In Çamburnu, einem Bergdorf im Nordosten der Türkei, ist es grün, wohin man auch schaut. Satt und glänzend und lieblich gehügelt. Zwischen all dem Blattwerk sieht man junge und alte Frauen bei der Ernte, wie in einer Werbung für ökologisch korrekten Tee oder sanften Tourismus. Gäbe es zu Fatih Akins Dokumentarfilm Müll im Garten Eden Odorama-Karten mit dem zur Szene passenden Geruch, würden sie an dieser Stelle den Duft von Pinien, Minze und frisch geschnittenen Teeblättern versprühen. Eine Prise Salzluft mischte sich dazu und, bei ungünstigem Wind, ein Aroma von Abfallbergen am Strand.

Doch das Meer, so mag die türkische Kommunalpolitik noch ganz redlich beschlossen haben, soll nicht länger den Müll der Kommunen schlucken. Eine Deponie muss her. Ihren Bau, oberhalb von Çamburnu, verfolgt der Film Schritt für Schritt. Die angeschlossene Kläranlage sei sehr modern, werden die Betreiber immer wieder versichern. So modern, dass sie später Parfüm aussprühen lassen, wenn der Gestank zu bestialisch wird. Der Bürgermeister zieht wegen der mangelhaften Bauweise der Anlage vor Gericht, die Gemeinde protestiert. Doch die Deponie bleibt – und leckt. Grünlich weißer Schaum und schwarze Schlacken schieben sich ins Tal. Es stinkt zum Himmel.

Fatih Akins Dramaturgie ist so einfach wie naheliegend. Das Schöne wird von Stümperei und Dreck zerstört. Dazu zeigt man erst das Schöne, dann den Dreck, dann das eine im anderen. Für Überspitzungen und Wahnwitz sorgt die Wirklichkeit selbst. Denn als der Regen die Drainagen überfordert hat, die gesamte Kläranlage zerborsten ist, sehen wir, wie die verseuchte Flüssigkeit in einen Kanal am Meer umgeleitet wird.

Fatih Akins Großvater stammt aus Çamburnu. Als der Regisseur, der in dem Dorf einen Teil seiner kulturellen Seele verortet, vor sieben Jahren nach einem Schlussbild für seinen Film Auf der anderen Seite suchte, wurde er Zeuge des Protests. Bleiben konnte er nicht, deswegen bat er den Dorffotografen Bünyamin Seyrekbasan, das Geschehen zu dokumentieren. Mehr als die Hälfte der Bilder stammt von ihm. Angesichts der oftmals mangelhaften digitalen Auflösung besitzen diese Bilder eher dokumentarische denn filmische Qualität. Und sie verbinden sich zu einer einzigen großen Fassungslosigkeit, etwa wenn die Alten des Dorfes aufgebracht, entschlossen, aber eben auch ohnmächtig die Zufahrtswege zur Deponie versperren.

Akin und sein Kameramann Hervé Dieu konzentrierten sich vor allem auf die Interviews mit überforderten Ingenieuren, kriminell sturen Lokalpolitikern und den abwiegelnden Vertretern der Behörden. Es war klug, dass Akin sich nicht selbst zum Protagonisten des Films gemacht oder die eigenen familiären Wurzeln als emotionales Flechtwerk verwertet hat. Schließlich soll es hier nicht um den berühmten Regisseur aus Deutschland gehen, sondern um eine Umweltkatastrophe, die ohne diesen Film mehr oder weniger unbemerkt geblieben wäre.

Der Akinsche Herzschlag ist dennoch zu spüren. Etwa wenn zwei Töchter das landwirtschaftliche und auch politische Erbe der während der Dreharbeiten verstorbenen vorkämpfenden Mutter Nezihan Haslaman antreten. Im Gedenken an all die Generationen von Teebäuerinnen vor ihr und an den Protest, für den sie stand. Solche Kämpferinnen liebt Fatih Akins Kino. Mit ihnen erzählt er uns von einer Türkei fernab der Metropolen, in der Moderne und Tradition sich auf eigensinnige Weise im Kampf für einen Ort der Kindheit versöhnen können.