaft«, die durch ständig steigende Erwartungen und den Drang zum Immer-mehr und Immer-schneller gekennzeichnet ist.

Der gesellschaftliche Anspruch auf Perfektion quält heute insbesondere Frauen, die das Gefühl haben, sie müssten Beruf, Kindererziehung und Familienglück gleichzeitig optimieren. Doch nicht nur dieser Spagat zwischen altem Rollenverständnis und neuen Ansprüchen sorgt für Stress. Dazu kommt die technische Beschleunigung, die uns mit ständig schnelleren Maschinen, Computerchips und Datenleitungen beglückt, sowie der wirtschaftliche Wettlauf, der in der globalisierten Welt keinem Unternehmen eine Atempause gönnt.

Auch der Verlust an religiösen Bezügen kann zum Gefühl beitragen, keine Zeit zu haben. Wer keinen Umgang mit dem Tod und der eigenen Endlichkeit entwickelt, empfindet das Leben leicht als »letzte Gelegenheit«, wie es die Sozialwissenschaftlerin Marianne Gronemeyer formuliert. Mit anderen Worten: Man weiß zwar, dass man sterben muss, aber vorher versucht man, noch möglichst viel, unendlich viel zu erledigen.

So verlagert sich der äußere Zeitdruck nach innen und verwandelt sich in den Drang, den Terminkalender randvoll zu packen, weil man ja sonst wertvolle Zeit vertrödelt. Deshalb träumen wir einerseits von unbeschwerten Aus- oder Mußezeiten, halten es andererseits aber nur schwer aus, wenn einmal nichts zieht und drängt, wenn nichts mehr bimmelt, klingelt und uns ablenkt.

Der erste Schritt auf dem Weg zur Muße besteht daher darin, sich dieser äußeren und inneren Hindernisse bewusst zu werden. Der zweite Schritt wäre die Erkenntnis, dass innere Ruhe nichts mit der Zahl unserer Arbeits- oder Freizeitstunden zu tun hat, sondern mit einer inneren Haltung: Gelingt es, einmal ganz bei sich selbst anzukommen und wunschlos zufrieden zu sein?

Am ehesten empfinden wir dies in Momenten, in denen wir selbst über unser Tun (oder Nichtstun) bestimmen und in denen wir uns ganz einer Sache widmen können. Der eine erlebt dies vielleicht beim Angeln, die andere beim Gärtnern, der Dritte im Punkkonzert oder, warum nicht, beim kreativen Arbeiten oder im Spiel mit Kindern. Kinder sind ohnehin geborene Müßiggänger, weil sie nicht – wie wir Erwachsenen – alles nach Effizienz und Nützlichkeit beurteilen, sondern viele Dinge einfach um ihrer selbst willen tun. In der Hinsicht kann man viel von ihnen lernen.

In jedem Fall aber hilft es, Ausschau nach Gleichgesinnten zu halten. Nichts entspannt mehr als die Gegenwart entspannter Freunde; zugleich sind Verbündete unendlich wertvoll, um der allgemeinen Hetze zu widerstehen. Denn in einer Gesellschaft, die auf ständiges Wachstum und immerwährende Beschleunigung gepolt ist, muss man sich Ruheräume und Zeiten der Stille regelrecht erkämpfen (und dann, wie Rolf Dobelli, auch die Angst aushalten, etwas zu verpassen).

Mit anderen Worten: Ruhe stellt sich nicht von selbst ein, sondern bedarf der sorgsamen Pflege. Ein guter Start dafür wäre die simple Frage: Wann ist eigentlich genug?

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Verlagsangebot

Der Kult ums gesunde Essen

Nahrung soll Energie und Freude bringen. Doch immer mehr Lebensmittel werden zum Problem gemacht: Vom Salz bis zum Fleisch. Warum eigentlich? Jetzt in der neuen ZEIT.

Hier lesen

Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Ob er diesen Artikel wohl gelesen hätte

"Lieber habe er Bücher und Hintergrundartikel gelesen ..."

Diesen Artikel hätte er demnach mit ziemlicher Sicherheit nicht gelesen. Aber wer schon so weise ist, kann darauf freilich auch verzichten.

Aber jetzt mal im Ernst. Mag ja sein, dass die Nachrichtenflut häufig mal überfordernd und mal nervig ist. Es komplett aus seinem Leben streichen zu müssen um wieder "klarzukommen" ist für mich aber ein Zeichen der Schwäche. Schliesslich kann sich eigentlich jeder mit ein bisschen Selbstdisziplin dazu beordern nicht jeden Mist zu lesen.

Der Ur-Freak, Vater aller Hippies

Da gibt es noch ein Werk von ihm:
"Die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat".

Eine Analogie zur Goebbels-Steuer (GEZ) ab 1. Januar 2013.

Er hat die Zwangsabgabe (Wahlsteuer, 1 Dollar) verweigert und musste dafür ein paar Wochen in den Knast.

Ich versuche, nach seinen Grundsätzen zu leben.

Was du heut nicht kannst besorgen, das verschiebe halt mal auf übermorgen. (frei nach einem bekannten Sprichwort).

"Fahre nicht mit der Eisenbahn, sondern gehe zu Fuss". Dabei sparst du eine Menge Geld, triffst einen Haufen netter Leute, und machst gute, nützliche Geschäfte dabei.

Auch sein "Leben in den Wäldern" zeigen auf, dass dat nix is mit der Hetze heutzutage. Weniger ist mehr......

Nein, ich bin kein kiffender Alt-Freak, grins.

Reisebusfahrer....der diese Philosophie auch unterwegs recht gut umsetzen kann.

Man muss nur wollen. Nach eineigen Wochen/Monaten kommt die Erkenntnis.

Die GLOTZE und RADIO hab ich schon vor 7 Jahren rausgeschmissen.
Nach Tagen merkte ich, wie SÜCHTIG ich nach der propagandistischen Dauerberieselung war.

Hallo anti ...

Mein Wahlspruch ist: Besser genug als zu viel.

Würde sich jeder nur so viel nehmen vom großen Kuchen wie er tatsächlich braucht, dann wäre für alle genug da.

Und würde jeder sich überlegen nur soviel zu argiten, damit er davon gut leben kann, dann könnten alle mit 30 Stunden Arbeit/Woche auskommen und auch noch Zeit haben für andere Dinge als Autos, Weltreisen, Kreuzfahrten, Prde,Guzzi ...

Es wird eine Zeit kommen, da werden die Menschen aufwachen und merken, daß sie nur für andere arbeiten und ihr Leben nur so leben wie andere meinen, daß sie leben müßen.

Musik entschleunigt und bildet

http://www.youtube.com/wa...
http://www.youtube.com/wa...
http://www.youtube.com/wa...
http://www.youtube.com/wa...

Die zunehmende Anzahl von psychisch und physisch Kranken und die enorme Menge Psychopharmaka sprechen Bände.

Wem nutzt die zunehmende Hast? Industriellen, Gewerbe, Arbeitgebern, Politikern etc.
Denn die Leute kommen nicht mehr zum Überlegen und lassen sich dadurch besser manipulieren.

Wem schadet es? Uns und der Gesellschaft.
Unsereb Gesellschaft ist jetzt schon in einem katastrophalen Zustand.

In der Ruhe liegt die Kraft

Zitat von Zeit: Wenn ein Parlament vor wichtigen Entscheidungen keine Zeit mehr habe, zu diskutieren und nachzudenken, »dann werden die autokratischen Systeme gewinnen, die auf niemanden Rücksicht nehmen«.

Mehr Zeit zum Nachdenken hätte ich auch unseren Bundestagsabgeordneten gewünscht, als Finanzhilfen getroffen und dem vermaledeiten EMS-Vertrag zugestimmt wurde.

Ein Rettungspaket und Rettungsschirm nach dem anderen wurde geschnürt und aufgespannt um Märkte zu beruhigen, und ganze Staaten und Geldgeber vor der Einnahmenkrise zu schützen. Zum Vorteil einiger Weniger, zum Nachteil von Vielen.

Transparenz

Ich finde es sehr löblich von Herrn Dobelli, dass er sämtliche Zeitungsabos gekündigt hat. Weniger löblich finde ich, dass die ZEIT zwei Absätze lang Werbung für seine Firma und sein Buch macht, ohne seine Kolumne bei einer bekannten überregionalen Wochenzeitung zu erwähnen (außer indirekt durch zwei Links, die auf die Kolumne führen, ohne dass man das am Linktext erkennen könnte).

Ich muss mich Ihrem Kommentar anschließen

ich glaube, man wäre sehr überrascht wenn man feststellen könnte, wieviel Artikel in der Zeit-online PR Artikel sind. Das wird nie so plump gebracht sondern sehr dezent. Die Botschaft steckt zwischen den Zeilen und nur teilweise in ihr. Ein Account von mir, der sich näher damit befasste wurde gelöscht, komplett. Nichts dagegen, dass man für eine Online-Ausgabe auf Geld auftreiben muss. Aber doch nicht per Artikel. Die liest man immer noch als reine "heilige" Information und nicht als Kaufangebot.
Ich geben meiner Meinung hier eine Halbwertszeit von maximal 10 Minuten, wäre gut wenn er Sie vorher erreicht. Mir ist bewusst, dass Kritik nur an die Redaktion gestellt werden soll, ich halte aber das Thema PR-ARTIKEL für derart wichtig, dass man das nicht im stillen Kämmerlein im Hinterzimmer abwickeln sollte.