Vatikan Göttliche Revolution

Ausgerechnet der Bürgerrechtler Gauck besucht den Papst in Rom.

Es ist ein deutsches Ereignis. Eine Art Mauerfall: Wenn diese Woche der deutsche Bundespräsident den deutschen Papst in Rom besucht, dann prallen Welten aufeinander – Politiker und Pontifex, Demokrat und Stellvertreter Gottes, Protestant und Katholik.

Was hat ein evangelischer Pastor überhaupt im Vatikan zu suchen? Da er seit anno 1517 den direkten Draht zu Gott hat, wieso soll er jetzt vor einem Heiligen Vater einknicken? Will er die Reformation nach Rom tragen? Oder sogar ein bisschen Revolution? Joachim Gauck war ja schon immer der Freiheitsapostel und weniger der fromme Gottesmann.

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Wenn sich nun ein Bürgerrechtler in die letzte Bastion des autoritären Denkens in Westeuropa begibt, dann hat das Folgen. Schon aus Gründen der Höflichkeit und zumindest einen Tag lang muss der Vatikan so tun, als erschienen ihm sämtliche demokratischen Grundrechte plausibel. Als läge ihm die Freiheit ebenso sehr wie Gottes Wahrheit am Herzen. Als hätte er gar Lust auf Ökumene.

Evangelischer Bundespastor trifft katholischen Oberhirten. Das allein ist ein Triumph über jene separatistischen Kleriker, die stets von Kirchenspaltung sprechen, wenn sie Reformation meinen. Sie waren sehr pikiert, dass Papst Benedikt vergangenen Herbst das protestantische Kernland besuchte und in Erfurt über Martin Luther sprach. Sie wollen auch deshalb keine Ökumene, weil sonst wieder unbeantwortete Fragen auf den Tisch kommen, die schon das katholische Mönchlein Luther seiner Kirche stellte: Wie viel Obrigkeit verträgt ein Christ? Und was, wenn die Gemeinde anders glaubt als ihre Oberhirten?

In Rom werden die deutschen Rufe nach Kirchenreformen als zerstörerisches Abweichlertum gewertet. Da gibt es heftigen Widerstand gegen ein vereintes Nachdenken über die Zukunft des Christentums und folglich der Welt. Wenn aber Gauck und Benedikt einander die Hand reichen, dann wird es schwieriger, verfeindet zu bleiben. Dann kann man gewisse Zukunftsfragen bald nicht mehr getrennt besprechen: Wie viel Toleranz verträgt der Glaube? Wie viel politische Deutungsmacht soll die Kirche haben im modernen Staat?

Präsident trifft Papst: Diese schöne Kollision könnte noch eine friedliche Revolution auslösen. Irgendwann werden die Kirchenhistoriker vielleicht schreiben, dass dies der Moment war, als im Vatikan erstmals eine Grenze überschritten und offiziell eingestanden wurde: Freiheit schadet nicht. Und es stürzt auch nicht der Himmel ein, wenn sich eine Mauer öffnet.

 
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