FrankreichAuf in den Krampf!

Warum nur tut sich unser großer Nachbar Frankreich in der Krise mit Reformen so schwer? von Michel Crépu

Ob Frankreich sich reformieren kann, das bezweifle ich. Voraussetzung eines derartigen Wunders wäre nämlich, dass Frankreich ein Hindernis überwände, das zu seinem Wesen gehört: die Unmöglichkeit von Kompromissen. Man könnte sogar auf freudsche Weise sagen, dass das Akzeptieren eines Kompromisses für die französische Seele auf Selbstmord hinausläuft. Schwierige Sache also.

Diese Unmöglichkeit ist umso erstaunlicher, als Frankreich oft bewiesen hat, wie sehr es sich auf Mäßigung versteht, auf Mittelwege, auf Besonnenheit, ja sogar auf Bescheidenheit. Doch diese Fähigkeit findet sich vorwiegend in der Literatur, kaum in der Politik. Durch die Geschichte der französischen Literatur zieht sich eine reformistische Spur, von Montaigne bis zum Philosophen Alain, über Fénelon und La Fontaine. Aber diese Spur führte nie bis in die politische Sphäre, dorthin also, wo die Dinge sich entscheiden. Fénelon konnte nie weiter gehen als bis zu jenem Brief an Louis XIV, in dem er sich den Rat erlaubte, der König möge es mit seiner Allmacht nicht übertreiben. Nein, was für die Literatur gilt, trifft für die Politik leider nicht zu – bis heute. Es genügt, sich das Schicksal der politischen Mitte anzusehen, bei uns »Zentrismus« genannt, deren Existenz stets prekär ist. Noch nie konnten die Zentristen (oder die »Christdemokraten«) ihre Melodie als Partitur durchsetzen, stets blieb sie nur ein kleines Liedchen.

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Der Journalist Michel Crépu

Der Schriftsteller Michel Crépu, Jahrgang 1954, ist Chefredakteur der "Revue des Deux Mondes", einer monatlich erscheinenden politisch-literarischen Zeitschrift mit Ausstrahlung und langer Tradition. 1829 gegründet, zählte sie glänzende Namen wie Alexandre Dumas, Honoré de Balzac und Charles Baudelaire zu ihren Autoren.

Der Autor Michel Crépu

Crépu, der wohl unkonventionellste Konservative Frankreichs, veröffentlichte 2011 im Verlag Grasset ein lesenswertes Buch über seinen Geistesverwandten Chateaubriand ("Le souvenir du monde"). Im Wechsel mit seiner Mitarbeiterin Annick Steta schreibt Crépu regelmäßig aktuelle politische Kommentare unter www.revuedesdeuxmondes.fr.

Frankreich hatte Gründer, keine Reformer. Napoleon etwa hat nichts reformiert, doch alles gegründet: Damals musste jemand das nachrevolutionäre Frankreich erfinden, ein unerhörtes Ereignis. Nicht anders der General de Gaulle: Auch er hat nichts reformiert, aber alles begründet; nach dem Zweiten Weltkrieg musste man bei null wieder anfangen. Unmöglich, diskreditierten Baustoff dafür zu verwenden! Aus der Nähe betrachtet, scheute de Gaulle sich zwar nicht, alte Bauteile zu verwenden; im Namen der nationalen Einheit fand er zu vielen Kompromissen. Aber für das Ansehen im Ausland (und für die maßlose Eigenliebe des Generals) war es von größter Wichtigkeit, so zu tun, als ob alles ex nihilo gegründet würde.

Ein unglücklicher Reformheld war Valéry Giscard d’Estaing, eigentlich einer der Großen der Politik nach de Gaulle. Nachdem er wundersamerweise an die Staatsspitze gelangt war, fragte man sich allerdings, aufgrund welcher geheimnisvollen Umstände er sich enthielt, das Wort »Reform« auszusprechen, und sich damit begnügte, von »Entkrampfung« zu reden. Giscard, das war die Zeit des »cool« – heute mit Hollande ist man »normal« –, doch die Öffentlichkeit konnte sich darunter nichts Rechtes vorstellen, sie kam sich geradezu verloren vor ohne Guillotine, ohne zu bestrafende Schuldige, womöglich solche mit Adelsprädikat; Giscard führte sogar selber so ein de im Namen, war es auch nur von mäßiger Qualität. Ihm eigene Ungeschicklichkeiten nahmen dem Präsidenten den Nimbus, etwa als er Müllmänner zum Frühstück einlud: Das war, als hätte Louis XV mit seinen Lakaien Tee getrunken. Am Ende ruinierte die Affäre mit den Diamanten, Geschenken des afrikanischen Diktators Bokassa, Giscards so vielversprechende politische Karriere auf immer. Ob Hollande mehr Glück haben wird? Die politische Wette jedenfalls ist die gleiche geblieben.

Die Unmöglichkeit, das Land zu reformieren, hat mit der Revolution zu tun. Indem Frankreich den Königsmord auf sich nahm, indem es also unwiederbringlich die Tür zu pragmatischer Verbesserung zuschlug, indem es die Ohren vor den weisen Ratschlägen Mirabeaus oder Chateaubriands verschloss – politischer Genies jener Periode, die nicht weniger als eine konstitutionelle Monarchie im Sinne hatten, was ja kein Ding der Unmöglichkeit war –, sperrte es sich selbst in eine Falle. Was blieb, war Bedauern. Mögen wir heute auch Republikaner sein wollen, mag die Republik sich auch Republik nennen, auch sie ist eine Maschinerie zur Reproduktion von Ungleichheiten. Da genügt ein Blick auf die impliziten Ungleichheiten im Schulsystem; stets sind es die besonders Revolutionären – und stets diejenigen, die das Wort Gleichheit im Munde führen –, die ihre Kinder auf die angesehensten Schulen schicken.

Leserkommentare
  1. Es gibt also keine Rettung für Frankreich? Würde es für Deutschland auch nicht geben, wenn wir nicht einen Kanzler gehabt hätten, der Dinge, die er für richtig empfand, durchgesetzt hätte, auch wenn es die eigene Karriere gekostet hat.

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    Sie empfinden also die Verarmung der breiten Bevölkerungsmasse in Folge der Rot-Grünen-'Reformen' als 'Rettung?' Ausverkauf des öffentlichen Sektors? Größer Niedriglohnsektor Europas? Hallo?

    ## Würde es für Deutschland auch nicht geben, wenn wir nicht einen Kanzler gehabt hätten, der Dinge, die er für richtig empfand, durchgesetzt hätte, auch wenn es die eigene Karriere gekostet hat. ##

    Schröder war 7 Jahre Kanzler, und ist genau da hingekommen wo er hin wollte, nach ganz, ganz oben. Noch dazu steinreich.
    Angesichts des propagandistischen Dauerfeuers der INSM und all der Ökonomieschelme und neoliberalen "Reform"-Claquere standen seine Chancen nichtmal schlecht, dass er mit der prekarisierung großer Gesellschaftsteile durch kommt und wiedergewählt worden wäre.
    Dadurch, dass er sofort in diverse Aufsichtsräte hüpfen konnte, ist ihm nichtmal ein finanzieller Schaden entstanden, bei wohl wesentlich kürzeren Arbeitszeiten.

    Mutig wäre es gewesen, wenn Schröder nicht FÜR die Wirtschaftsbosse Politik betrieben hätte, sondern GEGEN sie und damit riskiert hätte, sich die "Leistungsträger"-High-Society zum Feind zu machen, statt irgendwelche armen Schweine, am unteren, cohiba- und armanifernen Gesellschaftsrand, die eh nicht viel hatten und Dank Schröder davon nun noch weniger.

  2. so verschieden und doch so nah .
    Die Analyse ist durchaus richtig , aber zu dramatisch.
    So wie Frankreich sich in seiner Geschichte viel revolutionärer und polarisiernder zeigt , so haben wir "disziplinierten" und kompromissbereiten Deutschen die Geschichte Europas mehr durcheinandergewirbelt als alle anderen Nationen.
    Entscheidend ist im postindustriellen Zeitalter der offenen Medien und Grenzen , dass beide Länder ihre heimliche Bewunderung füreinander ,die sie nach aussen als stolze Ablehnung präsentieren , im Sinne eines mutigen Schritt für ein neues Europa umsetzen .
    Frankreich und Deutschland , das ist Nord und Süd und gleichzeitig die Mitte Europas. Wenn sie voneinander lernen , gelingt Europa .

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  3. "Warum nur tut sich unser großer Nachbar Frankreich in der Krise mit Reformen so schwer?"
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    Ganz einfach: Weil sie einen Anti-Reformer gewählt haben, der Wohltaten versprach und sie jetzt nicht halten kann (was mitdenkende bereits vorher wussten). Bei uns läuft der Peer ja schon auf der selben Schiene.

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    Immerhin will Hollandes Regierung die Empfehlungen der Gallois Komission zur Staatsreform übernehmen. Die Vorgängerregierung unter Sarkozy hat das Attali Papier gleich in der Schublade landen lassen.

    • Hokan
    • 17. Dezember 2012 14:36 Uhr

    ist - wie stets - zu einfach.

  4. Man bekommt den Eindruck, das Einzige, was man hier von Herrn von Randow hört (auch Übersetzung), ist, dass Frankreich sich endlich nach dem Vorbild Deutschlands reformieren soll. Schade.

    Die historische Betrachtung einer Volksseele finde ich immer etwas willkürlich auch wenn sich die Gegenwart für die Menschen natürlich immer auf die Vergangenheit bezieht.

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  5. Sie empfinden also die Verarmung der breiten Bevölkerungsmasse in Folge der Rot-Grünen-'Reformen' als 'Rettung?' Ausverkauf des öffentlichen Sektors? Größer Niedriglohnsektor Europas? Hallo?

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    Antwort auf "Au weia"
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    "Sie empfinden also die Verarmung der breiten Bevölkerungsmasse in Folge der Rot-Grünen-'Reformen' als 'Rettung?"
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    Ich halte diese Einstellung für durchaus legitim, wenn man zum Bevölkerungsanteil gehört, der von den Restriktionen nicht betroffen ist. Von einem Oberschichtler klingt die Betrachtung logisch.

    • ZPH
    • 16. Dezember 2012 17:16 Uhr

    in seiner Regierungszeit. Aber es sollte nicht der Eindruck entstehen, andere Länder sollten den Preis für eine etwaige Reformunfähigkeit Franksreichs bezahlen. Das würde nicht gut ankommen.

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  6. und wäre ich gläubig, würde ich Gott dafür danken.

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    • vonDü
    • 16. Dezember 2012 17:29 Uhr

    um Kompromisse zu lernen, kann eigentlich nur heißen, föderalistisch zu werden, denn das ist die eigentliche Grundlage der deutschen Kompromisspolitik.

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