"Madame Bovary"Die Freuden der Genauigkeit

Mit der großartigen Übersetzung von Flauberts "Madame Bovary" wird ein Meisterwerk neu entdeckt. von Andreas Isenschmid

Gustave Flaubert

Gustave Flaubert  |  © Hulton Archive

Hier kommen zwei Radikale zusammen: ein Autor und seine Übersetzerin. Der Autor ist bald 35 und hat über zwanzig Jahre hinweg Tausende von Seiten für die Schublade geschrieben. Außer zwei kurzen Erzählungen im Alter von fünfzehn Jahren hat er keine Zeile veröffentlicht. Aber seinen Stolz und seinen Ehrgeiz hat er nicht verloren. Er ist »überzeugt, dass niemand jemals eine vollkommenere Art von Prosa im Kopf hatte als ich«. Sein Ziel ist ein Roman mit der »Dichte der Lyrik«. »Ein guter Prosasatz«, findet er, »muss unveränderlich sein wie ein guter Vers, ebenso rhythmisch, ebenso klangvoll.«

1857 publiziert dieser Autor, Gustave Flaubert mit Namen, seinen Erstlingsroman, Madame Bovary, Mœurs de Province. Seine Ambitionen, so zeigt sich bald, waren nicht vermessen, die fünfundfünfzig qualvollen Monate, die er am Manuskript saß, nicht umsonst. Die Madame Bovary enthalte »die Formel des modernen Romans«, wird der Kollege Émile Zola urteilen; sie habe durch ihren Stil »unsere Sicht der Dinge beinahe ebenso sehr erneuert wie Kant«, schreibt Marcel Proust.

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Madame Bovary ist die Geschichte der Bauerntochter Emma, die den Arzt Charles Bovary heiratet, sich in der Ehe, in der Provinz und im Leben bald und extrem langweilt, sich zwei Liebhaber nimmt und, als sie vor Schulden und Enttäuschung nicht mehr weiterweiß, mit Arsen ihr Leben beendet. Was einen bis heute bei jeder Lektüre jubeln und frösteln lässt, ist Flauberts Stil. Er ist vollkommen in der Schönheit, der Genauigkeit und der klischeefreien Wahrheit. Man hat diese affektfreie und unpersönliche Objektivität eine »Präzision des Hasses« genannt – in der Tat bleibt nach dem Beschuss durch Flauberts Präzisionssätze rein gar nichts mehr übrig von den »Sitten in der Provinz« jener und aller Zeiten.

Zur Radikalität Flauberts passt bestens diejenige von Elisabeth Edl, der vielfach preisgekrönten Übersetzerin aus dem Französischen. Sie hat Simone Weil, Patrick Modiano und Stendhal verdeutscht. Doch nun hat sie ihre Ambition sichtbar gesteigert: Ihre Übersetzung der Madame Bovary begleitet sie mit einem fast flaubertschen polemischen Fanfarenstoß. Sie findet nämlich alle 27 deutschen Übertragungen der Bovary, die seit 1858 entstanden sind, samt und sonders unbrauchbar, auch die 2001 veröffentlichte von Caroline Vollmann, die der hier Schreibende seinerzeit in der ZEIT als bemerkenswert geglückt beurteilt hatte. »Niederschmetternd« nennt Edl in einer Nachbemerkung alle Übersetzungen im Vergleich mit Flauberts Maßstäben. Keine Übersetzung »scheint sich der Herausforderung überhaupt bewusst zu sein«. Selbst die besten Übersetzungen »verfehlen die spezifische Qualität ganz und gar«. Deutsche Leser des Romans könnten bisher »weder die hohe Wertung seines stilistischen Ranges nachvollziehen noch überhaupt den ästhetischen Charakter, der diesen Ausnahmerang begründet«.

Was darf man nach einer so steilen Ankündigung erwarten? Müssen so großen Worten nun auch große Taten folgen, eine radikal andere Bovary? Wie hätte man sich die überhaupt vorzustellen? Einige frühere Übersetzungen, neben der von Caroline Vollmann (Fischer Taschenbuch) auch die von Wolfgang Techtmeier (Aufbau Verlag) und die von Maria Dessauer (Insel Verlag), sind ja alles in allem genau und angemessen.

Nun, Edls große Tat besteht nicht aus großspurigem Herumfuhrwerken im Text, sondern aus kleinen Veränderungen. Das ist auch Thomas Steinfeld aufgefallen, der Edl in der Süddeutschen Zeitung gleich zweimal vorgehalten hat, hinter ihrem Anspruch zurückgeblieben zu sein und in den Kleinigkeiten nicht selten schlechter als die Konkurrenz übersetzt zu haben. Dummerweise hat Steinfeld bei seiner Arbeit weder die Ohren noch die Wörterbücher geöffnet. So bemäkelt er an Edls Wendung »rieselte die am Rand aufgeworfene rote Erde ... geräuschlos«, dass sie vor dem Lautspielerischen des Originals versage – und ist taub für das Rieseln der sechs »R« des deutschen Satzes. Auch glaubt er zu wissen, das französische »couler« bedeute eher »fließen« als »rieseln« – ein Blick in den Sachs-Villatte beweist aber: Wenn Sand »rieselt«, heißt es »couler«, wenn Wasser rieselt, eher »ruisseler«. »Chagrin« hätte er lieber mit »Kümmernisse« als mit »Leid« übersetzt – sind wir bei Paul Heyse? Gegen »Begierden« für »convoitises« führt er den Bedeutungswandel des Wortes im Deutschen in den letzten dreißig Jahren ins Feld – sollte der nicht mit dem Französischen der letzten hundert Jahre zu tun haben? Und ist Emma Bovary, die gegen Ende geradezu dämonisch an ihre Lustimpulse gefesselt ist, dafür nicht die Urfigur?

Im Übrigen sind Edls Kleinigkeiten mehr als Kleinigkeiten, es sind buchstäblich Tausende, reflektiert gesetzte kleine und kleinste Varianten. Wer schnell liest, wird diese Varianten für das Klein-Klein halten, in dem sich Übersetzungen nun mal unterscheiden. Fündig wird nur, wer »langsam, tief, rück- und vorsichtig, mit Hintergedanken, mit offen gelassenen Türen, mit zarten Fingern und Augen« liest, wie der Philologe (und Flaubert-Leser!) Nietzsche es empfohlen hat. Ein solcher Leser freilich findet in der Edlschen Bovary mehr von Flauberts so vielsinniger Sprachkunst als bei allen Vorgängern – und er findet diese andere Bovary schon im ersten Satz, auf der ersten Seite, im ersten Kapitel.

Leserkommentare
    • Wital
    • 17. Dezember 2012 23:30 Uhr

    Wer sich mit solchen Kleinigkeiten quält, der muss die Genauigkeit der französischen Sprache sehr am Herzen sein. Es handelt sich dazu noch um altes Französisch...Ich finde, dass die Übersetzer hervoragende Arbeit leisten und dass ihr Mut es etwas anders, vieleicht metaphorisch,zu formulieren nicht in Frage gestellt werden soll.

    Jedenfalls ein schönes Buch, auch wenn es für mich ehr Zwang als Vergnügen war... Die Abundanz an Details um ein Raum zu beschreiben, kann einem in den Wahnsinn treiben (Flaubert beschreibt sogar die Türklinke am Anfang :D).

    • mirko h
    • 19. Dezember 2012 13:37 Uhr

    der mit beindruckendem Stilempfinden das in den Mittelpunkt stellt, was bei jeder literarischen Rezension im Mittelpunkt stehen sollte: die Sprache.

  1. Habe doch glatt beim Weihnachtseinkauf einen Karton vom guten Roten substituiert durch diese Buchempfehlung. Ich glaube, der Flaubert wird mir schmecken.
    Ich wünsche ein lesefrohes Weihnachtsfest.

    P.S.: Es fällt auf, dass bei der Vielzahl größtenteils neu übersetzter Klassiker so manch talentschwaches Pflänzchen, das bisher von Verlagen und Kritikern gepäppelt wurde, um die halbjährigen Verlagsprogramme abzurunden, in dieser Saison chancenlos sein wird. Auch gut.

  2. 4. Labsal

    Mein Gott, dieser Flaubert, noch nach 150 Jahren wirkt seine Prosa nicht wie von gestern.
    Ja, großartiger Artikel, großartiges Buch, erstaunliche Übersetzerin. Einzige Kritik, allerdings am Verlag: Es gibt keine E-Book-Version! Barbarisch, dieser Gedanke, schon klar. Aber für Exilanten wie mich, der am Mittelpunkt Europas, in Transnistrien lebt, doch etwas traurig.

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  • Schlagworte Roman | Buch | Belletristik | Literatur | Gustave Flaubert
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