Der Friedensnobelpreis für die Europäische Union? Nun, einer hätte die Reise nach Oslo ganz bestimmt verdient, nur ist er leider seit 270 Jahren tot: Charles-Irénée Castel de Saint-Pierre, der Abbé de Saint-Pierre, geboren 1658 in der Normandie, gestorben 1743 in Paris. Denn er war es, der vor genau 300 Jahren das Wort Union Européenne erfand.

Dass die Wurzeln des vereinten Europas tiefer reichen als nur bis ins 19. Jahrhundert, war den Staatsmännern nach dem Zweiten Weltkrieg durchaus bewusst. So bezog sich Winston Churchill auf dem Europakongress in Den Haag im Mai 1948, wo er zusammen mit dem Franzosen Léon Blum, dem Italiener Alcide De Gasperi und dem Belgier Paul-Henri Spaak die Gründung der Europäischen Bewegung anregte, gleich zu Beginn seiner Rede auf den grand dessein des Maximilien de Béthune, Duc de Sully, aus dem 17. Jahrhundert. Churchill erklärte sich zum »Diener« dieses »großen Plans« und des »Friedens in Europa«. Der von Sully erträumte Staatenbund sollte im Geiste Karls des Großen und unter dem Namen République très chrétienne (»Allerchristlichste Republik«) 15 Herrschaftsgebiete umfassen.

Allerdings, und dies verschwieg Churchill diskret, zielte Sullys Plan weniger auf den Frieden als darauf, die Hegemonie Frankreichs in Europa durchzusetzen, nämlich in einem »Bund aller Staaten, denen an der Schwächung des Hauses Habsburg gelegen sein muss«. Also alles wie gehabt: Frieden durch militante Machtpolitik.

Pläne dieser Art hatten im 17. Jahrhundert Konjunktur – verständlich nach einer langen Folge von Kriegen und Konfessionskonflikten bis hin zum Dreißigjährigen Krieg. Der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz brachte 1670 seinen »Ägyptischen Plan« ins Gespräch, auch dies ein Staatenbündnis, um die Macht der Habsburger in Europa zu brechen. Der Essay towards the Present and Future Peace of Europe (1692/94) des Engländers William Penn gehört genauso in diese Reihe von Friedensplänen – wie eben das vom Abbé de Saint-Pierre verfasste Projet pour rendre la paix perpétuelle en Europe (»Projekt, um den Frieden in Europa zu verewigen«), eine Schrift, die zwischen 1712 und 1717 immer weiter anschwoll und bis 1743 in neun Varianten gedruckt wurde. 1751 brachte Jean-Jacques Rousseau eine Kurzfassung des zuletzt dreibändigen Werks heraus; vier Jahrzehnte später lieh sich Immanuel Kant Teile des Titels für seinen berühmten »philosophischen Entwurf« Zum Ewigen Frieden aus.

Saint-Pierre stammt aus einer verarmten normannischen Adelsfamilie. Nach dem frühen Tod der Mutter erzieht ihn seine Tante in Rouen und schickt ihn aufs Jesuitenkolleg. Er soll Priester werden. Als der Vater, ein Friedensrichter, 1676* stirbt, erbt der Sohn eine kleine Rente. Er geht zum Studium der Theologie nach Caen, wo er sich tatsächlich aber mehr der Physik und der Mathematik widmet.

1680 zieht der junge Mann, der sich ganz zeitgemäß Abbé nennt, ohne wirklich Priester zu sein, nach Paris. Er studiert jetzt die Schriften Pascals und Descartes’ und bewegt sich in den Salons der Hauptstadt. In diesem Kreis erwirbt er, nach eigenem Bekenntnis, die Geduld und die Fähigkeit, »allen zuzuhören, alles zu prüfen und gegebenenfalls die Meinung zu ändern«. Die Hochschule der Salons macht ihn zum Aufklärer. Hier gewinnt er auch die Freundschaft des Schriftstellers Bernard le Bovier de Fontenelle, der neben Pierre Bayle zum wichtigsten Frühaufklärer wird.

Doch die Zeiten sind der modernen Philosophie nicht besonders günstig. Ludwig XIV., der Sonnenkönig, regiert seit 1661 absolut, das heißt legibus solutus, nicht an Gesetze gebunden. Ludwig entzieht dem Pariser Parlement (Frankreichs höchstem Gericht) das Recht zur Remonstration, zur Ablehnung königlicher Erlasse. Zudem führt der Monarch ununterbrochen Krieg; das Land gerät an den Rand des Staatsbankrotts.

Jede Art von Widersetzlichkeit oder auch nur vermuteter Kritik wird rigide unterdrückt. 1680 verbietet das Regime Vorlesungen über Descartes, verschärft die Zensur, verfolgt unbotmäßige Katholiken. 1685 hebt Ludwig das konfessionelle Toleranz-Edikt von Nantes auf und zwingt so Protestanten wie Pierre Bayle ins Exil.