GIZGroßhelferchen

Berlin schuf 2011 die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Die braucht selbst noch viel Entwicklungshilfe. von 

Mit großer Freude« wird eine »Wiedergeburt« angekündigt. Der Name des Sprösslings lautet: »Der neue DED«. Die Kleinanzeige in der taz spielt auf den Deutschen Entwicklungsdienst an, der fast 50 Jahre lang engagierte Mitarbeiter in Entwicklungsländer entsandt hat. Diese Organisation, getragen von der Bundesregierung und dem Arbeitskreis »Lernen und Helfen in Übersee«, war aufgelöst worden, weil der zuständige Minister Dirk Niebel sie mit der Bildungsagentur Inwent und dem Expertenunternehmen GTZ verschmolz – zur Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Der »neue DED« wolle deshalb die Tradition des alten fortführen und in Entwicklungsländern eng mit Menschen an der Basis arbeiten, sagt der frischgebackene Geschäftsführer Johannes Mortier. Seine Gründung trifft genau die wunden Punkte des entwicklungspolitischen Goliaths, der GIZ.

Denn seit die drei Agenturen der sogenannten Technischen Hilfe zur GIZ vereint sind, setzt nur noch diese eine Organisation die vielen Projekte mit Ländern von den Anden bis zum Himalaya in die Praxis um. Ausgerechnet die FDP-Truppe im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) habe ein »staatliches Monopol« geschaffen, kritisieren erfahrene Entwicklungshelfer aus dem »Freundeskreis DED«.

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Vorläufig ist die GIZ noch selbst ihr größtes Projekt. Denn während sie mit den üblichen Schmerzen einer Fusion ringt, wird sie komplett runderneuert. Aus einer reinen Entwicklungsorganisation soll ein »weltweit führender Dienstleister für nachhaltige Entwicklung« werden, der künftig auch verstärkt in Industrieländern arbeiten soll.

Einen guten Ruf erarbeitet

Den Vorläufer GTZ, die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, hatte einst Erhard Eppler (SPD) als gemeinnütziges Unternehmen gegründet, weil es kreativer und flexibler sein sollte als eine Behörde. Und eines bezweifelt niemand: In den Zentralen der GIZ in Eschborn und neuerdings Bonn und ihren Büros in 130 Ländern arbeiten Experten mit außergewöhnlich breitem Horizont. Ihre Fachleute organisieren Wasserkioske in sambischen Slums, sie fördern den Rechtsstaatsdialog mit China oder die berufliche Bildung in Kirgisistan.

Mit solchen Projekten hatte sich schon die alte GTZ einen guten Ruf erarbeitet. Deshalb wurde sie über ihre kommerzielle Abteilung, die International Services, auch von Regierungen in Guatemala und anderen Entwicklungsländern angefragt. Die Geschäfte wurden größer und größer und wuchsen, das war die Kehrseite des Erfolgs, auch dem politischen Auftraggeber zunehmend über den Kopf. Die vielen gut bezahlten Experten hatten mit ihren engen Beziehungen in den Partnerländern einen so großen Wissensvorsprung, dass sich die BMZ-Beamten zu Hause mit stillem Groll fragten: Wer kontrolliert hier wen? Da wedelte doch der Schwanz mit dem Hund, hieß es.

Überdies war die Bundesregierung international lange dafür kritisiert worden, dass GTZ, DED und Inwent oft doppelte Arbeit machten. Deshalb fanden es alle politischen Parteien richtig, dass Minister Niebel und sein Staatssekretär Hans-Jürgen Beerfeltz die »wichtigste Strukturreform der Entwicklungszusammenarbeit seit 50 Jahren« sofort durchzogen. 700 Stellen wurden dabei eingespart. Aus diesem »Fusionsgewinn« wanderten 182 Stellen in Niebels Bundesministerium; die zusätzlichen Beamten sollten die große neue GIZ besser steuern. Selbst die Opposition bescheinigt dem FDP-Minister inzwischen, er habe die Fusion geschickt gestemmt. Mehr als zwei Milliarden Euro verwaltete das Unternehmen im Jahr 2011. Unter den 20.000 Mitarbeitern sind 12.000 Einheimische aus den jeweiligen Entwicklungsländern.

Allerdings zeigten sich schon bald die Tücken – als Erstes ein Vorstand, in dem sieben Männer sitzen. Grotesk, wenn man zugleich anderen Ländern weltweit Sparsamkeit und gender mainstreaming als »gute Regierungsführung« nahelegt. Erst 18 Monate später, im Juli dieses Jahres, stießen bei nur mehr fünf Vorstandsmitgliedern zwei Frauen in den Kreis. Dabei ging Parteiproporz vor Erfahrung: Die FDP drückte ihren Parteifreund Tom Pätz durch, die CDU die neue Vorstandschefin Tanja Gönner. Auf sie richten sich jetzt die Hoffnungen der Mitarbeiter. Deren Vertrauen in die Führung war zuvor laut einer Befragung tief in den Keller gesunken.

Ein Grund dafür ist: Die drei Organisationen sollten sich mit ihren unterschiedlichen Perspektiven gleichberechtigt ergänzen, doch die angestrebte »Augenhöhe« (BMZ) erweist sich weitgehend als Eingliederung in Kultur und Struktur der übermächtigen Ex-GTZ. Nur wenige Mitarbeiter von Inwent und DED kamen auf Führungsposten. Viele hätten sich dabei »wie Ossis nach der Wende« gefühlt, sagt einer von ihnen.

Auch diese Hegemonie führte dazu, dass die Entwicklungshelfer, wie sie vormals der alte DED entsandte, immer mehr unter die Räder kamen. Während idealtypisch ein Agrarexperte der damaligen GTZ eher das Ministerium eines Entwicklungslandes beriet, bauten DED-Entwicklungshelfer auf dem Land mit den Bauern eine Agrargenossenschaft auf. Ihre Nähe zum alltäglichen Leben der kleinen Leute kann ein wichtiger Realitäts-Check für die Wahrnehmung in der Hauptstadt sein. Doch statt 1.100 Entwicklungshelfern waren im September keine 600 mehr entsandt. GIZ-Chefin Tanja Gönner versichert, man arbeite daran, »die Stärken dieses Instrumentes wieder zu schärfen«.

Leserkommentare
  1. 2 Probleme, die in diesem Artikel nicht klar angesprochen werden: Der Vorstand der GIZ ist teilweise fehlbesetzt. Frau Gönner hat sich in ihrer Zeit als Ministerin in Baden-Württemberg nicht wirklich als Expertin für Entwicklungshilfe hervorgetan. Sie ist einzig in der GIZ gelandet, weil sie nach dem Wahldebakel ihres Ziehvaters Mappus einen neuen Job brauchte. Aussagen des Vorstandes wie "wir wollen die größte Entwicklungshilfeorganisation werden" sind völlig unsinnig. Ziel sollte es erst mal sein, gut zu werden, das heisst, viel besser als bisher - was die Einstellung vieler sinnloser Projekte voraussetzen würde - was wiederum politisch nicht gewollt ist. Der kommerzielle Teil der GIZ hat in der Vergangenheit in sehr zweifelhaften Projekten mitgearbeitet, Beispiel die Kooperation mit Shell in Ghana, die nun gar nichts mit Entwicklungshilfe, viel aber mit Korruption zu tun hat.
    Schließlich gibt es noch einen ganz anderen Grund, warum die Jobs der ex-DED Kollegen so unattraktiv sind: Sie bekommen eine Aufwandsentschädigung, die vielleicht ein Drittel bis ein Viertel der Gehälter der GIZ Kollegen ausmacht. Es gab und gibt durchaus massive Überschneidungen der Jobbeschreibungen, bei denen ex-GTZ und ex-DED Kollegen einen sehr ähnlichen Job machen, so dass eine so massiv unterschiedliche Bezahlung wahrlich nicht gerechtfertigt ist. Schließlich - ex-GTZ Berufsanfänger mit keiner bzw. wenig Berufserfahrung verdienen teilweise 5000-7000 Euro netto! Völlig überzogene Gehälter!

  2. ...ist in diesem Zusammenhang die seit 1977 bis heute z. B. durchgeführte Beratung der Saudi Arabischen Hafenbehörde SEAPA, die mit Entwicklung soviel zu tun hat wie eine Kuh mit fliegen!

  3. Zitat: "im Ministerium versichert Staatssekretär Beerfeltz, dass auch die Kontrolle verbessert worden sei. 46 Mitarbeiter habe man zusätzlich an deutsche Botschaften in aller Welt entsandt."

    Das ist wahrlich eine sehr kritisch zu beurteilende Thematik: Je nach Persönlichkeit sind diese BMZ Mitarbeiter für die Arbeit der GIZ-Kollegen teilweise sehr hinderlich - weil sie sich teilweise ohne ausreichenden Sachverstand in deren Arbeit einmischen und parallele Aktivitäten entfalten - außerdem sich manches Mal protokollarisch höherwertig fühlen.... Da von sinnvoller Kontrolle zu sprechen ist schon mutig.

    Eine Leserempfehlung

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