GewebehandelDie Leiche als Rohstoff

In der Ukraine florierte offenbar ein Handel mit illegal entnommenem Gewebe von Verstorbenen. Eine Spur führt nach Deutschland. von Martina Keller

Das Geschäft mit menschlichen Leichenteilen ist diskret. Wer die Webseite der Firma Tutogen Medical GmbH in Neunkirchen am Brand anklickt, findet Fotos von glücklichen Patienten. Eine Messebroschüre zeigt Abbildungen klinisch reiner Produkte für Orthopädie oder Zahnmedizin, die nicht entfernt an ihre Herkunft aus Leichen erinnern. Dass sich das fränkische Unternehmen seit mehr als einem Jahrzehnt das Rohmaterial zum großen Teil aus Osteuropa besorgte, wird nicht erwähnt, und auch nicht, wie die Partner der Firma mitunter vorgingen.

Aus Lettland, Estland, Ungarn, Tschechien und zuletzt auch der Slowakei beschaffte sich Tutogen in der Vergangenheit Nachschub, auch um den boomenden US-Markt mit Implantaten zu versorgen. Zum wichtigsten Lieferanten aber entwickelte sich die Ukraine. Mehr als 20 rechtsmedizinische Institute waren dort noch bis vor Kurzem bei der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA für die Entnahme von Leichenteilen registriert. Als Kontakt war stets dieselbe Telefonnummer angegeben: die der Tutogen Medical GmbH.

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Damit ist es jetzt vorbei. Die Firma Tutogen habe ihre Importlizenz im August freiwillig zurückgegeben, bestätigte die Regierung von Oberbayern auf Anfrage. So konnte eine für September geplante Inspektion der Aufsichtsbehörde in der Ukraine nicht mehr stattfinden. Sie hätte womöglich Unangenehmes zutage gefördert. Im Jahr 2012 leitete der ukrainische Inlandsgeheimdienst SBU gleich gegen drei rechtsmedizinische Institute Ermittlungen wegen illegaler Leichenteilentnahme ein. In zwei Fällen spricht die Pressesprecherin des SBU von »Banden«-Delikten.

Opfer waren Menschen wie Lubow Frolowa aus Nikolajew im Süden der Ukraine. Ihr 35-jähriger Sohn Oleksandr starb im Dezember 2011 nach einem epileptischen Anfall. Man teilte der Mutter mit, eine Autopsie sei nötig. Eine Ärztin fragte zudem, ob ein Sehnenteil am Fuß entnommen werden dürfe, wertvolle Medizin für neugeborene Babys werde daraus gemacht. Frolowa willigte ein.

Zwei Monate später, im Februar 2012, machte der ukrainische Inlandsgeheimdienst eine grausige Entdeckung. Er stoppte in der Gegend von Nikolajew einen weißen Minibus mit Kühlboxen voller Leichenteile. Auch Überreste von Oleksandr Frolowa waren darunter. Auf Behältern klebten Schildchen mit der Aufschrift »Tutogen«. Dazwischen steckten Briefumschläge mit Bargeld und Autopsieberichte in englischer Sprache.

Die Mutter war schockiert, als ihr die Polizei eine Liste der bei Oleksandr entnommenen Teile zeigte. «Zwei Rippen, zwei Achillessehnen, zwei Ellbogen, zwei Gehörknöchelchen... Ich konnte das nicht zu Ende lesen, ich fühlte mich ganz krank«, sagt sie. Nicht eines, sondern mehr als 30 Körperteile waren bei ihrem Sohn entnommen worden. Die Mutter erfuhr, dass die Leichenteile für Deutschland bestimmt waren. »Ich habe nichts gegen eine Spende«, sagt sie, »aber es muss nach dem Gesetz geschehen.«

Tutogens Partner in der Ukraine war die Firma Bioimplant. Diese organisierte die Entnahme in den rechtsmedizinischen Instituten des Landes. Bioimplant ist ein staatseigenes Unternehmen unter der Aufsicht des ukrainischen Gesundheitsministeriums, der Rechtsmediziner Igor Aleschtschenko leitet das Unternehmen. In internen Papieren, die der ZEIT vorliegen, bezeichnete Tutogen Aleschtschenko schon vor einem Jahrzehnt als »kostenintensive Person«.

Schon in der Vergangenheit kam es in der Ukraine zu Ermittlungen wegen illegaler Leichenteilentnahme. Die Eheleute Malisch aus Kriwoi Rog haben bis heute nicht verwunden, was mit ihrem Sohn geschah. Sergej hatte sich im April 2008 mit 19 Jahren in der Garage der Eltern erhängt. Der Vater fand den toten Sohn und alarmierte die Miliz, die in Begleitung zweier Rechtsmedizinerinnen erschien. Die Frauen drückten Sergejs weinender Mutter Papiere in die Hand und baten um eine Unterschrift. Für eine Autopsie?, fragte die Mutter. »Ja.« Doch auch bei Sergej wurden Knochen und andere Gewebeteile entnommen.

Dass die Gebeine ihres Sohns offenbar ins Ausland geliefert wurden, erfuhren die Eltern erst im Vorfeld eines Prozesses, der 2009 in Kriwoi Rog begann. »Die machen Geld mit dem Unglück anderer Menschen«, sagte Vater Malisch. Bevor ein Urteil gesprochen werden konnte, starb der angeklagte Leiter der Rechtsmedizin.

Caroline Hartill, leitende Managerin bei Tutogens amerikanischer Mutterfirma RTI Biologics, sagte, man versuche etwaige Regelverstöße gemeinsam mit den ukrainischen Behörden zu verhindern. Die Entnahme in der Region Kriwoi Rog sei 2008 beendet worden. Doch RTI muss sich nicht nur wegen der Ereignisse in der Ukraine kritische Fragen gefallen lassen. Die Firma hat ebenfalls Ärger wegen eines Skandals in den USA, der längst aus den Schlagzeilen verschwunden schien. Michael Mastromarino, ein ehemaliger Zahnarzt aus Manhattan, der seine Lizenz wegen Drogenproblemen verlor, hatte bis 2005 mehr als 1.000 Leichen illegal ausgeschlachtet, darunter krebszerfressene und HIV-infizierte Körper.

Leserkommentare
  1. auch bei Organspendern. Die Spender spenden, die Industrie macht riesige Gewinne. Das ist Ausbeutung im wahrsten Sinne des Wortes!

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  2. An ein- und demselben Tag wird das Leid von Versuchstieren mit dem höheren Wohl der Menscheit gerechtfertigt, die illegale Entnahme von Leichenteilen aber als Verbrechen beschrieben.

    Das stimmt einen sehr, sehr nachdenklich.

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    Kann dem nur zustimmen. und ich finde es komisch, dass immer dieselbe Autorin mit genau diesem Thema und immer über die gleiche Firma schreibt. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass die Autorin etwas gegen die Firma hat?! Außerdem finde ich es schade, dass nicht aufgeklärt wird, warum man auf ukrainische Leichenteile zurückgreifen muss. Die deutschen Pathologen sind nämlich nicht an mehr Arbeit interessiert. Auch wenn sie damit kranken Menschen helfen könnten.

  3. Kann dem nur zustimmen. und ich finde es komisch, dass immer dieselbe Autorin mit genau diesem Thema und immer über die gleiche Firma schreibt. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass die Autorin etwas gegen die Firma hat?! Außerdem finde ich es schade, dass nicht aufgeklärt wird, warum man auf ukrainische Leichenteile zurückgreifen muss. Die deutschen Pathologen sind nämlich nicht an mehr Arbeit interessiert. Auch wenn sie damit kranken Menschen helfen könnten.

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    Was haben Pathologen mit Organspenden zu tun? Die Entnahme von Spenderorganen machen Chirurgen, Pathologen machen höchstens Autopsien (oder lassen diese von Assistenten machen). Und bei Ihrer Unterstellung, dass deutsche Pathologen nicht mehr Arbeit wollen, obwohl sie damit Patienten helfen würden, würde mich mal eine Begründung interessieren. Wissen Sie überhaupt, was so ein Pathologe den ganzen Tag macht? Der untersucht Gewebeproben, die aus Biopsien entnommen wurden, und schreibt Gutachten und so was. Mit lebenden Menschen hat der eher selten zu tun.

  4. Was haben Pathologen mit Organspenden zu tun? Die Entnahme von Spenderorganen machen Chirurgen, Pathologen machen höchstens Autopsien (oder lassen diese von Assistenten machen). Und bei Ihrer Unterstellung, dass deutsche Pathologen nicht mehr Arbeit wollen, obwohl sie damit Patienten helfen würden, würde mich mal eine Begründung interessieren. Wissen Sie überhaupt, was so ein Pathologe den ganzen Tag macht? Der untersucht Gewebeproben, die aus Biopsien entnommen wurden, und schreibt Gutachten und so was. Mit lebenden Menschen hat der eher selten zu tun.

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  5. wenn jeder automatisch Organspender wird. Wer es nicht sein möchte sollte es beantragen. Wenn es viele Spender gibt, wird es nicht mehr so viel illegale Geschäfte mit Organe und anderen Körperteile geben.

    • SonDing
    • 13. Dezember 2012 20:35 Uhr

    Wie wir sehen können, ist das Organhandel-Problem in der Ukraine nicht nur auf Leichen beschränkt:

    Ukraine: Israeli leitet Organhandel-Ring
    Authorities say scheme to recruit organ donors from former Soviet countries and transplant organs into wealthy foreigners headed by Israeli citizen
    http://www.ynetnews.com/a...

    Die Ukraine hat Israel beschuldigt, mehr als 25000 Kinder nach Israel zur Organspende "importiert" zu haben.
    Weiterhin gibt es Berichte wonach ein schwedischer Journalist, die israelische Armee beschuldigt, gezielt junge Palästinenser zu töten, um ihnen Organe zu entnehmen:

    Israel is accused of Organ trade in UKRAINE after Palestine
    http://www.effedieffe.com...

  6. Auf was für einem Niveau wir gelandet sind.

    Und da schreiben und sprechen alle von der zivilisierten Welt des Westens.

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    • vonDü
    • 14. Dezember 2012 2:15 Uhr

    "Aus Lettland, Estland, Ungarn, Tschechien und zuletzt auch der Slowakei beschaffte sich Tutogen in der Vergangenheit Nachschub, auch um den boomenden US-Markt mit Implantaten zu versorgen."

    Der "Rohstoffhunger" des Westens, in Verbindung mit seiner "Geiz ist geil" Mentalität, geht nicht nur über Leichen, er vermarktet sie anschließend auch noch global.

    Ob ich die Leichenfledderei in Ost-Europa für verwerflicher halten soll, als die Vermarktung der Leichen der Waffenindustrie, auf deren Verkaufsshows, weiß ich nicht.

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  • Schlagworte Ukraine | Tod | Transplantationen | Rechtsmedizin | Organhandel
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