Es sind fünf Grad an diesem Winterabend, aber Ralph Boes, der hungert, rennt durch Berlin in geöffnetem Hemd. Die Kälte spürt er nicht. »Mein Magen ist ganz leer«, sagt er, »ich bin jetzt im Jagdmodus!«

Sein Revier ist der Wedding. Auf löchrigen Lederslippern pirscht Ralph Boes durch die Straßen. Als er eine Kreideschrift auf dem Boden erspäht, kommt er leicht wippend zum Stehen. »Wir sind Boes«, steht auf der Straße. »Hammer!«, ruft Boes, 55 Jahre alt. »Hammer« ist alles für ihn, was gut ist: sein Durchhaltevermögen beim Hungern, seine Unterstützer, neue Ideen. Boes sagt ziemlich oft »Hammer«. Auch dann, wenn es noch etwas brauchte zum echten Schlag: »Da fehlt ja was: Revolution gegen Hartz IV!«

Ralph Boes ist einer von sechs Millionen Menschen, die derzeit Arbeitslosengeld II beziehen. Aber anders als die meisten bekämpft er das System.

Für Boes ist das Arbeitslosengeld II, das er wie die meisten nur Hartz IV nennt, ein Verfassungsbruch: Hartz IV verletze die Menschenwürde. Wer Hartz IV bekomme, könne seine Persönlichkeit nicht frei entfalten, seinen Beruf nicht frei wählen, sich nicht frei in Deutschland bewegen – all diese Rechte sind im Grundgesetz verbürgt. Stattdessen werde man zur Arbeit gezwungen, unangemeldet in der Wohnung aufgesucht, die Familie werde in Sippenhaft genommen – all dies verbietet das Grundgesetz. Dieses nennt Boes »das echte Recht der Bundesrepublik«. Er möchte dieses echte Recht wiederherstellen. Dafür kämpft er.

Boes ist ein Querulant.

Der Mann schließt die Tür zu seiner Zweizimmerwohnung im Wedding auf, Hinterhaus, Erdgeschoss. Es gibt viel Holz und viel Stoff in warmen Farben. »Hier lebe ich zurzeit mit drei Frauen«, sagt Boes, »wie in der Kommune I.« Auf dem Boden an der Wand liegt eine Matratze, in der Mitte steht ein großer Tisch, sein Kommandozentrum.

Das für ihn zuständige Jobcenter Berlin-Mitte, die Agentur für Arbeit, ja die gesamte Regierung und ihre Repräsentanten hat er mit Briefen überhäuft. In diesen Briefen drückt er seine Rechtsauffassung aus, sie sind Dokumente und Beweis seiner Querulanz. Boes hat sie alle auf einer Homepage veröffentlicht. Außerdem liest er sie gerne vor.

Boes spricht mit weichem pfälzischem Einschlag, selbst sein »Hammer!« klingt noch sanft. Er stammt aus Bacharach am Rhein, wo seine Eltern Winzer und Hoteliers waren. Boes begann ein Philosophie-Studium in Heidelberg, aber das war nichts für ihn: »Da steht man wie das dumme Vieh und muss immer gucken, was der eine und was der andere gesagt hat.« Das Universitätsstudium barg ihm zu wenig »innere Selbstbegegnung«, wie er sagt. Also verließ er die Universität. »Ich bin da nicht gescheitert, ich bin da ausgestiegen, weil die Universitäten vor meinem inneren Blick gescheitert sind.«

Nach dem Abbruch, der kein Scheitern gewesen sein soll, finanzierte er sein Leben mit Nachtwachen im Krankenhaus. »Ich kam mit sieben bis zehn Nächten pro Monat aus.« Bis sein zweites Kind zur Welt kam. Bei der Geburt war das Mädchen viel zu leicht, es hatte Herzbeschwerden und Hirnblutungen. Auch die Mutter war schwer krank. »Ich musste Mutter und Kind hüten, ich konnte nicht weiterarbeiten«, sagt er. Die kleine Familie lebte in einem Zimmer.

Boes hatte damals bereits einen Sohn mit einer anderen Frau, die von ihm Unterhalt für das gemeinsame Kind verlangte, aber er fühlte sich in dieser Sache vor allem vom Jugendamt verfolgt. Alles Mögliche habe das Amt von ihm verlangt, auch, dass er wieder arbeite. Boes aber fand es wichtiger, die kranke Mutter seines zweiten Kindes zu versorgen.

»Arbeit habe ich genug. Ich arbeite Vollzeit, selbstständig, ehrenamtlich«

Vielleicht hat sich in Boes damals, mit Mitte zwanzig, zum ersten Mal ein starkes, ja überbordendes Gefühl ausgebreitet, dass ihm Unrecht geschehe, dass ein anderer bestimme, was er tun und lassen, wie er leben solle. Und dieser andere war kein gleichberechtigtes Gegenüber, mit dem er hätte diskutieren können – sondern ein Amt.

In dieser Zeit schrieb Boes ein Buch gegen das naturwissenschaftliche Weltbild, weil er nicht hinnehmen wollte, dass die Erde aus dem Nichts entstanden sein soll. »Beim Schreiben saß ich unter dem Tisch und habe die Ohren umgeklappt, das kann sonst keiner«, sagt er. Dabei klappt er seine Ohrmuscheln so nach innen, dass sie den Gehörgang verstopfen.

»Als es Mutter und Kind besser ging, habe ich mich auf eine Ausbildung zum Ergotherapeuten eingelassen.« Danach zog er von Heidelberg nach Berlin, wo er als Sozialarbeiter in Kreuzberg anfing. Im Anschluss arbeitete er dem Leiter einer Seniorenresidenz zu, bis der Direktor wechselte. Der neue »hatte für meinen Stil, für meine Themen kein Ohr.« Seitdem, seit 2006, bezieht Boes Arbeitslosengeld II. Doch die Vorladungen zum Amt und die Fragen, die ihm dort gestellt wurden – »Was haben Sie in den vergangenen Monaten gemacht?«, »Wo werden Sie sich bewerben?« –, griffen ihn an.

"Ich breche innerhalb des Hartz-IV-Systems alle Regeln"

Boes litt, bis er einen Vortrag des Unternehmers Götz Werner hörte, der sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen einsetzt. Für Boes war dieses Modell seine Befreiung. Seine Erleuchtung. Und seine Anleitung zum Kampf gegen das System. Wenn jeder ein bedingungsloses Grundeinkommen hätte, so die Idee, müsste sich niemand mehr vom Amt und dessen Mitarbeitern vorschreiben lassen, welche Arbeit man verrichtet. Stattdessen könnte jeder der Arbeit nachgehen, die er für richtig hält, also auch gemeinnütziger. Die Freiheit des Einzelnen führte zu einer besseren Gesellschaft. Gemeinsam mit drei Studierenden gründete Boes die Bürgerinitiative Bedingungsloses Grundeinkommen und hält seither dazu Vorträge.

Auf die Frage, wie dieses Einkommen in die Welt kommen kann, für jeden und überall, antwortet er: Das bestehende System muss weg. Für Ralph Boes wurde das schnell zu einer persönlichen Angelegenheit, zumal er sich vom Amt verfolgt sah. Also musste er, und nur er, das Amt bekämpfen. »Wie stelle ich mich so in die Welt, dass das Hartz-IV-System gar nicht anders kann als sich zu wandeln?«, fragt er, und gibt die Antwort gleich selbst: »Ich breche innerhalb des Hartz-IV-Systems alle Regeln.«

Boes wartet auf den Prozess. »Dann gehe ich durch alle Instanzen bis vor das Bundesverfassungsgericht.« Dort müssten die Richter erkennen, dass die Regelung zum Arbeitslosengeld II nicht konform sei mit dem Grundgesetz, glaubt Boes. Dann hätte er, der Querulant, es geschafft, seine Rechtsauffassung durchzusetzen. »Ich bringe das System dazu, sich selbst zu entlarven«, sagt Boes.

Wer sich der Zusammenarbeit mit dem Amt verweigert, wer zu Terminen oder Vorstellungsgesprächen nicht erscheint oder eine Arbeit ablehnt, dem kann das Arbeitslosengeld in Stufen entzogen werden. Boes glaubt, jeder Hartzer lebe in Angst vor diesen Sanktionen. Tatsächlich betreffen sie derzeit 3,4 Prozent derer, die das Amt als erwerbsfähig ansieht, die also nicht minderjährig sind oder krank. Es sind etwa 150.000 Menschen. Ralph Boes ist jetzt einer von ihnen.

Endlich, findet er. Schwer genug sei es ja gewesen. Erst nach zweieinhalb Jahren Provokation sei es ihm gelungen, sanktioniert zu werden. Sein erster Akt der Querulanz war, auf die Frage seines Arbeitsvermittlers, wie er die vorausgegangenen Monate verbracht habe, zu antworten: »Ich bin mit dickem Auto und Chauffeur durch die Republik gereist, für Vorträge zum bedingungslosen Grundeinkommen.« Eigentlich darf er ohne Ankündigung nicht verreisen, sondern muss täglich an seinem Wohnort für das Jobcenter verfügbar sein.

Na ja, habe der Betreuer geantwortet, jetzt habe ich Arbeit für Sie. »Arbeit habe ich genug, ich arbeite Vollzeit, selbstständig, ehrenamtlich. Ich brauche nur Ihr Geld!«, habe er geantwortet, erzählt Boes. Er freut sich noch immer über sein Aufbegehren. Denn aus Ralph Boes, dem abhängigen Hartzer, der in den Winkeln der Institution verschwindet, ist von diesem Moment an Ralph Boes geworden, der seine Situation selbst bestimmt. Im Jobcenter lese er fortan seine eigenen Briefe und Dokumente vor, »genau umgekehrt zu dem, wie es normalerweise in Ämtern ist«. Die Antwort seiner Betreuer sei jedes Mal gewesen: »Was soll ich denn jetzt machen?«

Vor seinem Aufbegehren habe er mit seinen Betreuern beim Jobcenter nie Probleme gehabt, sagt Boes. Aber nun verlangt er nach Sanktionen. Boes lehnt eine Stelle bei einer Zeitarbeitsfirma und bei einem Callcenter ab. Er lehnt es ab, eine Eingliederungsvereinbarung zu unterschreiben. Trotzdem wird er zunächst nicht sanktioniert. »Ich habe mich gefühlt, als würde ich alleine auf dem Spielplatz stehen.«

Er schreibt Briefe an das Jobcenter, klagt: »Ich werde bis heute nicht sanktioniert!«, und droht mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde. Im Juli beginnt das Amt, ihm stufenweise seine Leistungen zu kürzen – zuletzt um 90 Prozent auf 37,40 Euro. Ralph Boes kann in die nächste Phase seines Kampfes treten, die die letzte sein soll. Mit Lebensmittelgutscheinen einzukaufen, lehnt er als entwürdigend ab. Stattdessen hat er die Waffe der Märtyrer gewählt: den Hunger.

Als er den Bundespräsidenten zum Gespräch einladen will, ist der nicht da

Aber Boes erinnert nicht an die Ikonen der Hungerstreikenden, an den ausgemergelten Holger Meins oder den sterbenden Bobby Sands. Denn Boes ist kein Opfer. Er ist jemand, der wählt. »Ich will nicht sterben, aber ich will gewinnen«, sagt er.

Mittlerweile hat seine Aktion im Netz zahlreiche Unterstützer gefunden. Sie schildern auf Boes’ Homepage ihre eigenen Erfahrungen mit dem Amt. Viel ist hier zu lesen von Demütigung. Wenige werfen Boes vor, mit seiner Aktion das tatsächliche Leiden von Hartzern zu verhöhnen.

Am 1. Dezember steht Ralph Boes vor dem Haus der Kulturen der Welt. Hinter ihm strömen Bildungsbürger in eine Ausstellung, gezeigt werden Revolutionsfotos aus dem Senegal. Boes trägt gegen den Lärm der vorüberfahrenden Busse den etwa zwanzig um ihn versammelten Anhängern ein Schreiben an den Bundespräsidenten vor, das er ihm gleich übergeben möchte. In dem Brief lädt Boes den Bundespräsidenten zu sich nach Hause ein, um alles in Ruhe zu diskutieren. Der Trupp zieht durch den Tiergarten los. »Wo ist das Schloss?«, ruft Boes. Dort angekommen, klopft er gegen den Zaun. Joachim Gauck ist gerade bei dem Trauergottesdienst für die Verstorbenen der Behindertenwerkstatt in Baden-Württemberg, aber wen kümmert es, wenn der höchste Repräsentant der Verfassung, auf die man sich beruft, gerade mal nicht da ist. Ein Polizist taucht auf und sagt, das Bundespräsidialamt habe am Wochenende immer geschlossen. »Kinder, dann bring ich das Montag vorbei! Wo ist das Problem?«, ruft Boes.

Seit diesem Tag isst Boes wieder. Das Amt hat einen Formfehler gemacht und einen Teil der Sanktionen zurückgenommen. Also musste Boes die Revolution verschieben. »Ich zwing’s mir rein«, sagt er, »ich war ja längst über den Punkt hinaus, an dem ich Hunger hatte. Hammer!«

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