EntschleunigungEinladung zur Langsamkeit

Über die Suche nach der richtigen Geschwindigkeit und die Rückeroberung der Muße von 

Vor einiger Zeit war der Schriftsteller Pico Iyer zur Konferenz einer Werbeagentur nach Singapur eingeladen. »Trends von morgen« waren gefragt, und der viel reisende Iyer, der ständig zwischen den USA und Japan pendelt, sollte über globale Mobilität referieren. Doch bevor er dazu kam, wurde er mit einem Geständnis konfrontiert. »Kurz nach meiner Ankunft«, berichtet Iyer in der New York Times, »nahm mich der Chef der Werbeagentur zur Seite. Was ihn am meisten interessiere, so begann er – und ich stellte mich schon auf eine besonders geheimnisvolle Werbekampagne ein –, sei: die Stille.«

Stille? Kein Trubel, keine Show, kein aufgeblasenes Marketing-Event, sondern einfach nur mal abschalten und Ruhe geben? Ist das der neueste Trend? Gut möglich. Denn je hektischer die Zeiten, je schneller die digitale Kommunikation und je größer der Drang, allzeit erreichbar zu sein, umso ausgeprägter wird der Wunsch, das alles einmal hinter sich zu lassen und abzuschalten. Und das gilt nicht nur für ruhebedürftige Werbechefs.

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Häufig seien es gerade die kreativen Erfolgsmenschen, wie Pico Iyer erstaunt notiert, die sich vom Nachrichtenstrom abkoppelten und sich der permanenten Erreichbarkeit verweigerten. Manche legen übers Wochenende ein »Internet-Sabbatical« ein oder blocken per Freedom-Software stundenweise ihren Internetzugang, andere flüchten aufs Land, ins Kloster oder in eines jener teuren »black hole«-Hotels, in denen man gerade dafür bezahlt, keinen Fernseher im Zimmer zu haben und nicht erreichbar zu sein.

Klingt verrückt? Kaum weniger verrückt als der Schweizer Trendsetter Rolf Dobelli. Der Mitgründer der Firma getAbstract (die Managementwissen in komprimierter Form anbietet) hat sich radikal vom Nachrichtenrauschen abgekoppelt. Er habe sämtliche Zeitungs- und Zeitschriftenabos gekündigt, Radio und Fernseher entsorgt und die News-Apps von seinem iPhone gelöscht, berichtet Dobelli in seinem Bestseller zur Kunst des klugen Handelns. »Die ersten Wochen waren hart«, gesteht der Autor . »Sehr hart. Ständig hatte ich Angst, etwas zu verpassen.« Doch er habe durchgehalten. Denn die hektischen News seien ebenso störend wie irrelevant . Lieber habe er Bücher und Hintergrundartikel gelesen oder Gespräche mit Freunden geführt (echten, keinen Facebook-Freunden). Ergebnis? Heute, drei Jahre später, genieße er »klareres Denken, wertvollere Einsichten, bessere Entscheidungen und viel mehr Zeit«. Und das Beste sei: »Noch nie habe ich etwas Wichtiges verpasst.«

Die ständige Hetze stellt letztlich das Funktionieren der Demokratie infrage

Sind Leute wie Dobelli vielleicht gar nicht so spinnert, wie es zunächst scheint? Haben sie möglicherweise etwas Entscheidendes erkannt? Unbestritten ist der Bedarf nach Ruhe. Kaum etwas ist in unserer überhitzten Leistungsgesellschaft seltener (und wertvoller) geworden als Zeit und Muße. Zeit zum Denken und Reflektieren, Muße, um neue Ideen und Perspektiven entwickeln zu können – statt im ewig gleichen Hamsterrad zu strampeln.

Dabei geht es um weit mehr als nur ein bisschen Wellness für die gestresste Seele; es geht darum, Zeit für das Wesentliche zu finden – sowohl im Arbeitsleben wie außerhalb. Wie schwer das ist, spüren besonders Politiker, die wie kaum eine andere Berufsgruppe unter Druck stehen. Sie sollen weitreichende Entscheidungen treffen und zukunftsfähige Gesellschaftsmodelle entwerfen – ohne dass sie dafür die nötige Zeit haben.

Für den ehemaligen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering steht damit sogar das Funktionieren unseres politischen Systems auf dem Spiel. Mit der Geschwindigkeit der Finanzmärkte könne die Politik schlicht nicht mehr mithalten. »Deshalb müssen wir Tempo rausnehmen«, mahnte er in einem Interview mit dem Magazin Cicero. Schließlich setze Demokratie voraus, »dass per Wahl beauftragte Menschen Dinge diskutieren, dass sie auch streiten und dann Entscheidungen treffen«. Demokratie brauche also »eine menschenmögliche Geschwindigkeit, und die gibt es nicht mehr«, analysiert der ehemalige Vizekanzler, der seit seinem Ausscheiden aus der aktiven Regierungspolitik einen kritischen Blick auf das hektische Berliner Getriebe gewonnen hat. Wenn ein Parlament vor wichtigen Entscheidungen keine Zeit mehr habe, zu diskutieren und nachzudenken, »dann werden die autokratischen Systeme gewinnen, die auf niemanden Rücksicht nehmen«.

Nicht nur in der Politik wäre eine langsamere Gangart notwendig. Auch in der Wirtschaft zeigen sich die negativen Folgen der Hektik. Zum einen, weil sich die Anzahl der Fehltage durch psychische Erkrankungen in fünfzehn Jahren fast verdoppelt hat, was laut Bundesarbeitsministerium zu jährlichen Produktionsausfällen in Höhe von 8 bis 10 Milliarden Euro führt. Zum anderen, weil eilig entworfene Produkte zunehmend als »grüne Bananen« auf den Markt kommen, die erst beim Kunden reifen. Klemmt dann beim neuen Auto Gaspedal oder Bremse, ist der Imageschaden immens.

Leserkommentare
  1. "Die ersten Wochen waren hart«, gesteht der Autor . »Sehr hart. Ständig hatte ich Angst, etwas zu verpassen.« Doch er habe durchgehalten. Denn die hektischen News seien ebenso störend wie irrelevant . Lieber habe er Bücher und Hintergrundartikel gelesen oder Gespräche mit Freunden geführt (echten, keinen Facebook-Freunden). Ergebnis? Heute, drei Jahre später, genieße er »klareres Denken, wertvollere Einsichten, bessere Entscheidungen und viel mehr Zeit«."

    Was an dieser Aussage Dobellis spannend ist: Es geht niemals darum, einfach seine Ruhe zu haben, ein stinknormales, mittelmäßiges anonymes Leben zu führen, sondern: um "wertvollere Einsichten, bessere Entscheidungen", etc... Hinter dem Aufruf zum Verzicht steht das Versprechen auf Optimierung, höhere Effizienz... Nur so ist das Nichtstun anscheinend zu rechtfertigen...

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  2. Ich finde es sehr löblich von Herrn Dobelli, dass er sämtliche Zeitungsabos gekündigt hat. Weniger löblich finde ich, dass die ZEIT zwei Absätze lang Werbung für seine Firma und sein Buch macht, ohne seine Kolumne bei einer bekannten überregionalen Wochenzeitung zu erwähnen (außer indirekt durch zwei Links, die auf die Kolumne führen, ohne dass man das am Linktext erkennen könnte).

    3 Leserempfehlungen
  3. Vielen Dank für diesen interessanten Artikel. Ich werde jetzt mit meiner Tochter an dem 1000-Teile-Puzzle mit dem Weihnachtsmotiv weitermachen. Eine sinnvolle Geduldsprobe der besonderen Art! Schönen 3.Advent!

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  4. Zitat von Zeit: Wenn ein Parlament vor wichtigen Entscheidungen keine Zeit mehr habe, zu diskutieren und nachzudenken, »dann werden die autokratischen Systeme gewinnen, die auf niemanden Rücksicht nehmen«.

    Mehr Zeit zum Nachdenken hätte ich auch unseren Bundestagsabgeordneten gewünscht, als Finanzhilfen getroffen und dem vermaledeiten EMS-Vertrag zugestimmt wurde.

    Ein Rettungspaket und Rettungsschirm nach dem anderen wurde geschnürt und aufgespannt um Märkte zu beruhigen, und ganze Staaten und Geldgeber vor der Einnahmenkrise zu schützen. Zum Vorteil einiger Weniger, zum Nachteil von Vielen.

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  5. Du weißt nicht mehr wie Blumen duften,
    kennst nur die Arbeit und das Schuften-
    ...so gehen sie hin, die schönsten Jahre,
    am Ende liegst Du auf der Bahre
    und hinter Dir, da grinst der Tod:
    Kaputtgerackert-Vollidiot!

    2 Leserempfehlungen
  6. Es passierte vor ungefähr 25 Jahren. Ich war in Kur. Mein Rücken konnte dem hohen Tempo, das ich von anderen und mir selbst verlangte, nicht mehr mithalten. Die Kur brachte mir mehr als nur Erholung für den LWS-Bereich. Ich merkte, daß ich, wie ein Maultier im Kreis läuft um Wasser zu fördern, mein Leben lebte. Mehr, schneller, mithalten, Anzeichen von Schwäche mit Tabletten und Spritzen bekämpfen.

    Seitdem nehme ich mir jeden Tag etwa 4 Stunden Zeit für mich.
    Mal mehr, mal weniger. Lesen ist eine tolle Freizeitbeschäftigung, das sehe ich auch so. Anstatt Fittnesstudio fahre ich mit meinem Fahrad in den Wald.
    Ich habe oft tagelang keine Uhr an. Mein Handy ist 10 Jahre alt, und meine Handykosten belaufen sich auf 15 € I M J A H R. Ich koche gerne und backe für meine Mitmenschen und mIch Kuchen. Alles ohne feste Regeln und Zeiten.
    Natürlich lebe ich bescheiden, denn Vermögen habe ich nicht.
    Aber ich habe etwas gewonnen, was viel wertvoller ist. Zeit.

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  7. Da gibt es noch ein Werk von ihm:
    "Die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat".

    Eine Analogie zur Goebbels-Steuer (GEZ) ab 1. Januar 2013.

    Er hat die Zwangsabgabe (Wahlsteuer, 1 Dollar) verweigert und musste dafür ein paar Wochen in den Knast.

    Ich versuche, nach seinen Grundsätzen zu leben.

    Was du heut nicht kannst besorgen, das verschiebe halt mal auf übermorgen. (frei nach einem bekannten Sprichwort).

    "Fahre nicht mit der Eisenbahn, sondern gehe zu Fuss". Dabei sparst du eine Menge Geld, triffst einen Haufen netter Leute, und machst gute, nützliche Geschäfte dabei.

    Auch sein "Leben in den Wäldern" zeigen auf, dass dat nix is mit der Hetze heutzutage. Weniger ist mehr......

    Nein, ich bin kein kiffender Alt-Freak, grins.

    Reisebusfahrer....der diese Philosophie auch unterwegs recht gut umsetzen kann.

    Man muss nur wollen. Nach eineigen Wochen/Monaten kommt die Erkenntnis.

    Die GLOTZE und RADIO hab ich schon vor 7 Jahren rausgeschmissen.
    Nach Tagen merkte ich, wie SÜCHTIG ich nach der propagandistischen Dauerberieselung war.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Henry David Thoreau"
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    Mein Wahlspruch ist: Besser genug als zu viel.

    Würde sich jeder nur so viel nehmen vom großen Kuchen wie er tatsächlich braucht, dann wäre für alle genug da.

    Und würde jeder sich überlegen nur soviel zu argiten, damit er davon gut leben kann, dann könnten alle mit 30 Stunden Arbeit/Woche auskommen und auch noch Zeit haben für andere Dinge als Autos, Weltreisen, Kreuzfahrten, Prde,Guzzi ...

    Es wird eine Zeit kommen, da werden die Menschen aufwachen und merken, daß sie nur für andere arbeiten und ihr Leben nur so leben wie andere meinen, daß sie leben müßen.

  8. "Lieber habe er Bücher und Hintergrundartikel gelesen ..."

    Diesen Artikel hätte er demnach mit ziemlicher Sicherheit nicht gelesen. Aber wer schon so weise ist, kann darauf freilich auch verzichten.

    Aber jetzt mal im Ernst. Mag ja sein, dass die Nachrichtenflut häufig mal überfordernd und mal nervig ist. Es komplett aus seinem Leben streichen zu müssen um wieder "klarzukommen" ist für mich aber ein Zeichen der Schwäche. Schliesslich kann sich eigentlich jeder mit ein bisschen Selbstdisziplin dazu beordern nicht jeden Mist zu lesen.

    Eine Leserempfehlung
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    Jeder hat eine andere Definition von "Mist". Er hat einfach festgestellt, was FUER IHN wichtig und unwichtig ist - und mit ein bisschen Selbstdisziplin sein Leben danach neu arrangiert.

    Insofern kann man das "Selbsterkenntnis" nennen und als "Staerke" einsortieren.

    Du weißt nicht mehr wie Blumen duften,
    kennst nur die Arbeit und das Schuften-
    ...so gehen sie hin, die schönsten Jahre,
    am Ende liegst Du auf der Bahre
    und hinter Dir, da grinst der Tod:
    Kaputtgerackert-Vollidiot!

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