Jugendarbeitslosigkeit: Jobs per Dekret
Die EU will jedem Jugendlichen eine Stelle garantieren. Das weckt falsche Hoffnungen.
So wollen Bürokraten das Problem mit der Arbeitslosigkeit lösen: mit einem Gesetz. Womit sonst? Jeder Jugendliche bekommt einen Anspruch darauf, dass ihm ein Arbeitsplatz, eine Ausbildung oder eine Trainingsmaßnahme zugewiesen wird. Dann ist jeder Jugendliche versorgt. »Jugendgarantie« heißt das neue Zauberwort. Die will der EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Integration, László Andor, europaweit einführen.
Es ist leider eine Idee nach dem altbekannten Prinzip: »Gut gemeint, schlecht gemacht« (Worte, die man als Warnung am Haupteingang des Kommissionsgebäudes eingravieren sollte). Der Vorschlag taugt wenig. Das Beste daran ist, dass er das Problem – die massenhafte Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen in Europa – auf die Tagesordnung setzt. Denn die ist ein wahrer Skandal, ein Missstand ersten Ranges. In Griechenland und Spanien suchen mehr als die Hälfte der unter 25-Jährigen einen Job, in Portugal und Italien sind es fast 40 Prozent, in Frankreich 26 Prozent. Eine ganze Generation droht abgehängt zu werden. Das ist nicht hinnehmbar. Die Frage ist nur, was dagegen hilft.
Nach den Vorstellungen der Kommission sollen sich die EU-Staaten verpflichten, jedem Jugendlichen spätestens vier Monate nach Verlassen der Schule oder nach Beginn der Arbeitslosigkeit einen Job anzubieten. Oder ersatzweise eine Ausbildung oder Schulung. Die Kommission beruft sich dabei auf Vorbilder in Österreich und Finnland.
Tatsächlich gilt in Österreich eine »Ausbildungsgarantie«. Die Regierung verspricht Jugendlichen, die keine Lehrstelle finden, einen Platz in einer überbetrieblichen, staatlichen Ausbildungsstätte. Das entspricht übrigens dem deutschen System, wo Jugendlichen, die sonst nichts finden, ebenfalls überbetriebliche Ausbildungsplätze angeboten werden. Außerdem müssen die Jobcenter hierzulande allen jungen Hartz-IV-Empfängern »unverzüglich« eine Arbeit, Ausbildung oder Trainingsmaßnahme anbieten. Merkwürdigerweise führt die Kommission Deutschland nicht als Vorbild an, obwohl es die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit in der ganzen EU vorweisen kann – 8,1 Prozent.
Es existieren also Ansätze für eine Art von »Jugendgarantie«. Bemühungen zugunsten junger Menschen, die den Einstieg in den Beruf oder überhaupt erst eine Ausbildung suchen, sind auch richtig und nachahmenswert. Aber es ist ein Irrtum, zu glauben, das Problem der geradezu monströsen Massenarbeitslosigkeit junger Leute in Südeuropa ließe sich per Dekret lösen.
Erstens lässt sich das duale Ausbildungssystem, von dem in Deutschland und Österreich viele Jugendliche profitieren, nicht ohne Weiteres kopieren. Dazu gehören Berufsordnungen, Berufsschulen, Ausbildungsbetriebe und Meister. Sich von dieser Ausbildungstradition etwas abzuschauen ist gut, aber sie im eigenen Land zu etablieren dürfte eher zehn als zwei Jahre dauern.
Zweitens nützt die Zusage, irgendein Trainings- oder Beschäftigungsprogramm angeboten zu bekommen, wenig, wenn der ganze Arbeitsmarkt aus den Fugen geraten ist. In der Praxis läuft das dann vor allem auf Beschäftigung à la Ein-Euro-Job und sinnloser Arbeitsbeschaffungsmaßnahme hinaus. Bei hoher Beschäftigung wie in Deutschland und Österreich lassen sich durchaus vernünftige Angebote machen, bei massenhafter Arbeitslosigkeit wie in Spanien oder Griechenland sieht das ganz anders aus.
Natürlich sollten sich die Krisenländer um mehr Einstiegschancen für die Jugend bemühen. In einigen Ländern scheinen da unabhängig von der Krise Barrieren zu existieren. So waren in den neunziger Jahren in Spanien schon mehr als 40 Prozent der unter 25-Jährigen erwerbslos, in Italien und Griechenland um die 30 Prozent und in Frankreich 23 Prozent. Skandalöse Zahlen! Offenbar begünstigen dort die Arbeitsmarktregeln eher diejenigen, die älter sind und schon einen Job haben. Ökonomen sprechen von einem Insider-Outsider-Problem – und Jugendliche sind beim Berufsstart immer Outsider. Da gibt es also Reformbedarf.
Das Hauptproblem in den Krisenländern bleibt aber die Krise selbst – die je nach Land unterschiedliche Mischung aus Finanz-, Konjunktur- und Strukturproblemen. Echte Hilfe für die Jugendlichen wird nur möglich sein, wo es gelingt, diese Probleme in den Griff zu kriegen. Vollmundige »Garantien« helfen da wenig.




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