Ob Frankreich sich reformieren kann, das bezweifle ich. Voraussetzung eines derartigen Wunders wäre nämlich, dass Frankreich ein Hindernis überwände, das zu seinem Wesen gehört: die Unmöglichkeit von Kompromissen. Man könnte sogar auf freudsche Weise sagen, dass das Akzeptieren eines Kompromisses für die französische Seele auf Selbstmord hinausläuft. Schwierige Sache also.

Diese Unmöglichkeit ist umso erstaunlicher, als Frankreich oft bewiesen hat, wie sehr es sich auf Mäßigung versteht, auf Mittelwege, auf Besonnenheit, ja sogar auf Bescheidenheit. Doch diese Fähigkeit findet sich vorwiegend in der Literatur, kaum in der Politik. Durch die Geschichte der französischen Literatur zieht sich eine reformistische Spur, von Montaigne bis zum Philosophen Alain, über Fénelon und La Fontaine. Aber diese Spur führte nie bis in die politische Sphäre, dorthin also, wo die Dinge sich entscheiden. Fénelon konnte nie weiter gehen als bis zu jenem Brief an Louis XIV, in dem er sich den Rat erlaubte, der König möge es mit seiner Allmacht nicht übertreiben. Nein, was für die Literatur gilt, trifft für die Politik leider nicht zu – bis heute. Es genügt, sich das Schicksal der politischen Mitte anzusehen, bei uns »Zentrismus« genannt, deren Existenz stets prekär ist. Noch nie konnten die Zentristen (oder die »Christdemokraten«) ihre Melodie als Partitur durchsetzen, stets blieb sie nur ein kleines Liedchen.

Frankreich hatte Gründer, keine Reformer. Napoleon etwa hat nichts reformiert, doch alles gegründet: Damals musste jemand das nachrevolutionäre Frankreich erfinden, ein unerhörtes Ereignis. Nicht anders der General de Gaulle: Auch er hat nichts reformiert, aber alles begründet; nach dem Zweiten Weltkrieg musste man bei null wieder anfangen. Unmöglich, diskreditierten Baustoff dafür zu verwenden! Aus der Nähe betrachtet, scheute de Gaulle sich zwar nicht, alte Bauteile zu verwenden; im Namen der nationalen Einheit fand er zu vielen Kompromissen. Aber für das Ansehen im Ausland (und für die maßlose Eigenliebe des Generals) war es von größter Wichtigkeit, so zu tun, als ob alles ex nihilo gegründet würde.

Ein unglücklicher Reformheld war Valéry Giscard d’Estaing, eigentlich einer der Großen der Politik nach de Gaulle. Nachdem er wundersamerweise an die Staatsspitze gelangt war, fragte man sich allerdings, aufgrund welcher geheimnisvollen Umstände er sich enthielt, das Wort »Reform« auszusprechen, und sich damit begnügte, von »Entkrampfung« zu reden. Giscard, das war die Zeit des »cool« – heute mit Hollande ist man »normal« –, doch die Öffentlichkeit konnte sich darunter nichts Rechtes vorstellen, sie kam sich geradezu verloren vor ohne Guillotine, ohne zu bestrafende Schuldige, womöglich solche mit Adelsprädikat; Giscard führte sogar selber so ein de im Namen, war es auch nur von mäßiger Qualität. Ihm eigene Ungeschicklichkeiten nahmen dem Präsidenten den Nimbus, etwa als er Müllmänner zum Frühstück einlud: Das war, als hätte Louis XV mit seinen Lakaien Tee getrunken. Am Ende ruinierte die Affäre mit den Diamanten, Geschenken des afrikanischen Diktators Bokassa, Giscards so vielversprechende politische Karriere auf immer. Ob Hollande mehr Glück haben wird? Die politische Wette jedenfalls ist die gleiche geblieben.

Die Unmöglichkeit, das Land zu reformieren, hat mit der Revolution zu tun. Indem Frankreich den Königsmord auf sich nahm, indem es also unwiederbringlich die Tür zu pragmatischer Verbesserung zuschlug, indem es die Ohren vor den weisen Ratschlägen Mirabeaus oder Chateaubriands verschloss – politischer Genies jener Periode, die nicht weniger als eine konstitutionelle Monarchie im Sinne hatten, was ja kein Ding der Unmöglichkeit war –, sperrte es sich selbst in eine Falle. Was blieb, war Bedauern. Mögen wir heute auch Republikaner sein wollen, mag die Republik sich auch Republik nennen, auch sie ist eine Maschinerie zur Reproduktion von Ungleichheiten. Da genügt ein Blick auf die impliziten Ungleichheiten im Schulsystem; stets sind es die besonders Revolutionären – und stets diejenigen, die das Wort Gleichheit im Munde führen –, die ihre Kinder auf die angesehensten Schulen schicken.